Carl-Zuckmayer-Medaille Keine Reue, dafür aber Selbstironie

Robert Menasse bei der Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille.

(Foto: dpa)

Bei der Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille wählt Robert Menasse eher leise Töne gegen die laute Kritik, die ihm für seine erfundenen Zitate entgegen schlug.

Von Rudolf Neumaier, Mainz

Worüber redet man am besten, wenn man ein kleines Problem hat mit der Rede? Am einfachsten darüber, wie die Rede entstanden ist. Robert Menasse, 64, hat sich ordentlich bedankt, als ihm die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer am Freitagabend im Staatstheater Mainz die Carl-Zuckmayer-Medaille verlieh. Und eigentlich, sagte er, hätte er in seiner Dankesrede über den Bedeutungswandel von Begriffen referieren wollen. Aber dann... Dann kam ihm diese Affäre dazwischen. Die Geschichte mit den erfundenen Zitaten des CDU-Europapolitikers Walter Hallstein (1901 bis 1982), für die der Österreicher Menasse in den vergangenen Wochen vielstimmig Kritik und Häme erntete. Also erzählte Menasse von der Genese seiner geplatzten Rede.

Wer eine Apologie erwartet hatte oder ein zerknirschtes "Mea culpa", dürfte enttäuscht gewesen sein. In Maßen wurde er selbstironisch. Er machte Anspielungen auf Zitierweisen - was manche im Publikum zu einem amüsierten Räuspern veranlasste, andere gar zum Lachen brachte. Einige Kostproben seiner ursprünglichen Überlegungen zum Bedeutungswandel gab er auch. Subsidiarität? Ein Begriff aus der katholischen Soziallehre, heute zu einem "Synonym für Nationalismus" verkommen. Proeuropäisch? Bei Lichte besehen sei alles, was Politiker heute als proeuropäisch bezeichnen, schlichtweg antieuropäisch. Menasse ist immer ein durch und durch politischer Autor gewesen, und er will es - das signalisiert er mit diesem Auftritt - trotz allem und jetzt erst recht bleiben.

Als ihn ein TV-Team nach der Verleihung über sein Hallstein-Schlamassel fragt, bricht er das Interview schnell ab. Er habe an diesem Abend "so viel Liebe" gespürt, und zu allem anderen habe er alles schon gesagt.

"Und immer wieder entdecke ich mich bei Ideen, für die ich mich schäme."

Ministerpräsidentin Malu Dreyer hatte in ihrer Rede angedeutet, dass der Preisverleihung eine intensive interne Diskussion vorausging: "Es war wahrlich kein leichter Weg bis zu diesem Festabend und ich danke allen, die dazu beigetragen haben, Argumente zu wägen und zu einer verantworteten Entscheidung zu kommen." Dass Menasse seinen Fehler eingesehen und sich entschuldigt habe, sei sie anzuerkennen bereit. Applaus erhielt die SPD-Politikerin für ihren Appell, Menasses Entschuldigung zu akzeptieren. Darin werde sich "der Charakter und die Kultur unserer demokratischen Gesellschaft erweisen". Der Fraktionsvorsitzende der CDU im rheinland-pfälzischen Landtag, Christian Baldauf, hatte die Auszeichnung für Menasse Mitte der Woche in einem Beitrag in der FAZ als "schweren Fehler" bezeichnet. Der von Menasse zitierte Hallstein war rheinland-pfälzischer CDU-Politiker. "Herrscht im Mainzer Hofstaat Narrenfreiheit für Linksintellektuelle, heiligt der Zweck jedes Mittel", ätzte Baldauf unter anderem.

Beim Festakt wurde ein kurzes Filmporträt Menasses vorgeführt. Aufgezeichnet wurde es, bevor die erfundenen Hallstein-Zitate am Ende des vergangenen Jahres zum großen Thema wurden. Robert Menasse spricht in dem Film darüber, wie schwer es sei, die Gesellschaft zum Positiven zu verändern. "Es gelingt mir ja nicht einmal, mich selbst besser zu machen. Ich arbeite seit vierzig Jahren daran. Und immer wieder entdecke ich mich bei Ideen, für die ich mich schäme."

Die Carl-Zuckmayer-Medaille haben unter anderem Friedrich Dürrenmatt, Martin Walser, Mirjam Pressler, Udo Lindenberg, Volker Schlöndorff, Doris Dörrie und Sven Regener erhalten.

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