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Robert Macfarlane:Sprache der Sporen

Robert Macfarlane

Robert Macfarlane ist der prominenteste britische Wander-Schriftsteller. Sein neues Buch heißt „Unterland“.

(Foto: BRYAN APPLEYARD)

"Landschaft und Literatur waren für mich immer verbunden": Ein Gespräch mit dem britischen Erfolgsautor.

Robert Macfarlane sieht ausgeruht aus an diesem Morgen. Dabei war er am Vortag 14 Stunden unterwegs, mit dem Zug von London nach München. Doch der Autor, groß und trainiert, der für sein neues Buch "Unterland" an so entlegene Orte wie slowenische Höhlen und das grönländische Packeis wanderte, wirkt frisch und lobt das Schienennetz Europas - "vor allem im Vergleich mit der britischen Bahn" -, bevor er unvermittelt fragt: "Wandern Sie?"

SZ: Schon, aber verglichen mit Ihnen bin ich Spaziergängerin, auch beim Schwimmen in Flüssen oder Seen bleibe ich vorsichtig.

Robert Macfarlane: Ich bin kein guter Schwimmer - eher jemand, der mal ins Wasser springt. Aber ich liebe es, einen sich bewegenden Fluss wie die Isar zu erleben. Und wie dieser Fluss in München zum Zentrum des öffentlichen Lebens wird.

Jetzt habe ich dieses Gefühl, das ich auch als Leser Ihrer Bücher oft habe: Dass ich Ihnen folgen möchte, sowohl auf der Tour als auch bei Ihren Gedanken. Wann haben Sie angefangen, den Rhythmus Ihrer Gedanken und Ihrer Schritte zu verbinden?

Ich bin immer schon gleichzeitig in die Landschaft und die Sprache hinein gelaufen. Meine Eltern waren sportlich, die Familie immer in den Bergen unterwegs. Schon früh habe ich mir meinen Weg in die Landschaft auch erlesen, das hat mein Großvater vorgegeben, ein Diplomat und Bergsteiger. Er besaß eine Bibliothek mit Kletterführern, Reiseliteratur, Expeditionsbeschreibungen. Landschaft und Literatur waren für mich immer verbunden.

In "Unterland" steigen Sie ins Innere der Erde. Das hat mit Familienausflügen nicht mehr viel zu tun.

Es ist die natürliche Fortsetzung meines ersten Buchs, in dem ich herausfinden wollte, warum wir in die Höhe steigen.

In "Unterland" begegnet man dem Philosophiestudenten Neil Moss, der in einem unterirdischen Schacht feststeckt und unrettbar versinkt. Später schildern Sie, wie Sie während einer Wanderung vor Erschöpfung fast verzweifeln. Ihre Bücher zu lesen ist eine körperliche Erfahrung.

Deswegen unternehme ich ja diese Reisen - damit Sie sie nicht machen müssen. Und es war immer so, dass wir aus dem Untergrund nicht nur Mineralien geschürft haben, sondern auch unsere Mythen. Moss' Geschichte ist aus vielen Gründen entsetzlich. Einer ist, dass jede Bewegung seine Situation verschlimmert. Als Spezies erleben wir Menschen gerade auch so einen Moment der Verengung, des Steckenbleibens. Die Dinge schließen sich um uns zusammen. Davon sollte dieses Buch handeln.

Ein anderes Motiv ist die Erkenntnis, dass die Erde nichts verschlingt. Selbst wenn wir aussterben, werden wir einfach zu Gestein aushärten. Nichts geht verloren.

Das geologische Denken, das Denken mit den Steinen, ist eine Möglichkeit, die Sicht umzudrehen. Der Versuch, ins Dunkel zu schauen, um die Zukunft zu sehen, prägte schon die griechische Mythologie. Heute sind es die Klimatologen und Gletscherforscher, die in die Sedimente eindringen, um vorauszusagen, was kommen wird.

Ihre Reisen sind immer auch als Suche nach adäquaten Begriffen angelegt, nach präzisen Wörtern, die aller Erkenntnis vorangehen.

Ich liebe Wörter und habe Freude an der Art, wie wir Orte durch Sprache wahrnehmen. Unsere Sprache verarmt heute, davon handelte "The Lost Words". Mit "Landmarks" habe ich versucht, einen Wortschatz für die Natur aus mehr als 30 Sprachen zusammenzutragen, bis sie sich auf unserer Zunge verheddern und hüpfen. "Unterland" wird dagegen von dem Gefühl getragen, dass Sprache einfach aufhört. Es geht um Dunkelheit, um Umbrüche und einen Zeitbegriff, der weit ausgreift.

Sie sprechen von "tiefer Zeit". Im Unterschied zu Autoren wie John McPhee verwenden Sie den Begriff aber nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch, um vor uns liegende Epochen einzugrenzen.

Die Empfindung, über einem Abgrund der Zeit zu stehen, das Gefühl eines Schwindels hat die Sprache der Geologen von Anfang an geprägt. Es ist jetzt an der Zeit, nach vorne zu denken. Wir leben im Anthropozän und sind gezwungen, über unser sehr langes Erbe nachzudenken.

Glättet das Konzept der tiefen Zeit nicht die Drastik der Erkenntnis, dass wir vor allem Schweineknochen und radioaktiven Müll hinterlassen werden? Ob die Menschheit nun einen Augenblick oder zwei existiert, wo liegt der Unterschied?

Ja, die Perspektive der tiefen Zeit löscht alle Werte aus. Aber ich glaube, für uns ist das ein zu einfaches Alibi. Wir müssen uns fragen, wie unser Erbe sich auf kommende Generationen auswirkt. Das führt zu der Frage: Sind wir gute Vorfahren? Die kann man schon beantworten: Nein.

In Deutschland wurde Peter Wohllebens "Das geheime Leben der Bäume" zum Bestseller. Sie schildern den gleichen Sachverhalt - die unterirdischen Verbindungen innerhalb eines Waldes - in der poetischen Analogie eines "Wood Wide Web". Im Angelsächsischen verwendet man für diese Art von Literatur den Ausdruck Nature Writing.

Ich bin nicht eben begeistert von dem Ausdruck. Aber ich finde auch Non-Fiction unpassend: ein Buch darüber zu definieren, was es nicht ist. Ich habe Non-Fiction nie als Reihe von Verboten verstanden, sondern als großartige Möglichkeit. Ich will bei meiner Arbeit möglichst viele Formen der Literatur verwenden. Etwa das Schreiben im Hier und Jetzt, das sich mit der Rekonstruktion eines Augenblicks aus einer entfernten Vergangenheit verbindet. Das habe ich in dem Kapitel über die Roten Tänzer, eine Höhlenmalerei, versucht.

In diesem Abschnitt wird Ihre Sprache ungeheuer rhythmisch.

Ich arbeite monatelang am Rhythmus von Sätzen. Das kann beim Umfang von 500 Seiten sehr schwierig werden. Und es macht meinen Übersetzern viel Arbeit.

Sie konstatieren immer wieder, dass unsere Sprache nicht ausreicht für die Beschreibung der Erscheinungen der Natur.

Der Pilzforscher Merlin Sheldrake, mit dem ich über die Metapher des Wood Wide Web diskutierte, sagte, er habe das Gefühl, dass die riesigen unterirdischen Pilz-Strukturen, die er betrachtet, zurückblicken. Dass er von den Mikroorganismen so gelesen wird, wie er sie zu lesen versucht. Ein Begriff wie Wood Wide Web eröffnet die Möglichkeit der Auslegung - von einer neoliberalen, darwinistischen Lesart bis hin zu der einer auf Gegenseitigkeit beruhenden kommunistischen Gemeinschaft. Aber ist das angemessen? Oder sollte man nicht versuchen, die Sprache der Sporen zu sprechen, ein auf Gegenseitigkeit angelegtes Denken zu entwickeln?

Zurück zu Ihrer Kritik am Begriff Nature Writing. Wie etikettieren Sie sich denn selbst?

Als Autor.

Sie haben in "Landmarks" Hunderte von Wörtern für Torf aufgelistet, da sollte es doch etwas präziser gehen.

In meiner Arbeit vermischen sich Kulturgeschichte, Anthropologie, Archäologie, Poesie. Der Gedanke, jemand könnte als Einzelner über einen Ort schreiben, ist kolonialistisch. Die Geschichte einer Landschaft muss von vielen Stimmen erzählt werden.

Warum? Literatur ist doch stark, weil sie subjektiv ist.

Es gibt gute Begrifflichkeiten und schlechte Begrifflichkeiten. Die Sprache, in der man über Orte schreibt, kann kraftvoll sein oder gefährlich. Vor allem da, wo sie Zugehörigkeit ausdrückt. Die, die eine Landschaft benutzen wollen, investieren viel, um die dort existierende Sprache zu vernichten. Sie wollen einen Ort, der frei ist von Sprache, Geschichte, Ökologie. Ich habe in Sheffield oder auf den Hebriden erlebt, wie kleine Gemeinden die Geschichten, die in das Land eingewoben sind, erhalten. Das ist politische und ethische Arbeit.