Robert Gernhardts ´"Sudelblätter" Der Mensch - ein verworrenes Bündel Röhren

Wo die Feder gerade im Begriffe ist, ihren Geist aufzugeben. Robert Gernhardts "Sudelblätter" sind in Frankfurt zu bewundern.

Von VOLKER BREIDECKER

Was passiert eigentlich auf einem Blatt Papier, wenn es mit merkwürdigen Zeichen, Formen und Figuren gefüllt wird, die sich dort wie auf einem neuen Planeten tummeln, sich drehen und wenden, biegen und krümmen und die seltsamsten Kapriolen schlagen?

Einer will sich ersäufen, allein sein großer Hund, der ihm nachgelaufen, apportiert ihn allemal wieder.

(Foto: Foto: Freies Deutsches Hochstift)

Ästhetiker, Literatur- und Medientheoretiker haben es bis heute versäumt, eine Theorie des Papiers zu entwickeln, die eine plausible Erklärung dafür lieferte, nach welchen physikalischen Gesetzen aus fliegenden, fallenden und raschelnden Blättern fortlaufend neue Literatur und Kunst entsteht.

Nehmen wir einen Aphorismus von Lichtenberg: "Daß die Erde um die Sonne läuft und daß wenn man eine Schreibfeder kippt diese Spitze mir ins Auge fliegt, ist alles ein Gesetz." Wäre dieser Satz nicht eine Herausforderung für Illustratoren und Karikaturisten?

Anders für Robert Gernhardt, den Dichter mit der Zeichenmappe unterm Arm und den Buntstiften in der Tasche: Mit den Prosaminiaturen des Göttinger Physikus' hat er es nicht als Karikaturist, sondern als Cartoonist aufgenommen: 99 "Sudelblätter" zu ausgewählten Aphorismen aus Lichtenbergs "Sudelbücher" genannten Notizheften sind seit 1991 entstanden.

Den Farbstift schärft Gernhardt bevorzugt an solchen Sätzen, die es ihm erlauben, Lichtenbergs Gedankenblitze dort fortzusetzen, wo die Feder anscheinend schon alles gesagt hat, wenn sie nicht gerade im Begriffe ist, ihren Geist aufzugeben.

Zum Beispiel diesen Satz: "Daß die wichtigsten Dinge durch Röhren getan werden. Beweise erstlich die Zeugungsglieder, die Schreibfeder und unser Schießgewehr, ja was ist der Mensch anders als ein verworrenes Bündel Röhren?"

Auf Gernhardts zugehörigem Blatt sehen wir den jungen Lichtenberg, wie er an einem Schreibpult sitzt und mit der Gänsefeder einen Abschiedsbrief an seine Geliebte kritzelt.

Deren Bildnis steht ihm als Scherenschnitt vor Augen, während eine einsame Träne über seine Wange läuft und er sich mit der Linken schon den Lauf einer Flinte an die Stirne hält.

Zur Triangel vervollständigt werden Federrohr und Flintenrohr aber erst durch das gleichfalls rohrförmige "Zeugungsglied", das sich in der vorderen Bildmitte unter der Hose des Skribenten wölbt.

Die Schrift - die Lichtenberg'sche Vorlage, nachgezeichnet von Gernhardts Hand - ist Bestandteil der Komposition und erfüllt im Bildgeschehen selbst eine dramatische Aufgabe.

Hier ist für den Aphorismus eine rechteckige Fläche in der leuchtend gelb gestreiften Zimmertapete ausgespart, aber nur bis zu dem Wort "Schießgewehr".

Der Rest der Satzmelodie - "ja was ist der Mensch ...?" - füllt dagegen sinnigerweise eine sprechende Gedankenblase.

Sie gehört zu Gernhardts Lieblingshündchen Schnuffi, der besorgt am unteren rechten Bildrand hervorlugt. Seine Anwesenheit nimmt der Szene etwas von ihrer Tragik.

Wir dürfen uns fest darauf verlassen, dass Schnuffi sein Herrchen auch in diesem kritischen Moment nicht im Stich lässt. Ähnlich wie der vierbeinige Kollege auf dem von triefender Nässe besudelten Blatt zu dem Aphorismus: "Einer will sich ersäufen, allein sein großer Hund, der ihm nachgelaufen, apportiert ihn allemal wieder" - jedoch zum Ärger der Hausfrau, die gerade das Großreinemachen beendet hatte.

Rund 80 "Sudelblätter" sind jetzt im Frankfurter Goethemuseum beim Geburtshaus unseres ersten Dichters ausgestellt, ergänzt um Vitrinen mit Erstausgaben von Werken Lichtenbergs und Beispielen eines funkelnden Geists, der selber gerne zum Zeichenstift griff - etwa um seinem Intimfeind, dem Zürcher Physiognomen Lavater, Sauschwänze vor den Kopf zu werfen.

Die Gastfreundschaft des Hauses am Hirschgraben gegenüber unserem letzten großen Dichter hat ihre guten Gründe, war doch Goethe der Entdecker des Genfer Zeichners Rudolph Toepfer, der mit seinen zu ganzen Bildromanen improvisierten Cartoons nicht nur den modernen Comic Strip erfunden, sondern auch die bewegten Bilder des Films vorbereitet hatte.

Auch Gernhardts Blätter enthalten größte Welten auf dem kleinsten Raum ihrer Papierformate.

Bis 9. Mai im Goethemuseum.