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Zum Tod von Robert Frank:Der New Yorker mit der kleinen Leica

Robert Frank

Robert Frank – Fotograf, Reporter, Beatnik, Filmemacher, Künstler, später Chronist seiner eigenen Gefühlswelt.

(Foto: Niklaus Stauss/picture-alliance/dpa)
  • Der Schweizer Fotograf Robert Frank starb am Montagabend im Alter von 94 Jahren in Inverness in Kanada.
  • Sein Bildband "The Americans", in dem er Kritik an Rassentrennung, Konsumismus und Lebensentfremdung übte, war stilbildend für die Fotografiegeschichte.
  • Frank drehte auch Filme wie "Candy Mountain" und "Home Improvement".

Es gibt da dieses Foto aus San Francisco, gegen Ende des Bildbands "The Americans", aufgenommen im Frühjahr 1956: Ein schwarzes Paar liegt im Park, der Mann schaut wütend über seine Schulter auf den Fotografen. Robert Frank bezeichnete es mal als sein eigenes Lieblingsbild: "Weil der Mann mich so aggressiv ansieht: Was willst du, Fremder?"

Mit einem ähnlich aggressiven, fremden Blick war Robert Frank damals zwei Jahre lang durch die Vereinigten Staaten gereist, ein dreifacher Außenseiter, als Jude, als Schweizer, der erst seit neun Jahren in den USA lebte, und als New Yorker, der mit seiner kleinen Leica dieses riesige Land beschreiben wollte.

Bilder von Robert Frank

Generalangriff auf die Sehgewohnheiten

Mehr als 27 000 Fotos hat Frank auf seiner Reise gemacht, 83 davon wählte er am Ende für "The Americans" aus, das eine große Ode an seine neue, weite Heimat war, aber zugleich scharfe Kritik an Rassentrennung, Konsumismus und Konformitätsdruck beinhaltete. Vor allem aber war das Buch ein Generalangriff auf die Sehgewohnheiten seiner Zeit. Ein Kritiker schäumte damals, diese angeschnittenen, unterbelichteten Aufnahmen, die verkanteten Bildhorizonte und banalen Motive sähen aus wie ein Haufen Kinderfotos, die an der Straßenecke entwickelt wurden. Das Zeug gehöre einfach in den Müll. Der Mann irrte, die zuweilen aus der Hüfte oder dem fahrenden Auto geschossenen Fotos von Jukeboxes und feisten Politikern, Freiluftgottesdiensten in den Sümpfen des Mississippi, versteinerten Ehepaaren, Cowboys in New York und Schwarzen bei einer Beerdigung in South Carolina sollten so stilbildend werden wie das ganze Buch. Es dürfte tatsächlich schwer sein, einen anderen Bildband zu finden, der ähnliche Auswirkungen hatte auf die Fotografiegeschichte wie "The Americans".

Mick Jagger ließ Robert Franks Film über die "Stones" verbieten, weil er Angst ums Image hatte

Robert Frank wollte es 1958 ohne allen Text publizieren, keine Bildlegenden, ja nicht mal Seitenzahlen, die Fotos sollten für sich sprechen. Wie Walt Whitman oder seine New Yorker Dichterfreunde Allen Ginsberg und Jack Kerouac wollte er mit seinen eigenen Mitteln ein optisches Langgedicht schaffen. Ganz so radikal ließen die Verleger ihm das damals nicht durchgehen. Zumindest ein Vorwort musste her. Also schrieb Jack Kerouac, der mit ihm für eine Fotoreportage quer durch Florida gefahren war: "Der Humor, die Schwermut, das Allumfassende und Amerikanische dieser Bilder! (...) Diese Gesichter kritisieren nichts; sie äußern oder sagen nichts anderes als ,So sind wir im richtigen Leben, und wenn's euch nicht gefällt, kümmert's mich nicht, ich leb mein Leben, wie's mir passt.'"

Den letzten Satz könnte man auch als Frank'sches Lebensmotto interpretieren. Geboren wurde Robert Frank 1924, als Sohn eines jüdischen Frankfurter Innenarchitekten, der nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in die Schweiz ausgewandert war, wo er die Tochter eines Fabrikanten heiratete. Trotz seiner Schweizer Mutter war Frank eigentlich deutscher Staatsbürger. Da Hitlers Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941 aber allen deutschen Juden die Staatsbürgerschaft absprach, war die Familie Frank staatenlos. Das Einbürgerungsverfahren zog sich bis Ende März 1945 hin. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs beschloss Frank sehr schnell, die Schweiz zu verlassen. "Ich wollte meine Zukunft dort nicht aufbauen", schrieb er später, "das Land war zu verschlossen, zu klein für mich."

Gerade als er dann nach schwerem Anfang in New York dank "The Americans" berühmt wurde, stellte er 1959 seine geliebte Leica in den Schrank, sagte, das mit der Fotografie sei für ihn ausgereizt, und fing an, Filme zu machen. In gewisser Weise waren die Fotobände Vorarbeiten dazu gewesen, Frank dachte nie in Einzelbildern, sondern immer in Sequenzen, Kontrasten, Schnitten. Jetzt wollte er dem Leben bei der Arbeit zusehen, Inszenierung und Spontaneität aufeinander loslassen. Und im Freundeskreis arbeiten statt immer allein als Fotograf umherzustreunen.

Über die Dreharbeiten zu seinem ersten Film "Pull my Daisy" (1959) schrieb der Komponist David Amram später: "Es war ein Irrenhaus. Sobald die Spannung auch nur für einen Moment nachließ, unterbrachen Allen Ginsberg und Gregory Corso, zogen sich nackt aus und drohten damit, aus dem Fenster zu springen oder alle mit Wasser zu übergießen, die uninteressiert schauten. Die meisten tranken Wein und dachten sich groteske Witze aus, um Robert so stark zum Lachen zu bringen, dass er uns nicht weiterfilmen konnte."

Irgendwie konnte Frank dann doch weiterfilmen - "Pull my Daisy" wurde zu einem der lustigsten, wildesten Filme aller Zeiten, 30 Stunden improvisiert wirkendes Material, runtergekürzt auf 30 Minuten, zu denen Kerouac aus dem Off einen Text improvisierte: "Early morning in the universe ..."

Oft fotografierte er jetzt mit Polaroidkameras: Momente, Alltag, Freunde

Im Nachhinein wurde der Film dann aber außerdem noch zu einem traurigen Familiendokument: Franks Sohn Pablo, der hier als kleiner Junge durch die Bilder und die Handlung springt, brachte sich später, nach jahrelanger psychischer Krankheit, um. Die Tochter Andrea war da schon bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen und Frank machte in der Folge harsche, düstere autobiografische Filme, Selbstbefragungen, Bild-Meditationen. Später fing er auch wieder an zu fotografieren, jetzt oft mit Polaroidkameras. Momente, Alltag, Freunde.

Der Göttinger Verleger Gerhard Steidl hat dann ab 2004 begonnen, gemeinsam mit Robert Frank noch mal all seine Fotobücher neu herauszugeben. Wobei - was heißt "noch mal", vieles, wie die Bilder einer frühen Peru-Reise, oder das Buch "Black and White", das in seiner experimentellen, harschen Optik 1952 einen Angriff auf die harmlos-smoothe Magazinästhetik seiner Zeit bildete, war nie zuvor verlegt worden und lag seit Jahrzehnten einfach in Manhattan unterm Sofa.

Die beiden haben auch noch mal alle 30 Filme, die Frank stets unabhängig und ohne Budget produziert hatte, auf DVDs herausgebracht. Alle außer "Cocksucker Blues", jenen radikalen Dokumentarfilm über eine Tournee der Rolling Stones, den Mick Jagger verbieten ließ, weil er Angst hatte, dass die Aufnahmen von Band-Exzessen und Saufgelagen dem Image der Band schaden könnten.

Später kreiste er um die Frage, wie man der Versteinerung im eigenen Ruhm entkommt

Seit 1971 lebte Robert Frank die Hälfte des Jahres an der kanadischen Atlantikküste in einer schiefen Fischerhütte, mitten auf einer Wiese, das weite Meer, der Wind wehte durch alle Fenster. Er brauchte New York, die chaotische Rauheit der Stadt, die Künstlerfreunde, aber er floh immer öfter und länger vor dem Ruhm und dem Kunstbetrieb in diese Atlantikklause. "Alle wollen ihn auf irgendeinen Sockel stellen", sagte seine Frau, die Malerin June Leafs, bei einem Besuch im Sommer 2014 mal, "aber schau dir Denkmäler an, die sind starr und aus Eisen." Frank saß in seiner ausgebeulten Hose daneben, lachte sein knarrendes neunzigjähriges Lachen und sagte, mit Blick in den silbrigen Ozeanhimmel: "Und die Tauben scheißen drauf."

In seinen Filmen und späten Fotografien kreiste Robert Frank immer wieder um die Frage, wie man der Kommerzialisierung und der Versteinerung im eigenen Ruhm entkommen kann. In dem Film "Home Improvement" ließ er 1985 einen Freund einige seiner berühmtesten Fotografien durchbohren und feuerte ihn aus dem Off noch an: "Ah, verstehe, jetzt legst du wieder los?" Und in dem avantgardistischen Spielfilm "Candy Mountain" (1986) zerstört ein meisterhafter Gitarrenbauer, der in der kanadischen Welteinsamkeit lebt, all seine Instrumente, nur damit sie nicht einem Investor in die Hände fallen.

Als Gerhard Steidl Frank im Sommer 2014 den Vorschlag machte, eine Ausstellung seiner Aufnahmen einmal nicht mit millionenschwer versicherten Gelatine-Silver-Prints zu machen, gerahmt wie für die Ewigkeit, sondern auf einfachen, riesigen Zeitungspapierbahnen, gefiel das Frank auf Anhieb: "Cheap, quick and dirty", rief er, "that's how I like it!" Seine einzige Bedingung war: Nach der Ausstellung, die er mit der SZ verwirklichte, musste alles weggeworfen werden. Und so tourte sein Gesamtwerk noch mal um die Welt.

Am selben Tag, an dem er über den elenden Ruhm und die Tauben gelacht hatte, ging es mittags, in einem Steakrestaurant um einen Schriftsteller, der lange schon gestorben war. Frank kam nicht auf den Namen des Autors. Als seine Frau fragte, ob er vielleicht Jack Kerouac meine, sagte Frank in seiner Mischung aus weich schwingendem Schweizerdeutsch und amerikanischem Englisch: "Aber nein, Jack never died, bei dem war das nur ein Trick. He's still somewhere around." Er machte mit den Händen Dirigierbewegungen über dem Tisch, so als würde Jack Kerouac unsichtbar und elegant über den Steaks schweben. Robert Frank hat jetzt denselben Trick angewandt. Er starb am vergangenen Montag im Alter von 94 Jahren. But he'll stay somewhere around.

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