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Robbie Williams: neues Album:Rezept Robbie

Für sein neues Album gibt Robbie Williams wieder den naturgemäß mickrigen Alleinunterhalter in uns allen. Der Arme.

Es mag Zufall sein, dass Robbie Williams neues Album zeitgleich zum Start des Films "This is it" erscheint, der Michael Jackson bei den Proben zu seinem geplanten Comeback noch einmal als den perfektionistischen Selbstbeherrscher zeigt. Man kann jedoch den Unterschied der Popkulturen dies- und jenseits des Atlantiks erkennen, wenn man die beiden Ereignisse vergleicht. Da ist der verloren geglaubte britische Entertainer, den viele für den letzten echten Superstar halten, der nun sein Comeback versucht. Das Album, das diese Aktion begleitet heißt "Reality Kills The Video Star" (EMI) und ist von heute an erhältlich. Der große Wurf ist es nicht geworden. Trotz der Rückkehr des Songschreibers Guy Chambers, mit dem Williams seine größten Hits schrieb. Trotz der Mitarbeit des Starproduzenten Trevor Horn. auf dessen dreißig Jahre alten Buggles-Hit "Video Killed The Radio Star" der Albumtitel anspielt.

Let me entertain you: Robbie Williams vor 10.000 Fans bei einem "Geheimkonzert" in Berlin Ende September.

(Foto: Foto: Getty Images)

Williams Platte wirkt wahllos, unrund. Die beiden Singles "Bodies" und "Starstruck" sind besonders im Vergleich zu seinen eigenen Hits wie "Angels, "Kids"oder "Let me Entertain You" eher mittelmäßiges, dahinplätscherendes Material. Als Soundtrack zur großen Robbie-Show dürfte das Album wieder einmal hervorragend funktionieren. Wie schon zuvor auf der ganzen Welt, nur nicht in Amerika. Um das zu verstehen, konnte fast nichts Besseres passieren, als die zeitgleiche Veröffentlichung neuer Arbeiten der beiden großen zeitgenössischen Popstars, die man sich kaum unterschiedlicher denken könnte.

In der Entertainment-Tradition aus der Michael Jackson stammte und die er prägte, galt und gilt jeden Moment das Versprechen, dass gleich etwas Großes, Geniöses, Übermenschliches passiert. Der Zuschauer erfährt allenfalls die Gnade, dieses Ereignis bezeugen und genießen zu dürfen. Das amerikanische Show-Genie ist also im Grunde autark und in der Regel mehr damit beschäftigt die Liebe, die ihm im Übermaß entgegengebracht wird, halbwegs glaubhaft zu erwidern, als sie einzufordern.

Robbie Williams wiederum wuchs in der nordenglischen Provinz bei seiner Mutter, einer Kneipenwirtin, auf. Sein Vater verdiente als "Solo Entertainer" und zeitweise auch als Zauberkünstler sein Geld. In dieser Show-Tradition, einer europäischen, kleinbürgerlich-ländlichen Alleinunterhalter-Kultur, ist das genaue Gegenteil der Fall.

In der amerikanischen Entertainment-Tradition ist die Selbstbehauptung die notwendige Bedingung für die Bühnenexistenz ist, diese Bühnenexistenz ist wiederum der Beweis der Selbstbehauptung und Objekt der Anbetung. In der meist aus sozialer Not geborenen europäischen Alleinunterhalter-Kultur steht die Selbstbehauptung, an jedem Abend, in jeder neuen Kneipe, auf jedem neuen Feuerwehr-Fest immer wieder gleich in Frage. Das hat einen Grund: Nicht die Interpretation des Song-Materials aus den aktuellen Charts steht hier im Vordergrund, sondern schlicht seine Aufführung als obligatorische Tonspur.

Auf den "Künstler" kommt es also im Grunde überhaupt nicht an. Entertainer kann jeder sein, der eine mobile Elektro-Orgel besitzt, einen gewissen Drang zum singen, und der bereit ist, sich das nötige Repertoire draufzuschaffen. Der Künstler ist hier ein Dienstleister, ein Niemand. Es gibt kaum einen traurigeren Anblick, als den eines Alleinunterhalters vor einer leeren Tanzfläche in den ersten Stunden eines Vereinsfestes, den noch niemand beachtet, weil sein Dienst zwar schon bestellt, aber zu nüchterner Stunde noch nicht gefragt ist.

Um diese anhaltende fundamentale Verunsicherung auch nur halbwegs ertragen zu können, gibt es zwei Strategien: den zähen Willen, das stoische Credo "The show must go on" auch notfalls ganz alleine zu befolgten. Oder der feste Wille, sich zum Affen zu machen und dabei dem Publikum und vor allem sich selbst nichts zu ersparen. Für diese zweite Variante hat sich - passend zu seinem Erbe - Robbie Williams entschieden, nachdem er Mitte der neunziger Jahre in einem Akt zivilen Ungehorsams die Boygroup Take That verließ, die damals auf der Höhe ihres Ruhms stand.

Sein 1997 erschienenes Debüt "Life Thru A Lens" verkaufte sich schon vier Millionen Mal. Insgesamt hat er mittlerweile rund 55 Millionen Platten verkauft. "Reality Kills The Video Star" ist nun das achte Studioalbum. Es ist auch diesmal wieder alles drin, was schon immer zu Robbie Williams' Hitmischung gehörte: discoesk Rolllendes, verzerrte Gitarren, seichter Pop, Balladen voll Pathos, modern Elektronisches, Orchestersätze, Funkgitarren, Sprechgesang - gerne auch alles auf einmal in einem Song, wie in "Starstruck" oder "Last Days Of Disco", gleich.

Wer jedoch Aufnahmen seines Berliner Guerilla-Auftritts auf einem Sattelschlepper neben der Max-Schmeling-Halle gesehen hat, der sah sofort das System, und dass sich am Rezept Robbie nur einfach nichts geändert hat. Er steht ganz offen zu seiner Tablettensucht, seinem Lampenfieber, seinen Depressionen, seinem überwundenen Alkoholismus. Also las der Alleinunterhalter Briefe vor, die er abbrach, bevor die Absenderin, die hoffte, ein Kind von ihm geschenkt zu bekommen, in die Details der erhofften Nacht gehen konnte. Oder er zitierte verschmitzt-iromisch vermeintliche Fanpost, in der dann doch stand, der Absender sei gar kein Fan. Unser Robbie, der superreflektierte Superstar: angetäuschte Posen, offen unbeholfener Gesang, ein super Kumpel.

Am Ende wusste man wenig über ihn und viel mehr über sich selbst. Er hatte das Bild, das sich die Welt von ihm gemacht hat, ganz einfach zurück projiziert. Ganz so, wie es die berühmte Anekdote lehrt über die Ethnologen, die sich in Neuseeland auf die Suche nach einem sagenumwobenen Stamm machen, der noch heute einen Totentanz mit Masken aus Holz und Schlamm praktizieren soll. Als sie den Stamm endlich finden, erklären sie den Mitgliedern, weshalb sie gekommen sind und gehen zu Bett. Am nächsten Morgen bekommen sie den ersehnten Tanz zu sehen. Als eine zweite Forschergruppe den Stamm besucht, kommt jedoch heraus, dass Tanz und Masken nachts eilig erfunden und gebastelt worden sein. Die Eingeborenen wollten gute Gastgeber sein.

Die Europäer, die also glaubten, einen Blick auf Unerhörtes werfen zu können, bekamen, wie Slavoj Zizek in seinem neuen Buch schreibt, eine "hastig improvisierte Aufführung ihres eigenen Wunsches präsentiert". Gar nicht unähnlich darf man sich das Rezept Robbie Williams vorstellen. Er gibt den naturgemäß mickrigen Alleinunterhalter in uns allen. Uns vergrübelten Europäern. Der Arme.

© SZ vom 06.11.2009/iko

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