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Robbie Williams in Dresden:Einigkeit und Recht und Robbie

Ein Mann und sein Faltenrock treffen auf entblößte Oberkörper: Robbie Williams' Deutschlandtour-Auftakt in Dresden.

Es sind die großen Fragen, die die Dresdner umtreiben an diesem Montagabend im Jahre des Herrn 2017. Der alles überwältigende Geruch nach Würstchen umhüllt das Rudolf-Harbig-Stadion in Dresden, Schnitzelbrötchenduft, Brezen mit und ohne Käse-Duft.

Robbie Williams wird gleich seine Deutschlandtour eröffnen, Erasure sind Vorband, die Fragen lauten: Wer waren noch mal Erasure? Ist das "The Final Countdown" oder Gloria Gaynors "Survive", das die da spielen? Ist noch Zeit, einen Zehn-Euro-Caipirinha zu holen, bevor es losgeht? Der Bratwurstdunst schwebt schützend über allem, wer die Augen zusammenkneift, kann sehen, wie er die Sonne vernebelt; er legt sich wie eine schützende Hand über die 20 000 Zuschauer.

Dann kommt erst mal Werbung. Auf der Leinwand ein Werbespot für Espresso mit Robbie und einer schönen Frau, danach müssen alle aufstehen - als Auftakt gibt's eine Art Nationalhymne, nur dass das "National" durch Robbie Williams ersetzt wird, ergo, Williams spielt eine Hymne auf sich selbst. "God Bless Our Robbie", frei ins Deutsche übertragen: Einigkeit und Recht und Robbie.

Lieber erst Robbie und dann Einigkeit und Recht, sagt die Stimmung, und da ist er endlich: in einem Weihnachtsmannkostüm. Im Juni. Er zieht das Weihnachtsmannkostüm aus und trägt darunter: einen Faltenrock. Der Robbie hat Sinn für Humor. Die Tänzer twerken, Robbie twerkt auch, lüftet frivol den Rock, erst hinten, dann vorn. Die Hälfte der Mütter im Publikum fällt in Ohnmacht. Die andere Hälfte steht da wie elektrisiert, dabei ist Robbie erst bei Song zwei, "Let me entertain you". Hätten in das Stadion eigentlich keine Sitzplätze einbauen müssen, nur Stehplätze und Liegen.

Ein Body-Appropriation-Dilemma des Jahres 2017

Männliche Männlichkeit ist ja so eher aus der Mode, umso verblüffender ist, wie männlich Williams in seinem Faltenrock aussieht. Irgendwie lässt der Rock seine Muskeln doppelt so breit und seine Gesten viermal so machohaft aussehen. Er spielt "Monsoon", da entdeckt er im Publikum ein Schild: "Please sign my small tits."

Das Schild stürzt ihn in ein Body-Appropriation-Dilemma, wie es das nur im Jahr 2017 geben kann: Wenn auf dem Schild nur gestanden hätte "Please sign my tits" hätte er es ignorieren können. Wenn auf dem Schild "Please sign my big tits" gestanden hätte, hätte er es ignorieren müssen, sonst wäre er Sexist.

Aber "small tits" vermittelt mehr als nur Autogrammwünsche, es heißt: "Meine Brüste sind klein und vernachlässigt und nicht im Geringsten bedrohlich", es heißt: "Indem du, Robbie Williams, diese meine kleinen Brüste signierst, signierst du die kleinen Brüste aller Frauen der Welt und legitimierst sie damit als Schönheitsideal, denn alle Körper sind schön."

Robbie muss also unterschreiben. Er will das Dekolleté signieren, aber der weibliche Fan überrumpelt ihn und entblößt den Oberkörper, die Kameras halten drauf, die drei Väter im Publikum fallen in Ohnmacht, fertig signiert. Nächster Song.

Zum Unglück der anspruchsvollen Berichterstattung hat der Vorfall andere Zuschauerinnen auf eine Ideen gebracht; sie wollen jetzt in Heerscharen ebenfalls ihre Brüste signiert haben. Robbie kommentiert, das sei der schönste Moment der vergangenen fünf Jahre, die Geburt seiner Kinder inbegriffen.

Der Vater darf mit auf die Bühne

Dazu muss gesagt werden, dass es auf großen Popkonzerten sehr selten nackte Brüste zu sehen gibt. Atomkraftwerbespots haben mehr Brüste zu bieten als Popkonzerte. Aber klar, Justin-Bieber-Fans sind zu jung, AC/DC-Fans sind froh, wenn sie noch stehen können, Depeche Mode-Fans sind im richtigen Alter, aber würden eher sterben, als ihr DEMO-DIE-TOUR-1987-Shirt abzulegen. Also muss Robbie herhalten. Im Faltenrock. Diese Faltenröcke lassen die Weiber einfach durchdrehen.

Nach diesem frühen (je nach Verklemmtheits-Skala) Höhe- oder Tiefpunkt des Konzerts kommt noch weiteres Entertainment, Robbie Wiliams erzählt von seinen Kindern, macht ein Acapella-Hits-Ratespiel, souffliert bei den Songs den Text, damit die Fans es beim Singen nicht so schwer haben. Manchmal wird der Text auch im Karaokebuden-Stil eingeblendet. Für alle, die es nicht so mit Brüsten haben, holt der 43-Jährige seinen Vater auf die Bühne und covert gemeinsam mit ihm Neil Diamond. Alles in allem exzellenter Service.

Als Zugabe singt er vier Takte von "Seven Nation Army" (das kann sogar Robbie, hat nicht so viele unterschiedliche Töne), und "Strong". Er hat, wie schon beim Benefizkonzert für die Anschlagsopfer in Manchester, die Lyrics geändert. "Die Zeiten sind schwierig", sagt er. "Es braucht eine Menge Mut, jetzt hier zu sein".

Immer, wenn das Publikum wieder eine Zeile richtig mitgesungen hat, nickt er hochbefriedigt in die Menge, wie ein Vater, der seinen Kindern bei den ersten Schwimmzügen zusieht. Gut gemacht, Dresden. Gut gemacht, Robbie.

© SZ.de/joku/cag/cat
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