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Robbie Williams:Einigkeit und Recht und Robbie

'ROBBIE WILLIAMS', Konzert im DDV Stadion, Dresden, 26.06.17

Robbie Williams bei seiner "Heavy Entertainment Show". Schon beim zweiten Song fallen Damen in Ohnmacht, später Herren. Williams spricht vom schönsten Tag seit Jahren.

(Foto: POP-EYE/Ben Kriemann)

Der britische Pop-Superstar überrumpelt im Faltenrock Dresden, das sich im DDV-Stadion gemütlich in Bratwurstdunst hüllen wollte.

Von Juliane Liebert

Es sind große Fragen, welche die Dresdner umtreiben an diesem Montagabend im Juni 2017. Der überwältigende Geruch nach Würstchen umhüllt das DDV-Stadion, Schnitzelbrötchenduft, Brezen mit und ohne Käseduft. Robbie Williams wird gleich seine Deutschlandtour eröffnen, Erasure sind Vorband, die Fragen lauten: Wer waren noch mal Erasure? Ist das "The Final Countdown" oder Gloria Gaynors "Survive", was die da spielen? Bleibt noch Zeit für einen Zehn-Euro-Caipirinha, ehe es losgeht? Der Bratwurstdunst schwebt über allem, wer die Augen zusammenkneift, kann sehen, wie er die Sonne vernebelt; wie er sich wie eine schützende Hand über die 20 000 Zuschauer legt.

Robbie muss ran. Im Faltenrock. Diese Faltenröcke lassen die Weiber einfach durchdrehen

Dann kommt erst einmal Werbung. Auf der Leinwand ist ein Werbespot für Espresso zu sehen mit Robbie und einer schönen Frau, danach müssen alle aufstehen, es gibt jetzt eine Art Nationalhymne. Nur das "National" ist durch Robbie Williams ersetzt. Williams spielt also eine Hymne auf sich selbst, "God Bless Our Robbie". Frei ins Deutsche übertragen: Einigkeit und Recht und Robbie.

Lieber erst Robbie, dann Einigkeit und Recht, sagt die Stimmung. Und da ist er dann auch endlich: In einem Weihnachtsmannkostüm. Im Juni. Er zieht das Weihnachtsmannkostüm aus und trägt darunter: einen Faltenrock. Der Robbie hat Sinn für Humor. Die Tänzer twerken, Robbie twerkt, er lüftet den Rock, erst hinten, dann vorn. Die Hälfte der Mütter im Publikum fällt in Ohnmacht. Die andere Hälfte steht da wie elektrisiert, dabei ist Robbie erst bei Song zwei, "Let Me Entertain You". Man hätte im Stadion keine Sitzplätze einbauen müssen, nur Stehplätze und Liegen.

Männliche Männlichkeit ist ja so eher aus der Mode, umso verblüffender ist, wie männlich Williams in seinem Faltenrock aussieht. Irgendwas ist damit, dass der Rock seine Muskeln zweimal so breit und seine Gesten viermal so machohaft aussehen lässt. Er spielt "Monsoon", da entdeckt er im Publikum ein Schild. "Please sign my small tits!" ("Signiere meine kleinen Brüste, bitte!") Das Schild stürzt ihn in ein Body-Appropriation-Dilemma, wie es das nur im Jahr 2017 geben kann.

Wenn auf dem Schild nur gestanden hätte "Please sign my tits" hätte er es ignorieren können. Wenn auf dem Schild "Please sign my big tits" gestanden hätte, hätte er es ignorieren müssen, sonst wäre er Sexist. Aber "small tits" vermittelt mehr als nur Autogrammwünsche, es heißt: "Meine Brüste sind klein und vernachlässigt und nicht im Geringsten bedrohlich". Es heißt: "Indem du, Robbie Williams, diese meine kleinen Brüste signierst, signierst du die kleinen Brüste aller Frauen der Welt und legitimierst sie damit als Schönheitsideal, denn alle Körper sind schön." Robbie muss also unterschreiben. Er will das Dekolleté signieren, aber die junge Frau überrumpelt ihn und entblößt ihren Oberkörper, die Kameras halten drauf, die drei Väter im Publikum fallen in Ohnmacht, fertig signiert. Nächster Song.

Zum Unglück der anspruchsvollen Berichterstattung hat der Fan nun auch andere Zuschauerinnen auf Ideen gebracht, sie wollen jetzt alle ihre Brüste signiert haben. Robbie kommentiert, das sei der schönste Moment der letzten fünf Jahre, die Geburt seiner Kinder inbegriffen. Dazu muss gesagt werden, dass es auf großen Popkonzerten sehr selten nackte Brüste zu sehen gibt, Atomkraftwerbespots haben mehr Brüste zu bieten als Popkonzerte (Beleg: youtube.com/watch?v=BeX5b7slDE4). Aber klar, Justin-Bieber-Fans sind zu jung, AC/DC-Fans sind froh, wenn sie noch stehen können, Depeche-Mode-Fans sind im richtigen Alter, aber sie würden eher sterben, als ihr "DeMo - Die Tour 1987"-Shirt abzulegen. Also muss Robbie ran. Im Faltenrock. Diese Faltenröcke lassen die Weiber einfach durchdrehen.

Nach diesem frühen (je nach Verklemmtheit) Höhe- oder Tiefpunkt des Konzertes kommt noch Entertainment, er erzählt von seinen Kindern, macht ein A-cappella-Hits-Ratespiel, souffliert bei den Songs die Lyrics, damit die Fans es beim Singen nicht so schwer haben. Manchmal werden die Lyrics auch eingeblendet. Für alle, die es nicht so mit den Brüsten haben, holt er seinen Vater auf die Bühne und covert mit ihm Neil Young. Alles in allem: ein exzellenter Service.

Als Zugabe singt er vier Takte von "Seven Nation Army" - das kann sogar Robbie - und "Strong". Er hat, wie schon beim Benefizkonzert für die Anschlagopfer in Manchester, die Lyrics geändert. "Die Zeiten sind schwierig", sagt er. "Es braucht eine Menge Mut, jetzt hier zu sein." Immer, wenn das Publikum wieder eine Zeile richtig mitgesungen hat, nickt er hochbefriedigt in die Menge, wie ein Vater, der seinen Kindern bei den ersten Schwimmzügen zusieht. Gut gemacht, Dresden! Gut gemacht, Robbie!

© SZ vom 28.06.2017

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