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"303" im Kino:Alles scheint wunderbar offen zu sein

Hatten die ausgebleichten Farben und das helle Licht Jule in Berlin noch kränklich aussehen lassen, malen sie später den Optimismus dieser Reise aus. Obwohl im Grunde klar ist, wohin sie führt - Jan und Jule sind wie füreinander bestimmt - scheint alles auf eine wunderbare Weise offen zu sein. "303" beschwört - vielleicht etwas zu nostalgisch - das Freiheitsgefühl des Roadmovies herauf, das bei Weingartner auch eine explizit politische Dimension hat: Diese Mittzwanziger sind keine Rebellen, aus ihren Debatten aber spricht die Überzeugung, dass sie ihren Weg - und die Welt - gestalten und für Gerechtigkeit eintreten können, in einer fatalistischen Zeit.

Die Dialoge wirken so spontan, als hätten die Schauspieler sie am Set improvisiert. Tatsächlich hatte Weingartner, wie er erzählt, seit 1997 in einer Art Tagebuch Gespräche gesammelt, in denen Theorien über die Welt verhandelt werden. Mit seiner Co-Autorin Silke Eggert bastelte er daraus ein Drehbuch, führte Videointerviews mit jungen Leuten, um es "inhaltlich upzudaten". Dann wurde lange mit den Schauspielern geprobt. "An den Dialogen", so Weingartner, "ist rein gar nichts zufällig."

Den deutschen Filmförderern und Fernsehredakteuren war das Gerede in "303" allerdings zu viel. "Es war extrem schwer, diesen Film zu finanzieren", sagt Weingartner, er musste mit wenig Geld drehen. Der karge Look des Films passt zwar ganz gut zum Neo-Hippie-Feeling, aber es spricht nicht für das deutsche Fördersystem, dass selbst ein renommierter Regisseur wie Weingartner so wenig Unterstützung erfährt. Gerade mal fünf Filme hat er seit seinem Debüt "Das weiße Rauschen", 2001, realisieren können.

Dass "303" trotz dieser Schwierigkeiten gelungen ist, liegt vor allem auch an den beiden Hauptdarstellern. Wie Jule und Jan den anderen erst doof finden und sich dann Satz für Satz, Kilometer für Kilometer herantasten an den anderen, bis sie irgendwann verwundert bemerken, dass sie ja längst verliebt sind, das ist hinreißend gespielt. Nuancen verraten die Gefühle: ein schüchterner Blick von der Seite, oder ein verärgertes Stapfen, wenn Jan sich in seiner inneren Unsicherheit von Jule erkannt sieht. Vor allem Mala Emde, die beim Dreh erst 19 war, wird man hoffentlich noch häufiger auf der Leinwand sehen. Ihre Jule wirkt wie aus einem Nouvelle-Vague-Film: zierlich und verwundbar, aber ihre Ausstrahlung haut einen um.

303, D 2018 - Regie: Hans Weingartner. Buch: Weingartner, Silke Eggert. Kamera: Mario Krause, Sebastian Lempe. Schnitt: Benjamin Kaubisch, Karen Kramatschek. Musik: Michael Regner. Mit: Mala Emde, Anton Spieker. Verleih: Alamode, 145 Minuten.

© SZ vom 19.07.2018/luch

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