Richard Wagner Superstar Gegen Macht, gegen Geldgier, gegen Lieblosigkeit

So könnte man argumentieren, wenn man sich via Flapsigkeit aus dem komplexen Gebäude des Rings in ein greifbares Erklärungsmodell flüchten möchte, aber es gibt doch schon so viele Versuche, bequeme Trampelpfade zu Wagners Werk zu finden - in Form von Wagnerführern für die Westentasche, in Gestalt von parodistischen Witzbüchern und altherrenhaften Bayreuth-für-Anfänger-Bändchen bis hin zu großen, psychologisch motivierten Interpretationsversuchen.

Showtime auf dem Grünen Hügel

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"Was Gespräche über Wagner so quälend macht, ist, dass so viele Leute schon so viel Kluges, Emphatisches oder abgrundtief Dummes darüber geredet haben." Der Schriftsteller Tilman Spengler sagt, nein, er seufzt diesen Satz in einem Gartenrestaurant wenige Schritte entfernt vom Richard-Wagner-Denkmal neben dem Prinzregententheater, welches nach Wagners Tod Anlaufstelle für die Münchner Wagnerianer werden sollte - sehr zum Missfallen von Wagners Witwe Cosima, die Konkurrenz zu Bayreuth witterte. Aber das nur nebenbei.

Spengler selbst ist Wagnerianer in zweierlei Hinsicht: als Ehemann der Schauspielerin Daphne Wagner ist er Mitglied der Wagner-Familie und dadurch, wie er selbst sagt, in der günstigen Lage, mühelos an Bayreuth-Karten zu gelangen. Zum anderen erklärt er, als Wagnerhörer und -seher der Deutungsmanie überdrüssig zu sein: "Diese psychologischen Aufbereitungen, warum diese Helden nur so können und nicht anders und warum das schicksalhaft ist. Das ist", sagt Spengler, "so eine Psychohistoire - da wird mir immer ein bisschen blümerant." Und wo nicht? In Bayreuth. "Der Zauber", so Spengler, "erschließt sich am Ort."

An diesem gewittrigen Julifreitag kommen all diejenigen, die es pünktlich in die Generalprobe geschafft haben, in der Pause sehr glücklich aus dem Festspielhaus in die nüchterne, dem architektonischen Charme der sechziger Jahre verpflichtete Cafeteria - "Des seimigen Metes süßen Trank mög'st du mir nicht verschmähn", mahnt Sieglinde den Siegmund in der Walküre. Aber viele trinken hier nur Mineralwasser, um das Konzentrationsniveau über die gesamte Aufführungslänge zu halten. Ein Wagnerianer der ersten Stunde ist unter ihnen, der Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth, Karl Gerhard Schmidt, dessen, sagen wir einmal: partiell einflussnehmendes Mäzenatentum auch mit dazu beigetragen hat, dass die Festspiele seit zwei Jahren von den Halbschwestern Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier und nicht von deren Cousine Nike Wagner geleitet werden.

Und weil Schmidt vor kurzem mit seiner Bank, der SchmidtBank, pleitegegangen ist, geht an ihn jetzt die Frage, ob ihm Wagners Rheingold nicht doch deutlicher Gleichnis ist als branchenfremden Hörern. Oh ja doch, sagt Schmidt, es sei dies ein großes gesellschaftliches Stück "gegen Macht, gegen Geldgier, gegen Lieblosigkeit". Zudem empfinde er den gesamten Ring als Mehr-Generationengeschichte, wie sie auch im wirklichen Leben stattfinde - nicht zuletzt bei der Familie Wagner selbst.

Und an dieser Stelle ist es ganz passend, dass sich Frau Scholz freundlich aus der Menge der Festspielgäste löst, denn Anna Scholz' Wagnerianertum ist eng mit der Familie Wagner verknüpft. Ihr verstorbener Mann war kaufmännischer Verwalter in Bayreuth, und sie selbst diente dem Festspielbetrieb über Jahrzehnte als Schneiderin. Noch zehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes sei Wolfgang Wagner jedes Weihnachten zu ihr nach Hause gekommen, um ihr ein Buch zu schenken. Und dann die Erinnerungen an die Konzertreisen, die Aufführungen, die Dirigenten... - natürlich hört man mit einem gewissen Neid diesen seligen Erinnerungen zu, denn Frau Scholz hatte es leichter als wir, die wir unser Wagnerianertum mühsam zu erlernen haben. Wir müssen uns hinsetzen und redlich versuchen, die musikdramaturgischen Wechselfälle zu begreifen; wir sind gezwungen, den Tannhäuser vielleicht doch zwei-, dreimal in voller Länge zu hören und dabei zu versuchen, das Motiv der Liebesfreude aus dem ersten Akt im Vorspiel zum zweiten Akt wiederzuerkennen.

Anfänglich scheitern wir bei dem Versuch, das Horn-Motiv und das Helden-Motiv in der Götterdämmerung zu unterscheiden, können aber die Tannhäuser-Ouvertüre bald vor uns hersummen, und irgendwann lassen wir uns auch nicht mehr von den Billigspöttern beeindrucken, die glucksen, dass der Gesang der Rheintochter Woglinde, "Weia, Waga! Woge du Welle!Walle zur Wiege! Wagala Weia!", albern und kindisch sei. Denen sei gesagt: Das ist es nicht. Es ist vielmehr kindisch, darüber zu lachen, und im Übrigen hat der spottbegabte Wagner-Exeget George Bernard Shaw anlässlich dieser Rheingold-Stelle das einzig Kluge über die Wasserjungfrauen geschrieben: "Sie singen keine Barkarolen oder Balladen von der Loreley und deren unseligen Anbetern, sondern trällern einfach irgendwelchen Unsinn vor sich hin, der ihnen bei der Bewegung der Wellen und im Rhythmus des Schwimmens durch den Kopf geht."

Heißt das nun, dass Wagner - wie viele sagen - überhaupt keinen Humor hatte oder dass er es im Gegenteil doch verstand, komische Elemente mit dem Ernsthaften klug zu mischen? Einige oberflächliche Hinweise gibt das Wagnermuseum im Haus Wahnfried, dem Wohnhaus des Meisters, in dessen Garten er bekanntermaßen begraben liegt. Seine Grabplatte - hier erzählen wir nichts Neues - trägt keinen Namen, weil Wagner der Ansicht war, die Welt habe zu wissen, wer hier liegt. Aber neben der Wagnergruft gibt es ein kleines Grab, das "unserem Freund Marke" gewidmet ist, und es liegt in der Natur der grundsätzlichen Unvereinbarkeit von Fiktion und Wirklichkeit, dass hier nicht der König von Cornwall ruht, sondern Wagners gleichnamiger Neufundländer.

Es gibt übrigens einige Fotografien, die Richard Wagner im Kreis ehrwürdig posierender Münchner und Bayreuther Künstler zeigen, und auf denen im Vordergrund ein großer Hund - sei es Marke oder der noch berühmtere Peps - mit flach auf den Boden gepresster Schnauze liegt, um die Fallhöhe von Erhabenheit und Witz zu markieren. Und noch Wieland Wagner, der Enkel, lud 1961 zu einer "zoologischen Probe" des Tannhäuser mit folgender Besetzungsliste ein: "Stier, Schwan, Kuhherde, 32 Hunde, Pferde (und Kraniche!), ausserdem Menschen." Die beiden Kraniche übrigens waren die Bühnenmeister Friedrich Kranich, Vater und Sohn.

Für die tiefergehende Beantwortung der Frage nach Wagners Komikfähigkeit kommt eine Weiterfahrt in die Oberpfalz in Betracht, nach Amberg, wo Eckhard Henscheid wohnt, der ziemlich sicher ist, vor geraumer Zeit besagte Neidhöhle, vor welcher Siegfried den zum Wurm gewandelten Fafner tötet, nahe der Burg Neidstein unweit von Rupprechtstein entdeckt zu haben.

"Komik", sagt Henscheid, "ist bei Wagner nicht allzu häufig. Er wusste natürlich, dass vieles an den Rand der Komik geht, und vieles ist auch freiwillige Komik." Zum Beispiel? "Im großtragischen Finale der Götterdämmerung, wo Komik", sagt Henscheid, "als strukturbildendes Element besonders schön nachweisbar ist."

Wo noch? Beispielsweise, so Henscheid, in der Unverhältnismäßigkeit, die dadurch entstehe, dass Wotans komplizierter Weltenerrettungsplan "in einer Viertelstunde vernichtet wird durch einen Ehestreit mit Fricka. Und in erstaunlich kurzer Zeit lässt er von seinem ganzen Projekt ab."

Aber kann es wirklich sein, dass die - auch dem Wagner-Anfänger augenscheinliche - Menschlichkeit der Götter solchen psychodynamischen Prozessen unterworfen ist, und im zweiten Akt der Götterdämmerung gelegentlich sogar als Dokument des Geschlechterhasses angesehen werden darf: "Ihr Mannen, kehret euch ab!Laßt das Weibergekeif?"

Eckhard Henscheid, selbst seit dem 14.September 1957, seinem 16. Geburtstag, Voll-Wagnerianer, und zwar anlässlich einer Siegfried-Aufführung in Nürnberg, Henscheid glaubt vielmehr, dass Richard Wagner hier dramaturgische Proportionen habe wahren wollen und zudem der Ansicht war, eine "Meineidsszene wäre an dieser Stelle noch großartig."

Als wechselweise komisch, ernsthaft, tragisch kommt sich in jedem Fall derjenige vor, der sich die Mühe macht, von der Pike auf zu einem anständigen Wagnerianertum zu gelangen. Ob er sich letztlich vom Zauber des Ortes Bayreuth Hilfestellung erwartet, ob er das Familiäre schätzt oder sein Ohr durch das stupide Lernen von Leitmotiven schult - die Wege zu Wagner sind mal so unerfreulich wie Tannhäusers Weg zum Papst und mal so zugänglich wie Isolde nach dem Genuss des Liebestranks.

Übrigens sollte man sich von der etwas deutschen Rigorosität verabschieden, dass es nur zwei Sorten Wagner-Rezipienten geben könne: diejenigen, die ihn abgrundtief lieben, und diejenigen, die ihn hassen. Nein, es gibt schon etwas dazwischen, denn man kann bei Wagner, wie bei anderen auch, manches als ganz schrecklich empfinden und anderes wiederum als sehr erhaben, schön und anrührend - seiner Größe tut dies weniger Abbruch als das böse Gerücht, welches sein Biograph Robert Gutman in dieser Angelegenheit gestreut hat, nämlich, dass diese bei Wagner lediglich 152 Zentimeter betragen und damit eine Alberich-Dimension besessen habe.

Im Bayreuther Wagnermuseum ist eigens eine kleine Ecke eingerichtet, in welcher - eigentlich macht man derlei nur bei heranwachsenden Kindern - zwei Markierungen angebracht sind, mit deren Hilfe der Winzigkeitsvorwurf gegen den Meister entkräftet werden soll. Oberhalb der Gutman'schen Messungsmär steht dick die Zahl 166,5 - "die wirkliche Körpergröße Richard Wagners, dokumentiert durch den 1849 in Zürich ausgestellten Paß. Darin heißt es: 5 Fuß 5einhalb Zoll..." - ja, ist schon gut, wir haben verstanden.

Ein bisschen jedenfalls.