Süddeutsche Zeitung

Ausstellung im Richard-Wagner-Museum:Walkürenritt durch Krieg und Kitsch

Lesezeit: 4 min

Was haben Radeberger-Pils, französischer Weichkäse und die Filmmusik in Hollywood mit Richard Wagner zu tun? Sehr viel, wie man in der Bayreuther Ausstellung "VolksWagner" erfährt.

Von Wolfgang Schreiber

Unmittelbar neben Richard Wagners groß- und bildungsbürgerlicher Bayreuther Wohnstätte, er taufte sie "Wahnfried", befindet sich das Richard-Wagner-Museum, der minimalistische Neubau des Berliner Architekten Volker Staab. Dort ist jetzt "VolksWagner" untergebracht, eine ganz und gar wagnerkritische, munter bis frech intonierte Sonderausstellung über den etwas anderen Zugang zu Wagners Werk - nämlich mittels "Popularisierung, Aneignung, Kitsch", so der Untertitel dieser Schau.

Der Künstler und Visionär wird darin auch als "Geschäftsmann" beschrieben, sein "Kunstwerk der Zukunft" soll in alle Lebensbereiche hineinwirken, nicht nur für die Schönen und Reichen, sondern für das ganze "Volk". Wagner habe, heißt es auf einer der vielen Texttafeln, "eine institutionalisierte Fangemeinde" um sich versammelt, um seine Festspiele "in einer Art Crowdfunding finanzieren" zu können, mit Hilfe der Gründung von Wagner-Vereinen etwa oder über den Massenverkauf von Souvenirs. Wagner erfindet somit "das Kulturmarketing, durch das die 'Marke Wagner' ihren Siegeszug um die ganze Welt antritt". Widersprüche inbegriffen.

Vier Jahreszahlen kontroverser Rezeption: 1876 macht Karl Marx ein "Bayreuther Narrenfest des Staatsmusikanten Wagner" dingfest, die neuen Richard-Wagner-Festspiele mit dem "Ring des Nibelungen" zur Eröffnung. 1898 beschreibt der Brite George Bernard Shaw in seinem Buch "A Perfect Wagnerite" den Schock: Er entdeckt das antikapitalistische Narrativ der "Ring"-Saga. 1924 weilt der 33-jährige Adolf Hitler in Bayreuth: Nach zehn Jahren kriegsbedingter Pause installieren die Festspiele angeblich "ihr völkisch nationales Selbstverständnis". Das Programmbuch Offizieller Festspielführer verkündet "die wahre deutsche Kultur, die in der neuen Republik geschändet wird". Hitler wird Gast der Wagner-Familie. Juli 1933: Die Nationalsozialistische Monatszeitschrift Deutsches Wesen feiert auf der Titelseite "Richard Wagner und das neue Deutschland".

Die Luftkämpfe der Wehrmacht gegen Kreta wurden in der Deutschen Wochenschau mit dem "Walkürenritt" untermalt

Politisierung, Ideologie und Weltanschauung, Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus, sie gehören essenziell zur Wirkungsgeschichte Wagners und, wenigstens bis 1945, zu seinen Festspielen auf dem Grünen Hügel. "VolksWagner" rückt die scheinbar leichteren, nicht werkanalytischen, spannungsgeladen zwischen Hoch- und Populärkultur changierenden Perspektiven des Politischen und des kulturell scheinbar Nebensächlichen in Geschichte und Gegenwart in den Vordergrund.

Nicht jeder weiß beispielsweise, dass Wagners martialischer "Walkürenritt" spätestens seit dem 30. Mai 1941 zum Klangfanal kriegerischer Aggression geworden war, weil die Deutsche Wochenschau die Luftkämpfe der "Wehrmacht" über Kreta mit Wagners Kampfmusik untermalte. Nicht nur der "Walkürenritt" gelangte nach Hollywood, Wagners Leitmotivtechnik eroberte die amerikanische Filmmusik der 1930er und 1940er Jahre, Komponisten wie Erich Wolfgang Korngold und Max Steiner übertrugen Wagners sinfonisch-motivische Beziehungszauberei virtuos in die Strukturen der Filmkunst. Die Ausstellung zeigt Ausschnitte aus Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" oder Quentin Tarantinos "Django Unchained".

Für die populäre Breitenwirkung Wagners sorgte obendrein die Begleitmusik zu frommen Hochzeitsritualen, also der "Brautchor" aus dem dritten Akt des "Lohengrin", der erstmals 1858, bei der Heirat von Prinzessin Victoria mit Friedrich von Preußen, für eine versprochene Glücksgarantie herhalten musste: "Treulich geführt ziehet dahin, wo euch in Frieden die Liebe bewahr!" In Wagners Oper allerdings führt das Chorlied direkt in die Beziehungskatastrophe des Hohen Paars.

Die in der Bayreuther Ausstellung "zwiespältig" genannte Popularisierung Richard Wagners und der Festspiele nahm mit all ihren Karikaturen und Parodien schon zu Lebzeiten des mit einer "polarisierenden, umstrittenen Persönlichkeit" auffallenden Komponisten Fahrt auf. Die Schau zeigt spielerisch, wie Kitsch und Kritik sich miteinander verbündeten, wie etwa das Bild der mit dem französischen Schmelzkäse verbundenen "Lachenden Kuh", die als "La Vache qui rit" identisch ist mit der Walküren-Parodie "La Wachkyrie", die deutsche Kriegspropaganda durch Wagners Musik auf den Arm nimmt. In Richtung Massenkonsum mit Wagner ging die in den 1990er-Jahren beliebte TV-Werbung für das Radeberger Pilsner, umsatzfördernd belebt durch den "Einzug der Gäste auf der Wartburg" aus dem "Tannhäuser". Man hörte Wagners Musik und trank doppelt beschwingt. Zu den frühen Werbespot gehörte die Sektmarke "Rheingold" von "Söhnlein", 1876 ins Markenregister eingetragen. Die Kellerei erhielt "das kaiserliche Privileg, dass deutsche Kriegsschiffe nur mit diesem Sekt getauft werden".

Wagner rockt. Die Band "Manowar" verehrt ihn als Vater des Heavy Metal

Dass Wagner "rockt", lässt sich die Bayreuther Ausstellung nicht entgehen. 1973 wird Jim Steinmanns Musical "Rhinegold" in New York uraufgeführt, die Band Manowar produziert seit den 1990er Jahren in ihrem New Yorker Studio "Haus Wahnfried" eine Musik, "die extrem laut ist und um Themen wie Kampf, Ehre und Männlichkeit kreist". Die Band verehrt Wagner als den Vater des Heavy Metal. Die Bühnenshow von Rammstein bezieht sich zwar nicht wörtlich auf Wagner, behält ihn aber durch ihr "martialisches Auftreten, brachiale Musik und ambivalente Symbolik" im Visier.

Bei all den Wagnerzeugnissen des Kitschs, den propagandistischen oder parodistischen Wagner-Plakaten, ist das Thema Hitler und Nationalsozialismus in Bayreuth natürlich von Dringlichkeit. Geradezu obszön wirkt der Entwurf für das Propagandaplakat "Es lebe Deutschland" von K. Stuber (1935) mit Hitler als dämonischem Parsifal: der Diktator mit Hakenkreuz als lichter "Anführer und Erlöser der zum Volkskörper gleichgeschalteten Menschen". Vulgär ist das Plakat von 1970 für Adrian Hovens Film "Siegfried und das sagenhafte Liebesleben der Nibelungen mit dem eine nackte Blondine stemmenden Raimund Harmstorf. Slogan: "Jung-Siegfried war ein toller Hecht, er macht' es allen Damen recht."

Wie harmlos dagegen unsere Gegenwart heute! Statt Propaganda und Parodie bietet sie Tourismusförderung. Zum Beispiel mit dem "Walk of Wagner" in Bayreuth, von der Ausstellung gemieden. Er führt vom Haus Wahnfried über zahlreiche Stationen hinauf zum Festspielhaus auf dem Grünen Hügel. Eine der Stationen unterwegs lädt ein zur Meditation an der Wagner-Bronzebüste von 1986, die der in der Zeit des Nationalsozialismus schon tätige Arno Breker, genannt "Bildhauer des Führers", geschaffen hat. Da wären wir also wieder bei ihm angekommen, dem Bayreuther Dämon Adolf Hitler.

"VolksWagner. Popularisierung - Aneignung - Kitsch". Sonderausstellung im Richard Wagner Museum Bayreuth. Bis zum 3. Oktober.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5637245
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/c.d.
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.