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Richard Wagamese:Ins Angriffsdrittel

Fim Still "Indian Horse" (Regie S. Campanelli)

Ajuawak Kapashesit in der Hauptrolle der Verfilmung des Romans "Indian Horse" von 2017.

(Foto: © INDIAN HORSE PRODUCTIONS (BC) & (ON) INC)

Der indigene kanadische Schriftsteller Richard Wagamese und sein Eishockey-Roman "Der gefrorene Himmel" über das Glück des Spiels und den Hass der Mehrheit.

Von Harald Eggebrecht

Wer immer schon mal wissen wollte, was die Faszination und Schönheit des Eishockeyspiels ausmacht, sollte unbedingt diesen an Seitenzahl zwar schmalen, aber an Substanz reichen und erzählerisch tiefgründigen, farbenreichen Roman von Richard Wagamese lesen: "Ich nahm den Puck mit dem Schläger auf und holte mit dem anderen Arm Schwung. Der Torwart schrie auf und fuhr langsam rückwärts vor sein Tor. Ich schoss über die blaue Linie ins Angriffsdrittel, und da waren nur noch ich, der Puck und das Netz. Ich flog, fuhr, so schnell ich konnte, und dann hielt die Zeit an, kroch nur noch. Ich hörte meinen Atem und die Schreie der anderen Jungen hinter mir, spürte das Blut in meiner Brust pulsieren, sah die Augen des Torwarts, konzentriert zusammengekniffen."

Der junge Saul Indian Horse schießt dann ein tolles Tor, sein überragendes Talent für dieses Spiel wird entdeckt, und er stößt sogar bis in die Profiliga der großen Städte vor. Der Autor Richard Wagamese wurde 1955 im Nordwesten der kanadischen Provinz Ontario geboren und starb 2017. Er gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern Kanadas, ein Indigener aus dem Volk der Ojibwe. "Indian Horse", so der englische Originaltitel, wurde 2013 mit dem Burt Award for First Nations, Inuit and Métis Literature, einem der wichtigsten Preise für indigene Literatur in Kanada ausgezeichnet und 2017 verfilmt, produziert von Clint Eastwood.

Sauls Schicksal zeigt, wie indigene Kinder in den Residential Schools Kanadas entwurzelt wurden

Doch Saul erzählt nicht nur von Triumphen auf dem "gefrorenen Himmel" der Eisfläche und dem Hockeyspiel, das er besser zu lesen und damit zu spielen versteht als alle anderen, sondern vor allem davon, dass es die einzige Ausflucht ist aus seinem sonst von rassistischer Diskriminierung, brutalem Schulzwang und quälender Einsamkeit bedrängten Leben. Es beginnt mit Sauls verzweifelter Flucht zusammen mit seiner Großmutter vorm Zugriff der Weißen. Die alte Frau versucht, sich und den Knaben durch die Unbilden der Wildnis zu bringen mit allen Überlebenstechniken der Indianer. Doch es misslingt. An der Schule, wo gehasst und gequält wird, zieht sich Saul in sich selbst zurück, liest, so gut er kann, bis schließlich Pater Leboutilier erscheint und das Hockeytalent des Jungen entdeckt. Aber Sauls Einsamkeit, seine immer glimmende Wut und die ständigen rassistischen Provokationen der Eishockeyfans und gegnerischen Mannschaften vergällen ihm sogar den gefrorenen Himmel. Er wird zum "roten" Schläger.

So hinreißend leicht Richard Wagamese das Glück des Hockeyspiels beschreibt, so umstandslos schildert er Sauls Absturz in die verschiedenen Stufen des Alkoholismus. Erst als sich Saul auf die Suche nach sich selbst begibt und zurückkehrt, klärt sich sein Bewusstsein: Er besucht die nur noch als Ruine vorhandene Schule und erinnert sich nun am Rande der einstigen Eisfläche, dass auch Pater Leboutilier kein Wohl-, sondern ein Sexualtäter war.

Richard Wagamese: Der gefrorene Himmel. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Blessing, München 2021. 256 Seiten, 22 Euro.

Richard Wagameses schreibt knapp, ohne Mitleids-oder Gefühligkeitstricks, bleibt stets nah bei seinem Icherzähler und dessen unmittelbaren Erfahrungen. Das Buch fesselt unwiderstehlich durch Beobachtungsvertrauen und Beschreibungsgenauigkeit: die geradezu spürbare Dichte der Waldlandschaften und Wettererfahrungen, die Intensität der vielfältigen Geräusche und Lichteffekte auf dem Eis und während des Spiels, die schmucklose Bitternis und das Elend des Suffs.

Wagameses "Indian Horse" ist eine exemplarische Geschichte: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde in Kanada das System der Residential Schools eingeführt, die meist in Händen der katholischen Kirche, aber auch mancher protestantischer Träger lagen. In diesen Schulen wurden indigene Kinder entwurzelt und rücksichtslos assimiliert: Trennung von den Eltern, Verbot des Muttersprachengebrauchs auch untereinander, gewollter Kulturverlust, "Zivilisierung" durch ein grausames Züchtigungsregiment. Dazu kamen zahllose physische und sexuelle Übergriffe. Erst 1996 wurde der letzte dieser Horrororte geschlossen. 1998 entschuldigte sich die kanadische Regierung, 2018 weigerte sich allerdings Papst Franziskus, Gleiches für seine Kirche zu tun. Die Versuche von Wiedergutmachung sind keineswegs beendet, immerhin wurde 2015 von der "Truth and Reconciliation Commission" nach sechsjähriger Arbeit der fatale Umgang mit den indigenen Kindern als "kultureller Völkermord" benannt.

© SZ/masc
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