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Umgang mit Rezo:Eine wesentliche Erkenntnis: Kollektive sind durch Konnektive ersetzt worden

Man verwechselt Inszenierung und Inhalt. Manche Politiker tun so, als ginge es bei der aktuellen Auseinandersetzung um die Frage, ob man mit seinen eigenen Angeboten nicht einfach mehr auf YouTube präsent sein müsse, vielleicht sogar auf den Versand von PDF-Dateien verzichten und einfach mehr Emojis und eine Prise LOL-Rhetorik in seinen Veröffentlichungen gebrauchen solle. Ein CDU-naher Verein will nun eigene Plattform-Stars aufbauen. Ein paar Tipps dazu: schnelle Schnitte! Charts! Musik! All das könnte helfen. Der bayerische Ministerpräsident plant folglich solch einen YouTube-Kanal, so erklärte er jedenfalls am Wochenende.

Das Grundmissverständnis dieser hastigen Vorschläge liegt in der Verwechslung von Medium und Botschaft, von Inszenierung und Inhalt. Hier wird die Kritik an der Klimapolitik, am Einsatz von Drohnen oder an der Verteilung von Reichtum zum bloßen Kommunikations- und Kanalproblem umgedeutet - und sofort eine neue Kränkung produziert. Die so Angesprochenen fühlen sich völlig zu Recht als YouTube-Flippies veralbert, die sich ohnehin nicht mehr richtig konzentrieren können, wie die Älteren von uns aus den publizistischen Chefarztvisiten von Manfred Spitzer wissen. Die Kuriosität und das Ärgernis der Debatte besteht darin, dass hier junge Menschen auf einer fundierten, im Zweifel von Expertenwissen bestimmten Auseinandersetzung beharren, während sich sogenannte Polit-Profis aus der Arena der Argumente verabschieden, um den Konflikt kommunikationskosmetisch zu heilen.

Politik CDU Nein zur CDU, nein zur SPD - 70 Youtuber stellen sich hinter Rezo
Angriff auf die CDU

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Die Sofort-Skandalisierung scheint übrigens die vorrangige Reaktion zu sein. Die arrogante Abfuhr, die verklemmte Relativierung, die pauschale Abwertung, der Start einer Gegenkampagne, der Versuch von Einschüchterung und Zensur - all das kann das Entrüstungsfeuer noch einmal kräftig anheizen. Und genau das ist in den letzten Tagen passiert. Was folgt daraus? Der Umgang mit Fehlern verwandelt sich irgendwann in den einen großen, entscheidenden Fehler, der neue Autoritäts- und Reputationskrisen produziert. Hat Annegret Kramp-Karrenbauer das Zeug zur Kanzlerin? Wo will sie hin? Und was ist eigentlich ihr Programm?

Derartige Dynamiken der Eskalation sind keine Spezialität des digitalen Zeitalters, gewiss nicht. Aber heute ist jede Äußerung und jeder Versuch der Beschwichtigung selbst unmittelbar angreifbar geworden. Darum ist die reflektierte, einigermaßen konsistente Strategie im Umgang mit Peinlichkeiten, Pannen und echten Vergehen umso entscheidender. Die einfache Gesetzmäßigkeit: Je mächtiger die Protestierenden, je berechtigter ihr Protest-Anlass und je emotional wirksamer das Protest-Thema, desto rascher und glaubwürdiger muss man darauf reagieren. Hier ist es, zumal unter den Hochgeschwindigkeitsbedingungen der Netzkommunikation, fatal, auf Zeit spielen zu wollen. Die Salami-Taktik und der versuchte Schulterschluss mit mächtigen Medien - der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg konnte dies vor einer gefühlten Ewigkeit im engen Schulterschluss mit Bild-Zeitung noch vorführen, als man gemeinsam versuchte, seine Plagiate zu relativieren - all das funktioniert heute nicht mehr.

Fremdlinge mit blauen Haaren sind auf einmal in das Grillfest des Ortsvereins geplatzt

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Kollektive werden durch Konnektive ersetzt. An den Beispielen der #Metoo-Bewegung, der Gelbwesten-Proteste in Frankreich, der weltweiten Aktionen des March for Our Lives oder Fridays for Future und den Unterstützern von Rezo wird deutlich: Hier bilden sich Gemeinschaften neuen Typs, Organisationen ohne Organisation, die man im Unterschied zu einem Kollektiv als Konnektiv bezeichnen könnte. Was ist damit gemeint? Ein Kollektiv - ein Unternehmen, eine beliebige Partei, ein Medienhaus - besitzt klare Innen-Außen-Grenzen, gemeinsame Strategien, erkennbare Hierarchien. Ein Konnektiv ist hingegen zugänglicher, offener für überraschende Bündnisse und neuartige Koalitionen - zum Beispiel zwischen jugendlichen Protestlern und ihren Eltern und etablierten Klimawissenschaftlern, wie im aktuellen Fall.

Das Attraktivitätsgeheimnis dieser Form von Vergemeinschaftung ist eine Mischung aus Zugehörigkeitsempfinden und persönlich-privatem Selbstausdruck, sie entsteht über eigene Bilder, Texte und Geschichten, sie wird ermöglicht durch die digitalen Medien. Wenn Kollektive (wie die CDU unter Kramp-Karrenbauer oder die Partei von Emmanuel Macron im Falle der Gelbwesten) mit Konnektiven interagieren, dann erliegen sie leicht der Illusion, es reiche aus, nur auf die Köpfe zu schauen. Dann lädt man ein paar vermeintliche Gelbwesten-Anführer oder eben Rezo ein. Das Problem: Eine derartige Form der Konfliktbesänftigung, die letztlich auf einer irreführenden Personalisierung von Netzwerkeffekten basiert, klappt, wenn überhaupt, nur in der Binnenlogik der eigenen Organisation. Ein Rezo kann nicht - nach erfolgtem Appeasement im Konrad-Adenauer-Haus - eine versammelte Mannschaft wieder auf Linie bringen.

Denn Digitalisierung heißt Dialogisierung. Wie lässt sich Kommunikation organisieren und befrieden, wenn zentralistische Strukturen vernetzten Individuen gegenüber stehen, die alle ihre eigenen Auffassungen haben? Das ist tatsächlich eine noch offene Frage. Wahrscheinlich hilft hier nur ein Maximum an Dialogbereitschaft in der Breite der Gesellschaft. Es gilt, mit wirklicher Empathie (und nicht mit gespielter Sympathie) zuzuhören und zu verstehen, was diese Fremdlinge, die jetzt mit ihren blauen Haaren aus dem fremden YouTube-Universum in das Grillfest des Ortsvereins hineingeplatzt sind, eigentlich zu sagen haben. Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen: Die digitale Moderne wird entweder das Zeitalter des Dialogs sein oder in der Rückschau als eine Epoche des Aufeinandereinbrüllens erscheinen, die ganze Gesellschaften im Inneren zerrissen und die Rückkehr der Stammesfehden unter modernen Medienbedingungen hervorgebracht hat.

Der Autor ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Zuletzt veröffentlichte er das Buch "Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung" im Hanser-Verlag.

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