bedeckt München

Rezension zu David Vanns "Dreck":Tod im Schuppen unter der heißen Sonne

Man versteht, dass diese Mutter eifersüchtig ist, dass sie sich verraten fühlt, weil der Sohn und Ersatzehemann einvernehmlichen Sex mit seiner Cousine hat, die ihn aus Langeweile verführt, man begreift, dass die Mutter ihn nun wohl bestrafen wird, als sie sich seltsam entschlossen an den Teetisch im Kräutergarten setzt, aber man glaubt, sich verlesen zu haben, als sie ihm mitteilt, sie werde ihn bei der Polizei anzeigen. Er habe eine Minderjährige vergewaltigt, sie habe Beweismittel sichergestellt und gut versteckt. Er gehöre weggesperrt, weil die Welt ohne ihn besser dran sei, ihre Welt.

Galen reagiert zunächst mit der Weisheit seiner alten Seele, dann mit Sarkasmus, dann mit Wut und schließlich mit Panik, während die Mutter vor ihm flüchtet. Und plötzlich ist sie die Gefangene und zwingt dem Sohn die Rolle des Gefängniswärters auf: Sie versteckt sich in einem Schuppen, der unter der heißen Sonne steht. Galen verschließt ihn kurzerhand von außen und wird sie nicht mehr freilassen. Während die Mutter um Wasser bettelt, legt er sich in die Bewässerungsfurchen der Plantage und bedeckt seinen nackten Körper mit einer Schlammschicht. Als von der Gefangenen nichts mehr zu hören ist, vergräbt er die Leiche im Dreck.

Roman ohne Männer

Zu lang geworden ist das letzte Drittel des Romans, in dem Mutter und Sohn erbittert ihren Kampf austragen, denn es ist jämmerlich, wenn zwei passive und verantwortungslose Leute das Handeln und Verhandeln versuchen. Gerade aber in dieser so realistischen Jämmerlichkeit sind die beiden Hauptfiguren groß und großartig. David Vann hat in einem Interview gesagt, es habe in seiner eigenen Familie einige Morde und einen Selbstmord gegeben, es ist also davon auszugehen, dass diese Aufarbeitung weitergeht.

Die Männer fehlen in diesem Roman - wie auch in so vielen Familien. Ohne männliches Vorbild, ohne Mentor, Trainer, Onkel, Großvater oder Vater hat es ein Muttersohn verdammt schwer, sich gegen weibliche Erziehungsmuster durchzusetzen. Galen hat mit diesem Versuch schon früh abgeschlossen. Sein Leid ist das Überangebot "Mutter", das sich aus dem Mangel "Vater" ergibt. Galens Mord an der Mutter ist im eigentlichen Sinne kein Mord, denn aus Notwehr wird unterlassene Hilfeleistung, die tragisch endet - und genau hier gelingt Vann die Psychologie eines weggesperrten Muttersohns und Kaspar Hausers treffend.

Sie wollte ihn nicht teilen

Es ist nicht zu befürchten, dass aus diesem Freak ein Amokläufer wird, dazu ist er nicht aktiv genug. Die Mutter hatte dafür gesorgt, dass er allein und verwahrlost aufwächst. Sie wollte ihn nicht teilen, doch als dann doch die männliche Lust in ihm erwacht, da bricht für die Mutter, die nichts weiter als ihren Sohn hat, die Welt entzwei. Und, wie es Gerhard Falkner in einem Gedicht sinngemäß beschreibt: ". . ./ Vorsicht / aus Söhnen werden Messer."

Die männliche Natur sollte sich von der weiblichen Erziehung emanzipieren dürfen - schön, wenn dieser Machtkampf kanalisiert werden kann, durch Vorbilder zivilisiert, schlimm, wenn eben nicht. Im Roman "Dreck" ist der Abwesende die wahre Hauptfigur, wie in so vielen Familien. David Vanns junger Protagonist wächst mit den Lebenslügen einer Frau auf, die Mutter wurde, als sie noch ein halbes Kind war. Wofür dieser Roman mahnend eintritt, das ist die Notwendigkeit des männlichen Gegenübers. Vanns Beitrag zum Thema Alleinerziehung lautet: Vaterschaft tut not.

Der Schriftsteller Volker Harry Altwasser beschäftigt sich literarisch seit zehn Jahren mit der Rolle der Söhne von alleinerziehenden Müttern. Zuerst im Debütroman "Wie ich vom Ausschneiden loskam" (2003), zuletzt im Geschichtspanorama "Letzte Haut" (2009), im Abwrackroman "Letztes Schweigen" (2010) und im Hochseeepos "Letzte Fischer" (2011). Altwasser erhielt 2012 den Italo Svevo Preis für ästhetischen Eigensinn. Mit David Vann verbindet ihn die Erfahrung der Seefahrt als männliche Welt und das Scheitern als literarisches Prinzip.

© SZ vom 01.07.2013/soli
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