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Revolution:Es stellt sich die Frage, wer den Kalten Krieg wirklich gewonnen hat

Die liberalen Kräfte haben sich im glücklichen Augenblick nach 1989 mit dem Glauben blamiert, sie würden mit dem Strom schwimmen und hätten dabei den Wind der Geschichte im Rücken. Die Überzeugung, Demokratie setze sich notwendig durch oder ließe sich exportieren, hat sich ebenso als Irrglaube erwiesen wie die Annahme, soziale Fragen, etwa nach Arbeiterrechten, Reichtumsverteilung, Chancengleichheit, fänden ihre Antwort auf den Märkten, im freien Spiel der Kräfte, die man nur gewähren lassen müsste.

In den Neunzigerjahren wurden die gerade in den postkommunistischen Ländern auflodernden Nationalismen gern wegerklärt, das seien Relikte, Überbleibsel eines Alten, das im Laufe der Zeit verschwinden werde. Heute ist zu erkennen, dass es die Globalisierungsprozesse selbst sind, die überall neue Abgrenzungsbestrebungen, Nationalismus und Regionalismus, hervorbringen.

Der Economist hat vor Kurzem den ehemaligen KGB-Offizier Wladimir Putin als neuen Zaren porträtiert. Nimmt man hinzu, dass Russland wieder eine geopolitisch entscheidende Rolle spielt, die Volksrepublik China unter Führung der Kommunistischen Partei eine prosperierende Weltmacht ist, in Washington gerade geprüft wird, inwiefern die Präsidentschaftswahlen von Moskau aus beeinflusst wurden, und dass Nordkorea eine ernsthafte militärische Bedrohung ist, dann stellt sich die Frage, wer den Kalten Krieg gewonnen hat, auf neue Weise. Postkommunistische Situation? Wirklich?

In seiner Revolutionskomödie "Trommeln in der Nacht" ließ Bertolt Brecht den Kriegsheimkehrer Andreas Kragler die Kämpfe im Berliner Zeitungsviertel unter rot glühendem Mond resümieren: "Es ist gewöhnliches Theater. Es sind Bretter und ein Papiermond und dahinter die Fleischbank, die allein ist leibhaftig." Das Theatrale der Revolution fasziniert bis heute in Gesellschaften, die vom Individualismus und damit zugleich vom Unbehagen am Individualismus geprägt sind. Da mag, wie bei den Revolutionsbeschwörungen auf Twitter, Phrasendrescherei dabei sein.

Aber das Verlangen nach Gemeinschaft und nach starken politischen Leidenschaften ist ernst zu nehmen. Darin äußert sich der Wunsch, einmal als ganze Person zu agieren, statt zwischen sozialen Rollen zu switchen, Probleme kleinzuarbeiten, Kompromisse zu schließen, Politik rechtsförmig zu betreiben. Können offene Gesellschaften von diesem Verlangen nach Neuanfang profitieren oder sind sie verdammt, immer nur davor zu warnen?

Der Historiker François Furet meinte, die Französische Revolution habe einen Anfang, aber kein Ende, dafür sei ihr Versprechen zu umfassend gewesen. Im heutigen Moskau ist 1917 an sein Ende gekommen, nicht aber in Kiew.

© SZ vom 04.11.2017/doer
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