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Retrospektive Wolf-Eckart Bühler:Motion und Emotion

LEUCHTTURM DES CHAOS mit Sterling Hayden, Pressebild zur Retrospektive des Filmemachers Wolf-Eckart Bühler

Der Kritiker und Filmemacher Wolf-Eckart Bühler.

(Foto: Filmmuseum München)

Das Münchner Filmmuseum präsentiert das Werk des Kritikers und Filmemachers Wolf-Eckart Bühler in einer Online-Retrospektive.

Von Fritz Göttler

Anfang der Siebziger begann in München das Paradies für die Filmkritik. Für die deutsche Filmkritik allgemein und für die Zeitschrift Filmkritik, gegründet 1957, im besonderen. Deren erste Epoche war zu Ende, der Abgang der alten Garde, um Enno Patalas, stand bevor, die Gründung der Filmkritiker Kooperative. Wolf-Eckart Bühler hatte die Pforte zum Paradies aufgestoßen, als er im Januar 1972 das Filmkritik-Heft zu John Ford's Stock Company gestaltete - all die regulären Darsteller und Stuntmen in den Ford-Filmen, von Ben Johnson bis Hank Worden, John Wayne inklusive. Wolf-Eckart Bühler ist am 16. Juni gestorben, mit 74 Jahren, nun widmet das Münchner Filmmuseum ihm eine digitale Retrospektive.

Das Heft war alles andere als ein Liebhaberprojekt, für Fans und Cineasten, es führte mitten hinein ins Herz der Filmkritik, wo es um die Beziehungen geht zwischen motion und emotion und darum, "dass einer einen Sinn bekommen kann für das, was Filmgeschichte ist und Umgang mit Filmen". Künftig sollte nicht mehr - die klassische Kritik! - der einzelne Film im Mittelpunkt stehen, seine Bedeutung und Wertigkeit, sondern: das Kino als Produktivkraft, die Dialektik seiner Produktion, das Ineinander von Ideologie, Politik, Kapitalismus, und dann die Produktivkraft des Sehens, bei den Zuschauern. Beispielhaft konzentrierte Bühler das im Komplex der unterdrückten linken Traditionen in Hollywood, von Kommunistenverfolgung und Schwarzer Liste. Er schuf Filmkritik-Hefte zu Leo T. Hurwitz, Irving Lerner, Abraham Polonsky, auch zum ,linken' John Ford in den Dreißigern. Es steckt eine Beharrlichkeit und Radikalität, eine Lebhaftigkeit und Herzlichkeit in diesem Schreiben, die einem die Augen öffnet. Ein Versuch, vom Kino zu schreiben aus der Mitte heraus, jenseits der Stars und Autoren.

Parallel hat Bühler diese Arbeit auch in TV- und Kinofilmen weitergeführt. Das Filmmuseum zeigt sie, parallel zu den Vorführungen im Kinosaal, digital in den nächsten Wochen (Vimeo.com/filmmuseummuenchen). Bis Freitag die Filme über Hurwitz, Lerner, Polonsky. Ab Samstag die über und mit Hollywoodstar Sterling Hayden, ab 26 Juli "Amerasia", der im Filmmuseum restauriert wurde.

Mit Wolf-Eckart Bühler haben wir gelernt, das Kino zu erleben in seiner Körperlichkeit. "Man erfährt", schrieb er zu Polonskys Film "Blutige Spur", mit Robert Redford und Robert Blake, 1970, "direkt und emotional, was es heißt, einer Minderheit anzugehören - was eine Flucht ist und warum Menschen vor Menschen flüchten müssen - was eine Verfolgung ist und warum Menschen andere Menschen verfolgen - was eine Strecke Wegs bedeutet, die man hinter sich zu bringen hat - was Liebe ist und was Liebe sein könnte - was Erotik ist ... - was ein Raum ist und was Perspektive (diese drückenden Räume, die aber immer irgendwie dem Licht offen sind: Türen, Fenster, Luken) was Natur ist (Fels, Stein, Geröll, Wasser, Feuer, Licht)."

© SZ vom 16.07.2020

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