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Retropop von "Chromatics":Material für die Engtanzfloors dieser Welt

Erstaunlich ist das, weil Jewel eigentlich nicht die Art von Produzent ist, die up to date genannt wird. In seinen Stücken hört man eher Produktionen von Giorgio Moroder und Harold Faltermeyer oder die Brian Eno-Ära von Roxy Music nachklingen als die Arbeit der Soundtüftler, die im Auftrag ihrer Majestät eines der letzten Madonna-Alben entworfen haben. Jewel greift immer wieder in dieselben Tasten, arbeitet ausschließlich mit analogem Equipment, mit Synthesizern, die mitunter älter sein dürften als er selbst.

Unter solchen Bedingungen besteht immer die Gefahr, etwas Überflüssiges abzuliefern. Chromatics-Songs hört man an, dass ihre Schöpfer das wissen. Sie sind immer auch Statements gegen die Mittelmäßigkeit und Schnelllebigkeit des Pop. Jewel und Co. bringen Wissen und Stil in ein Verhältnis, das am Ende nicht Langeweile, sondern Intimität erzeugt. "There's more to the picture than meets the eye." - so krächzte es Neil Young in "Hey Hey, My My", ohne zu wissen, wie treffend es den Charakter dieses Albums beschreiben würde.

Mit den Werkzeugen von gestern kann jeder rumspielen, die großen Songs aber muss man in sich haben. Auf "Kill For Love" befinden sich einige davon. Der Titeltrack des Albums mit seinen schleppenden Beats und den verhallten Soundschichten ist wahrscheinlich der bestgelaunte Ohrwurm des bisherigen Schaffens der Band, das darauf folgende "Back From The Grave" dagegen drückt direkt wieder auf die Tränendrüse - Material für die Engtanzfloors dieser Welt. Dann "The Page" - eine für Chromatics-Verhältnisse fast schon treibende Up-tempo-Nummer. So muss Glamrock aus Disco-Perspektive klingen.

Mit "The Streets Will Never Look The Same" wirft die Band ein Streiflicht über die Anonymität der Großstadt, das sogar die auf so was spezialisierten Dubstep-Romantiker blass aussehen lässt. Und dann, nach diesen größten Gesten des Albums, passiert etwas Unerwartetes. Es löst sich immer wieder in flächigen, atmosphärischen Arrangements auf. In etwa so, wie es sich sonst nur Soundtracks erlauben.

Ausgestreckter Mittelfinger für Zweifler

Und tatsächlich stand das letzte Album "Night Drive" seinerzeit ganz oben auf dem Zettel des "Drive"-Regisseurs Nicolas Winding Refn, als er die Stimmungstiefe seines Neo-Noir-Thrillers auslotete. Refn holte Jewel als Komponisten an Bord. "Drive" wurde dann doch eine größere Nummer, und der als Filmkomponist noch namenlose Jewel blieb wohl dank Hollywood-Geklüngel auf seinem Material sitzen. Lediglich ein älterer Chromatics-Song und ein Stück seiner Band Desire schafften es auf den Soundtrack des Films. Jewel machte es dann einfach wieder selbst, rief mit dem Chromatics-Drummer Nat Walker das Projekt "Symmetry" ins Leben und veröffentlichte überarbeitete Teile seiner Arbeit als "Themes For An Imaginary Film".

Nur logisch, dass auch den Chromatics der eine oder andere breitwandige dramaturgische Kniff verpasst wurde. Jewel soll in einem Interview einmal gesagt haben, die "Drive"-Produzenten hätten in ihm wohl nur einen 20-jährigen Hipster gesehen, dem außer ein paar Disco-Pop-Nümmerchen nichts zuzutrauen ist.

Da ist es kein Wunder, dass das knapp 80-minütige Werk "Kill For Love" in seiner sich alles erlaubenden Attitüde nun ein bisschen überheblich daherkommt. In manchen Momenten hält es den Zweiflern einen ausgestreckten Mittelfinger entgegen. Den bisherigen Fans schenkt es mindestens eine neue Klangwelt. Und allen, die die Band jetzt zum ersten Mal hören, ein echtes Pop-Erlebnis.

© SZ vom 03.08.2012/feko
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