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Retrokult alter Musik-Technik:Spende Wärme, schönes Teil!

Inzwischen aber heißt es recht grundsätzlich: Je oller, je doller.

Nur eine Mode? Nostalgie? Man hört es selbst auf manch nagelneuer CD: Alles lupenrein, und plötzlich ein Knacksen, ein Rumpeln oder ein bisschen Rauschen, extra eingespielt, als nostalgische Extraspur.

Die Hammondorgel lebt, auch das Hohner-Clavinet und das Wurlitzer-Piano. Auf der Musikmesse in Frankfurt standen die Menschen neulich in Trauben um Nachbauten des alten analogen Korg-Synthesizer MS-20, Baujahr 1978, mit leuchtenden Augen - wie vor dem Weihnachtsbaum.

Das Instrument wird, leicht miniaturisiert, wieder hergestellt. Zu dem realen existierenden Gerät mit all den Tasten und Schaltern kommt heute, über Kabel verbunden, ein digitales Abbild, erstanden aus Software.

Alles ist also jetzt doppelt da: Schlägt man eine Taste auf dem Synthesizer an, wird auch beim Alter Ego im Computer die entsprechende Taste bewegt. Stöpselt man eines Kabel um, wechselt auch das Kabel auf dem Schirm seine Position.

Es ist wohl wie Heimweh, und so funktioniert dieser analoge rollback frei nach dem Manufactum-Prinzip: Es gibt sie noch, die warmen Dinge.

Tonexperten steuern auf Anfrage gerne etwas zur klanglichen Sinnsuche bei. "Digital ist zu sauber", verkündet Jonny Monument, Managing Director der britischen Firma tfpro, die ausschließlich analoges Gerät produziert.

"Die Ohren wollen einen schmutzigen Sound, wollen Verzerrungen und Obertöne." Universal Audio, deren Gründer Bill Putnam senior einst für Nat King Cole, Ray Charles und Ella Fitzgerald arbeitete, wirbt heute mit dem Slogan: "analog ears, digital minds".

"Ja, es gibt einen Retrotrend", nickt ein Ingenieur des legendären Mikrofonherstellers Neumann, "das ist Mode". Die scheint ihm gar nicht mal geheuer zu sein. Obwohl Neumann Berlin selbst ein Eckstein des analogen Mythos ist. Man braucht nur "U47" zu sagen, um versierten Tontechnikern die Wangen zu röten.

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