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Retrokolumne:Zirpen und brüten

Die interessantesten neuen Wiederveröffentlichungen aus dem Pop. Diesmal mit Bob Dylan, John Cage und Goldfrapp - sowie der Antwort auf die Frage, warum ein Musik-Skandal von vor 40 Jahren heute keiner mehr sein kann.

Während Bob Dylan nach wie vor fast täglich irgendwo auf dem Planeten Konzerte gibt, treibt er nebenbei munter die Enzyklopädisierung seines Werkes voran. Jetzt also "Travellin' Thru: 1967-69", Folge 15 der Bootleg-Series, ein Triple-Album mit 47 unveröffentlichten Aufnahmen aus einer Zeit, als Dylan die Bühne mied, auf dem Land bei Woodstock lebte, und, glaubt man seiner Autobiografie, einfach nur seine Ruhe haben wollte. Es waren die Jahre nach seinem Motorradunfall, als er sich, müde vom Dasein als Folk-Messias, den elementaren Dingen zuwandte und in den Sedimenten amerikanischer Musiktraditionen zu schürfen begann. Die "Basement Tapes" entstanden, sowie zwei Alben, die einen anderen Dylan zeigten: einen Sinnsuchenden, der sich geläutert jener Musik zuwandte, in der auch starke Männer schwach sein dürfen: dem Country. Auf "Travellin' Thru" gibt es Unveröffentlichtes und Variationen zu den Alben "John Wesley Harding" sowie "Nashville Skyline", der Zusammenarbeit mit Johnny Cash. Vor allem die Duette und Fernsehmitschnitte zu letzterem dürften nicht nur für Dylanologen lohnend sein. Wie beseelt Dylan plötzlich singen konnte, wenn er mit Cashs souveränen Bassbariton mithalten musste. Wie die beiden feixen und improvisieren, sich gegenseitig (und einige Country-Klassiker) covern: zwei Giganten auf der Höhe ihrer Kunst. Aus Cashs "Ring of Fire" macht Dylan einen lässigen Gospel, Cash wiederum singt Dylans trauriges "Don't Think Twice" beim Duett so brummig-gut gelaunt, dass man dazu squaredancen möchte. Auch die Outtakes zu "John Wesley Harding" sind keine bloße Resteverwertung, sondern zeigen, wie viel Dylan ausprobierte, bevor er sich für einen Take entschied. Das mit dem Ausprobieren hat er sich bis heute erhalten, vor allem auf der Bühne variiert und verfremdet er gerne seine Klassiker, manchmal bis zur Unkenntlichkeit. Und wer sich fragt, warum er auf seiner Never Ending Tour stets einen Cowboyhut trägt, findet auf "Travellin' Thru" ein paar Antworten.

Bei aller Euphorie sollte man dennoch nicht vergessen, dass Dylan-Bootlegs einst B-Ware waren. Beim ungleich unbekannteren Album "Neighborhoods" von Ernest Hood aus dem Jahre 1975, das jetzt wiederaufgelegt wurde, handelt es sich dagegen eindeutig um A-Ware, nur hat es seinerzeit kaum einen interessiert. Was zum einen daran liegt, dass diese Art von Musik - atmosphärischer Ambient - so noch gar nicht erfunden und somit viel zu fremd für ungeübte Ohren war; zum anderen, dass Hood das Album, sein einziges, privat finanzierte und vertrieb. Mehr als ein paar Hundert Exemplare kamen nie in Umlauf. Hood, geboren 1923 in Portland, Oregon, war eigentlich aufstrebender Jazzgitarrist in den Fünfzigern, als ihn eine Polioerkrankung aus der Bahn warf, später sogar an den Rollstuhl fesselte. Hood sattelte auf Zither um, spielte mal hier, mal da mit, und pflegte, solange es ihm möglich war, mit einem Aufnahmegerät durch die Suburbs von Portland zu fahren, um die Geräuschkulisse seines Alltags aufzunehmen. "Audio-Postkarten" nannte er das. Sie dienten als Grundlage für "Neighborhoods", seinem Versuch, der amerikanischen Vorstadt ein Denkmal zu setzen. Die Stücke heißen "Saturday Morning Doze" oder "After School". Es zirpt und brütet, donnert und zwitschert, Stimmen huschen vorbei, Autotüren schnappen zu. Dazwischen fließen Hoods flüchtige Synthesizergirlanden und Zither-Arpeggios. All das verbindet sich zu einer Collage, in der sich die Zeit dehnt. Es ist der Sound rammdösiger Kindheitstage, in die man sich beim Hören - und das ist Hoods Verdienst - sofort zurückwünscht, ganz gleich ob man sie in Portland, Oregon, Castrop-Rauxel oder München-Freimann verbracht hat.

Was uns zum Boxset "Stumm433" des Londoner Indielabels Mute Records führt. Dies kommt zwar aus einer ganz anderen Ecke, dabei aber zu verblüffend ähnlichen Ergebnissen. Auf der Fünffach-CD bringen 50 Bands "4'33" von John Cage zur Aufführung, jenes Avantgarde-Stück von 1952, bei dem viereinhalb Minuten lang kein einziger Ton gespielt wird. Cage wollte seinerzeit das Konzept Musik hinterfragen und das Erlebnis der Stille erfahrbar machen. Die Fragen, die sich dabei stellen, sind bis heute aktuell: Gehört dazu noch Regenprasseln und leises Dröhnen (Depeche Mode) oder gilt nur schalltotes Nichts (Fad Gadget)? Was ist mit den geloopten Bauernhofgeräuschen von Goldfrapp? Und warum widersetzt sich Moby der Partitur und lässt über Synthiegeblubber eine sonore Melodie laufen? Damals mag Cages ketzerische Aktion noch einen Skandal ausgelöst haben, heute läuft so was unter, genau: Ambient. Ernest Hood hat das schon vor 45 Jahren gewusst.

© SZ vom 05.11.2019

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