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Retrokolumne:Wut und Sonne

"Keine Krise kann mich schocken", heißt das Album mit den gesammelten Aufnahmen der einstigen Frauen-Punkband "Östro 430". Na dann! Außerdem zu entdecken: toller Sunshine-Pop von Margo Guryan und Düsteres von Charlie Megira.

Da hat man durch Corona endlich Zeit, die Musik abzuarbeiten, die man immer schon mal anhören wollte, und dann macht ein einziges Album den Plan zunichte, weil man es ständig anhören muss: Margo Guryans "Take A Picture" von 1968 (erhältlich zum Beispiel bei Sundazed Music oder Oglio). Was für eine Entdeckung! Und wie schade, dass es das einzige Album der 1937 geborenen New Yorkerin blieb. Sie hatte keine Lust aufs Touren und die blutsaugende Musikindustrie und sah sich ohnehin nie als Performerin, sondern als Komponistin. Schon als Teenagerin schrieb sie Songs am Klavier, die Stimme von Harry Belafonte im Kopf. Der nahm später tatsächlich einen ihrer Songs auf ("I'm On My Way To Saturday"). Guryan studierte Jazz, komponierte für Größen wie Ornette Coleman und Don Cherry. So versunken war sie in den Jazz, dass es "Pet Sounds" von den Beach Boys brauchte, um sie da rauszuholen. Und wohl auch The Mamas & the Papas. Der Begriff Sunshine-Pop ist bei ihrer Musik durchaus wörtlich zu nehmen. "Sun", "sunny" und "sunshine" sind so ziemlich die meist verwendeten Worte bei ihr. Aber die Schwermut ob der Flüchtigkeit der sonnigen Momente ist in jeder Zeile zu spüren. Es sind sepiastichige Szenen der Liebe, die sie beschreibt, klar und schnörkellos, wie im Song "Thoughts", der nur aus Zwei-Wort-Sätzen besteht: "Meeting you / Holding hands (...) Growing bored / And leaving you". Der Song "Love", der vor Kurzem auf einigen Streaming-Diensten als Single herauskam, beginnt mit einem wunderbar psychedelischen Intro, wechselt ständig das Tempo, bis er zur Ruhe kommt. Und im schönsten Song des Albums, "Someone I Know", erkennt man im Hintergrund irgendwann Bachs "Jesu, meine Freude".

Es sind meist tragischen Geschichten, die besondere Faszination ausüben. Etwa die des israelischen Musikers Charlie Megira, der bis zu seinem Tod 2016 weitgehend unbekannt war. Seit das US-amerikanische Label Numero Group im vergangenen Jahr "Tomorrow's Gone", eine Kompilation mit 24 seiner Songs, veröffentlicht hat, beginnt seine Musik Kreise zu ziehen - bis in den Münchner "Optimal"-Plattenladen, wo das Doppelalbum seit Wochen gefragt ist. Schon der Titeltrack berührt mit solch einer Wucht, dass man gar nicht mehr weiß, in welcher Zeit man sich gerade befindet. Die zärtliche, langsame Gitarrenmelodie scheint aus den 1950er-Jahren herüberzuwehen, Megira croont verhallt auf Hebräisch darüber. An anderer Stelle klingt der kühle, düstere Sound von Joy Division durch. Und immer wieder Rockabilly und Surf-Rock à la The Cramps. Megira nahm sieben Alben in 15 Jahren auf - die meisten davon verkaufte er als selbstgebrannte CDs. Der Durchbruch blieb ihm verwehrt. Zuletzt griff die Dunkelheit, die seine Musik so besonders macht, immer mehr auf sein Leben über. 2016 beendete er es selbst. Mit 44 Jahren.

Die Geschichte des deutschen Punk lässt sich zurückverfolgen in eine abgeranzte Kneipe in Düsseldorf, den legendären "Ratinger Hof". Aus dieser Underground-Keimzelle gingen in den späten Siebzigern Bands hervor wie die Fehlfarben, DAF, ZK (die späteren Toten Hosen ) und auch Östro 430. Die Frauanband, die von 1979 bis 1984 existierte, muss damit zwar diesen Teil der Geschichte ziemlich alleine tragen, aber ja: Die Ursprünge des deutschen Punk sind auch weiblich! Und zwar explizit weiblich, wie man in der neuen Kompilation "Keine Krise kann mich schocken" (Tapete Records) mit den gesammelten Aufnahmen der Band hören kann. Wie offen und (t)rotzig Östro 430 damals über Sexualität und Gleichberechtigung sangen, lässt einen viele der heute so geschätzten Pop-Feministinnen fast belächeln. Da wird "Sexueller Notstand" beklagt. Mit den Typen sei nichts mehr los, auch Frauen würden manchmal nur an das Eine denken ("Ich hab' doch so 'nen Trieb!"). Und wenn sich die spießigen Nachbarn über das quietschende Bett beschweren, schleudert ihnen Sängerin Martina Weith mit einem herrlichen Kläffen in der Stimme ihren "tiefe(n) Hass" entgegen. Man muss bei den Texten immer wieder grinsen. Wut, merkt man einmal mehr, kann auch ein gesundes Gefühl sein, das gerade Frauen oft nicht zugestanden wird. Interessant für eine Punk-Band: Es gab keine Gitarre. Weil sich dafür schlicht niemand gefunden hat. Aber die Mischung aus Keyboard, Bass, Schlagzeug und Saxofon macht auch so unfassbar gute Laune.

© SZ vom 02.06.2020

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