bedeckt München
vgwortpixel

Retrokolumne:Mörderballaden

Diesmal mit Harry Nilsson, dem Lieblingssänger der "Beatles" - und der Antwort auf die Frage, warum man unbedingt Alex Harvey kennen sollte.

Manchmal reicht ein Leben nicht, um es zu vollenden: Knapp ein Vierteljahrhundert nach dem Tod von Harry Nilsson 1994 erschien kürzlich mit "Losst & Founnd" (Omnivore Records) ein posthumes Album des amerikanischen Ausnahmesängers mit bislang unveröffentlichten Songs. Grundlage sind Aufnahmen, die Nilsson zuvor mit dem Produzenten Mark Hudson einzuspielen begann, aber nicht mehr fertigstellen konnte. Diesen letzten Dienst hat Hudson ihm nun erwiesen. Nilsson galt Anfang der Neunziger als abgehalfterter Musiker im Vorruhestand, an den sich nur noch wenige erinnerten. Nach der Ermordung seines Freundes John Lennon 1980 war er verstummt und nicht mehr auf die Beine gekommen. Dabei zählte er einmal zu den Größten, die Beatles hatten ihn zu ihrem Lieblingssänger erklärt. Kein Wunder: Seine engelsgleiche Stimme umfasste dreieinhalb Oktaven. Und dem Songschreiber Nilsson schienen Melodien zuzufliegen wie zahme Vögel, doch berühmt wurde er mit Fremdkompositionen. Nilssons erster Hit "Everybody's Talking", im Original von Fred Neil, erzählt von der Sehnsucht eines Desillusionierten nach dem einfachen Glück, was 1969, als der Rauch der Proteste verflogen war, den Nerv einer ganzen Generation traf. Seine Version von "Without You" (1971), geschrieben von der Band Badfinger, brachte ihm einen Grammy und gilt bis heute zurecht als Mutter aller Powerballaden. 1974 suchte John Lennon bei ihm Unterschlupf und verarbeite seine Ehekrise mit Yoko Ono im gemeinsamen Album "Pussy Cats". Zu den vielen Exzessen, die beide damals während der Aufnahmen (und davor und danach) zelebrierten, gehörte ein Schrei-Duell im Tonstudio, von dem sich Nilssons Timbre nie mehr erholen sollte: Stimmbandriss. (Nachzuhören auf "Many Rivers To Cross"). All das sollte man wissen, bevor man sich auf den gutmütigen, aber etwas verlebten Mann mit Alkoholproblemen einlässt, der auf "Losst & Founnd" zu hören ist und ein wenig wie Benny von ABBA aussieht. Es ist viel Wehmut in dieser Stimme, die nun rauer, gezeichneter klingt, die Kompositionen hingegen wirken abgeklärt-leichtfüßig. "Try" etwa ist eine kaum verhohlene Kopie von Lennons "All You Need Is Love". Reminiszenzen an die Beatles, an die besseren, vergangenen Zeiten, gibt es zuhauf, was bei Nilsson aber nie ins Larmoyante kippt, sondern in schnoddriger Ironie aufgelöst wird: "There is no place like Penny Lane / There's no more yesterday / But something in the way you move me / Keeps me moving on / From day to day". Nilsson ist ein Meister der leisen Töne, was sich leider über die Produktion des Albums nicht immer sagen lässt: zu viele Geigen, Bläsersätze, Overdubs, Reggae-Einlagen und andere Spielereien. Hudson scheint manchmal vergessen zu haben, wer der Star auf seiner nachgeholten Abschiedsfeier ist. Er hätte öfter auf die Kraft von Harry Nilssons Stimme vertrauen sollen, so wie bei dessen Interpretation von Jimmy Webbs "What Does A Woman See In A Man". Diese Stimme hat viel zu erzählen, auch wenn sie manchmal bricht.

Die Wege alter Musik und wie sie zu uns findet, sind unergründlich. Neuauflagen verschollener oder vergriffener Alben sind eine Möglichkeit, sie dem Vergessen zu entreißen, eine andere ist die gute alte Mundpropaganda. Kürzlich legte Nick Cave auf seinem Online-Kummerkasten "The Red Hand Files" allen Fans das Werk von Alex Harvey nahe, dem er so viel verdanke. Und wer den schottischen Bluesrocker nicht kennen sollte, sollte Caves Wink ruhig beherzigen. Harvey stammt aus Glasgow, hatte ein respektable, aber unauffällige Karriere in diversen Skiffle-, R&B- und Rock & Roll-Bands hinter sich, lebte eine Zeit lang in Hamburg, verdingte sich in London als Sänger beim Musical "Hair", bevor er als Glamrocker zu ganz großer Form auflief. Sein Werk ist auf Youtube gut dokumentiert, besonders die Livemitschnitte der frühen Siebziger lassen erahnen, was Cave an ihm bewundert. Harvey war ein Frontmann mit maliziösem Charisma, von dem sich AC/DC-Sänger Bon Scott viel abgeschaut haben dürfte. Die Sensational Alex Harvey Band trug bizarre Spandex-Kostüme, schminkte sich lange vor Kiss die Gesichter weiß und strahlte jene unangepasste Angriffslust aus, die später Punk genannt wurde. Dabei hatte ihre Theatralik stets Substanz. Aus Tom Jones' "Delilah", im Original ein harmloser Gassenhauer fürs Erwachsenenradio, machte Harvey eine abgründige Mörderballade, die einen frösteln lässt. Jaques Brels "Next" wiederum, ein Chanson über Soldatenbordelle im Ersten Weltkrieg, sang er ganz ohne die Rotwein-Finesse schummriger Cafes, dafür mit der Inbrunst, Wut und schmutzigen Fantasie des Arbeiters. Mit beiden landete er kleine Hits. 1982 starb er einen Tag vor seinem 47. Geburtstag an einem Herzinfarkt. In Schottland wird er bis heute verehrt, im Rest der Welt kennt ihn kaum jemand. Das muss sich ändern, findet nicht nur Nick Cave.

© SZ vom 11.02.2020
Zur SZ-Startseite