bedeckt München -2°

Retrokolumne:Knuspern, rascheln, knistern

Die drei gefeierten Alben des Düsseldorfer Soundtüftlers Stefan Betke, ein neuer Film über "Madness", der viel mehr als eine Bandgeschichte ist - und die Antwort auf die Frage, welcher Popstar das Holzbein von Sarah Bernhardt besaß.

Von Max Fellmann

Autobiografien von Popstars können eine zähe Sache sein. Seitenweise Eigenlob, geschönte Geschichten, Namedropping. Aber von Zeit zu Zeit gibt's welche, die sind ganz anders. Kein Mensch hat ja nervös darauf gewartet, dass die Musiker von Madness ein Buch über ihre Anfänge schreiben. Noch dazu eins, in dem sie nicht über die Zeit ihrer großen Erfolge ("Our House", "It Must Be Love") sprechen, sondern ausschließlich über die ganz frühen Tage, als sie überhaupt erst zusammenfanden. Aber "Before We Was We" (Virgin Books) ist eben viel mehr als nur eine Nostalgieveranstaltung für Madness-Fans. Das Buch ist eine hübsche Studie der Working Class im Londoner Norden, Mitte der Siebzigerjahre. Da treffen sich ein paar Jungs in Ruinen, die 30 Jahre nach dem Krieg immer noch rumstanden, sie knacken Geldautomaten im Waschsalon, freitagabends klettern sie über Mauern und Klofenster in Clubs, weil sie sich die Konzerte ihrer Lieblingsbands nicht leisten können. Sie probieren S-Bahn-Surfen und kleine Diebstähle, sie entdecken Musik und Mode. Die Begegnungen der verschiedenen Jugendkulturen gehen nicht immer gut aus, Skinheads, Punks, Teds, wer an der falschen Kreuzung die falsche Frisur hat, lernt sprinten. Und nach und nach entsteht aus der jugendlichen Ziellosigkeit tatsächlich so etwas wie ein Plan. Der englische Musikjournalist Tom Doyle hat alle sieben Musiker befragt und daraus eine liebevolle Oral History gebastelt, voller Momente, voller Leben. Als wär's ein Film von Mike Leigh. Nice one, lads.

Konzert Tom Waits
(Foto: dpa/dpaweb)

Vor Kurzem ist der amerikanische Produzent Hal Willner gestorben, der zum Beispiel Jeff Buckley berühmt machte und Top-Musiker für unglaubliche All-Star-Alben zusammenbrachte. Jetzt hat sich mit etwas Verspätung auch sein langjähriger Freund und Arbeitspartner Tom Waits von Willner verabschiedet. In seinem Statement heißt es unter anderem: "Er fühlte sich ebenso angezogen von der Gefahr eines Fiaskos wie von der magischen Kraft der Illumination, die seine legendären Produktionen in sich bargen. Vor vielen Jahren hat er Jimmy Durantes Klavier gekauft, zusammen mit Bela Lugosis Armbanduhr und einem Kopftuch, das von Karen Carpenter getragen wurde. Manche sagen, er habe auch das Holzbein von Sarah Bernhardt besessen ..." Wahr? Ausgedacht? Auf jeden Fall würde das alles auch sehr gut zu Tom Waits selbst passen - kein Wunder, dass die beiden sich ein Leben lang blendend verstanden.

Eigentlich kommt einem (je nach Alter) das Jahr 2000 noch gar nicht so lange her vor. Aber doch, manche Musik aus den späten Neunzigern ist inzwischen wohl ein Fall für die Retrokolumne. Der Düsseldorfer Stefan Betke hat unter dem Namen Pole zwischen 1998 und 2000 drei Alben veröffentlicht, die einfach "1", "2" und "3" hießen. Was er machte (und damals außer ihm nur wenige andere), heißt inzwischen Glitch. Der Begriff kommt aus der Elektronik, damit ist ein Fehler in Schaltkreisen gemeint. Als Genrebegriff bezieht er sich auf Klänge, die zunächst wie Störgeräusche wirken, dann aber zu Mustern, Rhythmen und Strukturen finden. Angeblich kam Betke auf seinen Sound, weil tatsächlich ein elektronisches Gerät kaputtgegangen war und spannende Geräusche von sich gab. Die ersten drei Alben sind jetzt zusammen noch mal neu aufgelegt worden (Titel: "Pole 1 2 3"). Kaum Melodien oder Akkorde im herkömmlichen Sinn, dafür minimale Knusperschleifen, zart getaktetes Rascheln, verhaltenes Knistern. Und Stück für Stück merkt man, dass viele von Betkes Ideen bis heute weiterleben und -klicken und -rauschen. Nicht nur in der Welt der rein elektronischen Musik, sondern auch bis hinein in den Mainstream-Pop, vermittelt durch spätere Brückenbauer wie Bon Iver.

(Foto: Youtube)

Und da wir gerade bei Wiederveröffentlichungen sind, noch ein Nachtrag zur rührendsten Neuauflage des vergangenen Wochenendes: Wie schon am Montag in der SZ beschrieben, waren beim Internet-Festival "One World - Together At Home" auch die Rolling Stones dabei, zusammen, aber jeder allein zu Hause. Schlagzeuger Charlie Watts wurde im Internet viel dafür gefeiert, dass er nicht auf einem Schlagzeug spielte, sondern auf Kisten und Kissen. Aber: Das Schlagzeug war Playback, Watts klöppelte einfach so rum. Und da schließt sich doch der Kreis sehr schön. Wir sehen einen alten Mann, der zur Musik so tut, als spiele er Schlagzeug. Genau wie ein kleiner Junge, der die Kochtöpfe rausholt.

© SZ vom 21.04.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema