Süddeutsche Zeitung

Retrokolumne:Im rosa Dreiteiler

Als Andre Williams vergangene Woche 82-jährig starb, verlor die Welt einen Soulsänger, dessen Musik zum Wildesten gehört, was je auf Vinyl gepresst wurde.

Von Jonathan Fischer

Wäre das Leben gerecht, dann hätte Andre Williams, der Mann, der Stevie Wonders erste Motown-Single produzierte, Bobby Blue Bland den Funk verpasste, mit Ike Turner im Studio kokste, und ganz nebenbei solche Rhythm'n'Blues-Klassiker wie "Shake Your Tailfeather" , "Jailbait" oder "Bacon Fat" schrieb, längst eine gebührende Retrospektive erfahren. Keine einfache Best-Of-Zusammenstellung, sondern einen Zehn-CD-Schuber inklusive Goldschnitt-Buch. Mindestens. Als der in Alabama geborene Musiker vergangene Woche 82-jährig einem Krebsleiden erlag, hat die Welt viel mehr verloren als einen "schmutzigen alten Mann", wie sich Williams selbst gern in Abgrenzung zum stubenmädchenhaft braven Love-Song-Mainstream bezeichnete. Nein, als Sänger sah er sich nie. Aber als Entertainer und Schweinepriester servierte er saftige kleine Geschichten. Andre Williams Singles der Fünfziger für das Detroiter Label Fortune Records gehören zwischen derangiertem Doo-Wop und schlüpfrigem Blues zum Wildesten, was jemals auf Vinyl gepresst wurde. Souverän über einen Beat bramarbasieren, in lakonischem Bariton von Keksen, Pussies und Schweineschnauzen palavern - das konnte er wie kein anderer. Etwa in "Jailbait", dieser Mach-es-nicht-mit-Minderjährigen-oder geh-ins-Gefängnis-Moritat: "And now that it's too late/ as you look from cell number eight/ I tried to tell yo old mate/ 17 and one-half is still jail bait". Genauso exzentrisch: Seine halb gerappten, von Mitschnipp-Beats befeuerten Soulfood-Monologe wie "Pass The Biscuits Please". Williams schien das alles beiläufig cool am Bartresen zu raunzen.

Auch wenn sich später Lux Interior von den Cramps, Frank Zappa oder Bootsy Collins als Fans outeten - Williams blieb (zumindest bis ihm "Shake A Tail Feather" in Ray Charles "Blues Brothers"-Fassung ein Grundeinkommen sicherte) zu lange verkannt. Ein aus der Zeit gefallener Styler, der selbst ein Fastfood-Restaurant nie ohne Hut, Krawatte und gepflegten Dreiteiler betrat. Von seinen legendären Fortune-Singles verkaufte er nie mehr als ein paar hundert Stück. Heute muss man sie zum Glück nicht teuer auf Ebay kaufen, sondern kann sie hübsch annotiert auf der CD "Mr. Rhythm Is Moving" (Hoodoo Records) nachhören.

Auch Motown brachte Williams nicht den erhofften Ruhm. Berry Gordy arbeitete noch in der Autofabrik, als sich die beiden im Barbershop kennenlernten. "Mein Friseur" erzählte Williams, "stellte ihn mir vor. 'Dieser Typ hier kann Songs schreiben, du solltest dich um ihn kümmern.' Ich konnte Berry, diese kleine, aufgeblasene Primadonna persönlich nie ausstehen." Trotzdem verschaffte Williams dem Motown-Boss seinen ersten Act, produzierte neben dem 13-jährigen Stevie Wonder auch Mary Wells, die Temptations und die Contours. Sechs Mal heuerte und feuerte ihn Gordy. Mitte der Sechzige r wechselte Williams zur Rhythm'n'Blues-Konkurrenz: Auf Chess Records hatte er mit "Cadillac Jack" einen Hit, nebenbei schrieb er schaurig-schöne Dramen für die Dramatics, Bobby Blue Bland und O.V. Wright.

Als Ike Turner den Produzenten in den Siebzigern in sein Studio nach Los Angeles holte, unter anderem für das Ike und Tina Turner Album "Let Me Touch Your Mind", war das der Anfang vom Ende. Williams rutschte von Ikes Koks-Töpfen direkt in die Gosse: "Ich rauchte Crack, hauste mit den Obdachlosen, hielt mich mit Hehlerei über Wasser. Manchmal schaute ich wehmütig den Fliegern nach, in denen ich einst erster Klasse zwischen den Studios und Plattenfirmen gependelt war". Ein weißer jüdischer Produzent und fanatischer Fan machte Williams zehn Jahre später auf den Straßen Chicagos ausfindig und schleppte ihn zurück ins Studio. Mit Erfolg: Auf dem Album "Greasy" (Norton Records) spannt er Williams mit der Garagen-Rock-Band The El Dorados zusammen - der Startschuss zu einer Zweit-Karriere auf den Bühnen der College-Clubs. Seine Stimme schmirgelte nun noch besser. Unter anderem die Jon Spencer Blues Explosion, The Dirtbombs und The Sadies holten ihn ins Studio. Mit letzteren spielte er 1996 ein großartig rumpelndes Country-Album ein: "Red Dirt" (Blood Shot Records) - komplett mit schräger Fidel und typischen Williams-Texten à la "She's Just a Bag of Potato Chips". Es sollten noch ein Dutzend Alben in unterschiedlicher Qualität - je nach Nüchternheit von Williams und dem Swing-Factor der Band - folgen. Die besten daraus: Der beherzte Garagen-Rock von "Silky" (In The Red Records), und "Night & Day"(Yep Roc), ein spätes Meisterwerk des psychedelischen Talking Blues. "The worst thing in the world is a black man bored", gesteht Andre Williams da. Möge der Mann auch eine Etage höher im rosa Dreiteiler die Schwanzfedern zum wackeln bringen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4391684
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 02.04.2019
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.