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Retrokolumne:Heroin, Ruin, Überdosis

Die Pop-Re-Issues der Woche. Diesmal mit den "Beatles" und Billy Idol - und der endgültigen Antwort auf die Frage, ob Lennon oder McCartney nach den Beatles besser war.

Im Werk der Beatles hat jedes Album seinen spezifischen Platz. "Revolver" ist der Durchbruch vom schönen Lied zum psychedelischen Experiment, "Sgt Pepper" das Opus Magnum, "Abbey Road" das vielschichtige Abschlussalbum. Das weiße Album, erschienen vor 50 Jahren, am 22. November 1968, hat die vielleicht merkwürdigste Position: einziges Doppelalbum, offener Zerfall der Band, lauter Stücke, die erkennbar nur von Einzelnen geschrieben sind, zum Teil sogar aufgenommen ohne die anderen. Das heterogenste Album der Beatles, Dokument einer inneren Lösung, eines Auseinanderdriftens. Dabei aber, und das ist natürlich das Faszinierende, mit Sicherheit nicht ihr schlechtestes Album. Bis heute faszinierend, dass es wirkt wie eine Compilation verschiedener Bands: die Hardrock-Beatles ("Helter Skelter"), die Folk-Beatles ("Blackbird"), die Gaga-Beatles ("Wild Honey Pie"), die Avantgarde-Beatles ("Revolution 9"), die Kinderlieder-Beatles ("Ob-La-Di, Ob-La-Da"), die Chanson-Beatles ("Good Night"), und immer so weiter, sagenhafte 30 Stücke lang, quer durch alle Musikstile und Klänge, Formen und Formate. Dass das tatsächlich alles dieselbe Band ist, mag man immer wieder kaum glauben. Jetzt, zum Jubiläum, erscheint "The Beatles" in einer Deluxe-Version mit Buch und Poster und etlichen Extra-CDs, gefüllt mit verworfenen Aufnahmen, Demos und noch vielen weiteren von den Fundstücken, aus denen schon die "Anthology"-Alben zusammengestellt waren. Für Beatles-Exegeten ein Fest, viele lange Winterabende lassen sich damit füllen, aber natürlich ist so eine Deluxe Issue nicht zwingend nötig. Eigentlich genügt es, das Original anzuhören, ungläubig den Kopf zu schütteln und sich zu erinnern: Zwischen "Please Please Me" (vier nette Pilzköpfe mit ihrem Debüt) und diesem Album (vier schnell gealterte Alleskönner, die Beatlemania, Plattenverbrennungen, Drogen und Orden hinter sich haben) lagen nur fünf Jahre und acht Monate.

Nicht ganz so gut gealtert ist dagegen "Imagine", John Lennons Soloalbum von 1971. Das erscheint jetzt auch neu in einer Super-sonder-hurra-noch-mehr-Zusatzmaterial-Ausgabe, 4 CDs, 2 Blu-Ray Discs, 133 Songs, Demos, Outtakes, Versuche, High Definition, Surround Sound und 88-Seiten-Buch. Natürlich, das Titellied ist ein unzerstörbarer Klassiker, eine Welt-Hymne, Freude schöner Götterfunken. Der Rest aber, nun ja. Der Mann, der nach seinem Tod verehrt wurde wie ein Halbgott, erweist sich hier als ziemlich irdischer Kerl mit viel schlechter Laune und eher durchwachsener Kreativität. An "How Do You Sleep?", Lennons berüchtigtem Anti-McCartney-Song, nervt gar nicht mal so sehr die gallige Missgunst, sondern vor allem die musikalische Einfallslosigkeit. "Jealous Guy" ist hübsch, aber durchschnittlicher Siebzigerjahre-Kitsch, der auch von Lennons Saufkumpan Harry Nilsson hätte kommen können. Amüsant ist aber immer noch, dass Lennon das Album ausgerechnet mit "Oh Yoko" abschloss, diesem fröhlich galoppierenden Liebeslied, das (wenn auch nicht textlich) wie eine Verneigung vor McCartney klang. Vielleicht waren sie nach all dem gemeinsam Erlebten doch nicht so weit auseinander. Nur vier Monate vor Lennons "Imagine" hatte McCartney das schwache Album "Ram" veröffentlicht: Deutlicher als mit diesen zwei Alben konnten die beiden einander kaum zeigen, wie sehr sie sich gebraucht hätten.

Man muss kein Fan von Billy Idol sein, aber dass der Mann nicht längst tot ist, sondern mit viel Energie über die Bühnen hetzt, verdient Respekt. Er war ja in den Achtzigern für kurze Zeit einer der Allergrößten, kann man sich heute kaum mehr vorstellen, ein Hit nach dem anderen, ein Star auf Augenhöhe mit Prince, Madonna, Springsteen. Das Geheimnis seiner Hits war die ziemlich einmalige Verquickung von Rock'n'Roll-Attitüde, Punk-Rotzigkeit, wilden Metal-Gitarren und ewig geschürzter Oberlippe. Dann aber: Heroin, Ruin, Überdosis 1993, Intensivstation, Karriere vorbei. Viele Jahre später erst hat er sich zurückgekämpft, in kleinen Schritten. Jetzt erscheint ein Album, das die Höhepunkte seiner besten Zeiten noch mal in Erinnerung rufen soll: "Vital Idol Revitalized" ist das Remix-Album eines Remix-Albums - das originale "Vital Idol" erschien 1985. Die Remix-Remix-Idee hat zwar theoretisch Charme, leider geben die Überarbeitungen nicht viel her. "White Wedding", "Rebel Yell", "Eyes Without A Face", alles ist dabei, umgebaut von mehr oder weniger Berufenen wie Moby, Paul Oakenfold oder The Crystal Method. Deren Remix-Verständnis scheint bloß in den Achtzigern steckengeblieben zu sein, die Formel lautet hier: Alles lassen wie es ist, nur das Schlagzeug austauschen gegen 0815-Club-Beats. Oje. Nach allem, was er hinter sich hat, hätte Billy Idol Besseres verdient.

© SZ vom 09.10.2018

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