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Retrokolumne:Glorreiche Halunken

Die interessantesten Pop-Wieder­veröffentlichungen der Woche. Diesmal mit Alessandro Alessandroni, Sibylle Baier und Robert Ashley - sowie der Antwort auf die Frage, von wem nun eigentlich das schönste Pfeifen der Filmgeschichte stammt.

Es soll Menschen geben, die es noch nie geschafft haben, einen Italowestern ganz anzusehen. Aus der reinen Angst heraus, während des Films wahlweise an Langeweile zu sterben oder an dem Gemisch aus Wüstenstaub und triefender Männlichkeit zu ersticken. Aber auch solche Menschen kennen natürlich die berühmten Ennio-Morricone-Soundtracks. Jeder kennt sie. Das schönste Pfeifen der Filmgeschichte ist in den Titelmelodien zu "Für eine Handvoll Dollar", "Spiel mir das Lied vom Tod" und "Zwei glorreiche Halunken" zu hören. Eben jenen Pfeifer lohnt es sich, an dieser Stelle genauer anzuschauen: Alessandro Alessandroni, ein Freund Morricones aus Jugendtagen. Der gebürtige Römer, der 2017 starb, war Multiinstrumentalist, er komponierte Filmsoundtracks und unzählige sogenannte Library Music, also Produktionsmusik speziell zur Vertonung von Film, Fernsehen und Werbung, die ohne langwierige Lizenzverhandlungen verwendet werden konnte. Da Schallplatten mit Produktionsmusik gewöhnlich nicht in den normalen Handel gelangten, sondern oft vergessen in Rundfunkarchiven vor sich hin lagerten, sind sie unter Vinyl-Sammlern zu seltenen Schätzen geworden. Ein solcher Schatz ist Alessandro Alessandronis 1972er-Platte "Open Air Parade", die das italienische Label Sonor Music Editions jetzt zum ersten Mal neu auf Vinyl veröffentlicht hat. An Westernfilme denkt man in keinem einzigen Moment. Stattdessen ist man beim ersten Titel "Spiagge Azzurre" innerlich schon auf einem funky-psychedelischen Ritt Richtung Rimini unterwegs. Auf "Analcolico" kommt die Hammondorgel sommerlich und beschwingt daher. Eigentümlich wird die Stimmung, wenn Alessandronis "I Cantori Moderni"-Chor zum Einsatz kommt. Der schafft düster-mysteriöse Traumlandschaften, die einen eher in ein "Wenn die Gondeln Trauer tragen"-Venedig versetzen.

Gerade ist die zweite Staffel der britischen Serie "The End of the F***ing World" angelaufen. Eine Art makaber-tragische Bonnie-und-Clyde-Geschichte, bei der man nie so richtig weiß, ob sie im Jetzt spielt oder vielleicht doch in den Sechzigern. Das liegt auch am Soundtrack, der neben ein paar aktuellen Songs vor allem alte enthält, von der Jazz-Sängerin Nancy Wilson oder von The Kinks. Um herauszubekommen, welche Songs da gerade laufen, haben Fans der Serie Songzeilen so oft gegoogelt, dass sie in der Suchmaschine trendeten. So wird heute Musik entdeckt. Und im Fall von Sibylle Baier, deren Namen man mit Freude auf dem Soundtrack findet, hoffentlich von vielen wiederentdeckt. Baier ist eine deutsche Schauspielerin und Songwriterin. Ihr erstes und einziges Album "Colour Green" wurde 2006 veröffentlicht - rund 35 Jahre nachdem sie es aufgenommen hatte. Ihren ersten Folksong schrieb sie Ende der Sechziger als junges Mädchen. "Remember The Day" erfasst die Traurigkeit und Schönheit des Lebens, wie es nur Menschen können, die schon Dunkelheit gesehen haben. Von 1970 bis 1973 nahm Baier zu Hause mit ihrer Akustikgitarre und einem Tonbandgerät noch mehr Songs auf. Die Kassetten verteilte sie an Freunde und Verwandte. Später zog sie in die USA und widmete sich ihren Kindern. Irgendwann entdeckte ihr Sohn Robby die Musik und brannte sie auf CDs. Eine davon gab er seinem Kumpel J Mascis von der Band Dinosaur Jr., der sie wiederum an seine Freunde vom Indie-Label Orange Twin weitergab, die das Album 2006 dann veröffentlichten. Und zwar unverändert. Man möchte den Atem anhalten bei diesen leisen, erdrückend schönen Songs.

Intimität in Musik kann wunderbar sein, man muss sie aber auch aushalten können. Das merkt man auf "Automatic Writing" von Robert Ashley aus dem Jahr 1979. Der amerikanische Komponist war bekannt für seine experimentellen Opern und Theaterstücke, in denen er Sprache mit avantgardistischer Electronica verband. Da er unter einer milden Form des Tourettesyndroms litt, faszinierte ihn aber gerade die "unfreiwillige" Sprache, die zuweilen aus ihm herauskam. Für "Automatic Writing" nahm er diese auf und verfremdete die Worte und Satzfetzen teils bis zur Unkenntlichkeit. Seine zittrige Stimme wird begleitet von einer weiblichen Stimme - die seiner Frau - die die Worte auf Französisch übersetzt nachflüstert. Dazu kommen gluckernde Geräusche eines Polymoog-Synthesizers und von weit weg die leise Ahnung einer Orgelmelodie. Und zwischendrin, inmitten der 46 (!) Minuten taucht mal kurz ein Bass auf und verschwindet wieder. Es ist wirklich sehr intim und fühlt sich an, also ob man zwischen Ashley und seiner Frau im Bett liegt. Wer sich auf diesen seltsam berührenden Trip begeben will, sollte das am besten mit Kopfhörern machen.