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Retrokolumne:Ersatz und Absage

Tocotronic feiern sich selbst mit einer Sammlung ihrer 70 besten Songs, und auf einem neuen Sampler lässt sich nachhören, wie es einmal möglich war, dass der Club "Paradise Garage" in New York ein ganzes Musikgenre erfand.

Von Jan Kedves

Hi Freaks. So lautet die typische Fan-Begrüßung von Tocotronic. Mit ihr ließ die Band kürzlich auch das Rundschreiben beginnen, mit dem sie verkündete, dass die beiden für dieses Jahr geplanten "Let There Be Tocotronic"-Konzerte in Potsdam und Hamburg aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden müssen und ins Jahr 2021 verlegt werden. Nicht abgesagt aber haben Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Arne Zank und Rick McPhail die Veröffentlichung ihrer umfassenden Werkschau "Sag Alles Ab - The Best of 1994-2020" (Vertigo). Vor dem aktuellen Hintergrund erscheint der Titel umso genialer. Wobei der gleichnamige Hit vom "Kapitulation"-Album (2007) damals ja nicht als Lob der notgedrungenen Absage zu verstehen war. Sondern als Tocotronics Verneigung vor dem damals in intellektuellen Pop-Kreisen grassierendem Bartlebyismus, also der Verehrung jenes Protagonisten aus Herman Melvilles Erzählung "Bartleby der Schreiber", der immer dann, wenn er etwas tun soll, antwortet: "Ich würde vorziehen, es nicht zu tun". Bartleby war damals der Held all jener, die lieber nicht mitmachen mochten, sei es beim Neoliberalismus, beim Turbokapitalismus, oder beim deutschnationalen Sommermärchen von 2006. Wie sich die Zeiten ändern! Wer jetzt die 70 Stücke dieser Sammlung nacheinander anhören möchte, muss wirklich etwas absagen. Es beginnt mit dem Reim "Drüben auf dem Hügel möcht ich sein / Im letzten Abendsonnenschein" aus dem Song "Drüben auf dem Hügel" vom Album "Digital ist besser" (1995). Und endet, 69 Stücke später, mit dem Refrain "In den Bäumen und in den Sträuchern / Regt sich ein Windhauch und bläst in mein Ohr / Heute bin ich glücklich wie niemals zuvor" aus dem Song "17" vom Album "K.o.o.k." (1999). Dazwischen bleibt viel Zeit, um noch einmal darüber nachzudenken, was Dirk von Lowtzow, der Sänger der wichtigsten deutschsprachigen Rockband, da eigentlich macht mit der deutschen Sprache, wenn er sie über Grunge- und Indierock-beeinflussten Schrammel- und Schmuse-Sound singt. Er labt sich an ihr, wälzt sie, streichelt sie, schmückt sich mit ihr. Auf Papier lesen sich seine Reime mal kryptisch, manchmal platt, oder allzu ausgedacht. Aber sobald er sie singt, klingen sie stimmig, schlau, sogar verführerisch. Was ja nur als Lob seiner samtig-rauchigen Baritonstimme gemeint sein kann. Und auch als Lob der E-Gitarre, jenes anderen entscheidenden Transport- und Transformationsmittels seiner Lyrik: "Ich erzähle dir alles und alles ist wahr / Electric guitar", heißt es im Song "Electric Guitar". Mit anderen Worten: Der Sound ist im Rock mindestens so wichtig wie das Wort. Auch schön: dass Tocotronic hin und wieder den Maskulinismus hinterfragen, der andere Rockbands, die komplett aus Männern bestehen, sonst ja durchaus plagen kann. Etwa im Song "Neutrum": "Ich bin ein Neutrum mit Bedeutung im Maschinenstaat / Mit einer langen Leitung direkt ins Sekretariat", singt von Lowtzow. Was das nun wieder bedeuten soll? Dass es rockt, ganz einfach. Und dass Identitäten ruhig brüchig und fluide bleiben können, und dass das dann auch super ist.

Wie geht es mit der Club- und Tanzkultur während und nach der Corona-Pandemie weiter? Sicher erscheint derzeit nur, dass es auf absehbare Zeit keine Clubs mehr geben wird, die mit einer konsequenten Musik-Programmierung und einem Stammpublikum in der Lage sein werden, so legendär zu werden, dass man irgendwann ein Musikgenre nach ihnen benennt. Die New Yorker Paradise Garage (1976-1987) war solch ein Club, auf sie geht das heutige Genre Garage-House zurück. Was für Musik in diesem umfunktionierten Parkhaus in Manhattan lief, lässt sich auf der "The Garage Box" (Most Excellent Unlimited) von Mr. K nachhören, die fünf 7-Inch-Vinyl-Singles umfassent. Mr. K ist ein Alias von Danny Krivit, einem Veteranen der New Yorker DJ-Szene. Er hat sich auf die Kunstform des Edits spezialisiert. Sie ging der heutigen Kunstform des Remixes voraus, ist sozusagen dessen analoger Ahne. Remixe bedeuten häufig, dass vom Original eines Stücks nichts mehr übrig bleibt. Im Namen Edit hingegen steckt das Redigat und das Verständnis, dass man Musikaufnahmen so bearbeiten kann wie Texte - indem man eben nicht alles umschreibt, sondern Passagen umstellt, verlängert, streicht, das reicht schon. Krivit hat so zum Beispiel Giorgio Moroders episches Space-Disco-Rock-Stück "Evolution" bearbeitet, das vom Soundtrack zur Science-Fiction-Serie "Kampfstern Galactica" (1978) stammt. Larry Levan, der Stamm-DJ der Paradise Garage, machte das Stück damals in New York zum ähnlich großen Hit wie Donna Summers "I Feel Love", ebenfalls produziert von Moroder. Im Mr.-K-Edit klingt "Evolution" viel dubbiger, hypnotischer, weniger aufbrausend. Trippy! Man könnte sagen: In der Paradise Garage musste die Musik das leisten, was an anderen Mitteln fehlte. Im Club durfte nämlich kein Alkohol ausgeschenkt werden.

© SZ vom 25.08.2020
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