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Retrokolumne:Derdiedas Punk lebt 

Warum man in dieser Woche den Fragen nachgehen sollte, ob Geld, Perfektionismus und vorauseilende Gefälligkeit große Kunst hervorbringen können, wie Joan As Police Woman klingt und ob Billy Childish immer noch arm, laut und sexy einfach lospowert.

Indiepop, Indie-Mode, Indie-Bier. Man vergisst heute leicht, dass das Präfix "Indie" mal ein Kampfbegriff von Pop-Idealisten war. Von Major-Labels unabhängige Plattenfirmen, Independents, hat es zwar schon immer gegeben, die ersten Elvis-Aufnahmen erschienen auf einem, doch erst im Fahrwasser von Punk wurde "Indie" zur Geisteshaltung, die sich auch ästhetisch gegen die Vermarktungszwänge der Massenproduktionen wandte. Oder, wie es der weise Punk-Barde Billy Childish neulich in einer BBC-Doku formulierte: "Lass niemanden dir sagen, was du tun sollst." Kaum einer ging diesen Weg kompromissloser als der Brite, der bürgerlich William Charlie Hamper heißt, und schon Unruhe stiftete, als Maggie Thatcher noch als Europäerin durchging. Childish ist ein Mann der vielen Gesichter: Autor bierseliger Gedichte, Schöpfer expressiver Gemälde, Gelegenheitsschauspieler, vor allem aber Musiker mit einer Schwäche für Hut und Schnauzbart, und damit eines der letzten britischen Gesamtkunstwerke. Sein musikalisches Werk: Alben in Kleinstauflagen, obskure Singles, Samplerbeiträge, ist etwas unübersichtlich. Licht ins Dunkel bringt nun ein Doppelalbum: "Punk Rock Ist Nicht Tot" (Damaged Goods), eine Art Best-of aus 40 Jahren. Die Liste der Bands, in denen Childish spielte, ist lang, sein Schaffen umfasst Punk der ersten Stunde (The Pop Rivets), Garage-Rock (The Milkshakes, Thee Headcoates), Blues (Billy Childish & Holly Golightly), aber auch Rockabilly, Surfrock und andere Spielarten der Retromusik in immer neuen Formationen. Ein Hit war nie dabei. Warum auch? Das hieße ja, denen ihr Spiel spielen. Das Beständigste an diesem Werk ist die Unbeständigkeit, die kurze Aufmerksamkeitsspanne, die alle Hyperkreativen eint. Childish ist ein Macher, kein Brüter. In der Zeit, in der andere an einem Song feilen, gründet er drei Bands, nimmt vier Alben auf und malt dazwischen eine Serie großformatige Bilder. Diese rastlose Spontanität lässt seine Musik immer unfertig erscheinen, verleiht ihr aber auch eine rührende Selbstverständlichkeit, die sich nur leisten kann, wer niemandem Rechenschaft schuldig ist.

Eine andere Retrospektive widmet sich dem Werk der Sängerin und Multi-Instrumentalistin Joan Wasser und ihrem Bandprojekt Joan As Police Woman. Wasser, die in jungen Jahren bei den Boston Philharmonikern Violine spielte, war lange eher in der zweiten Reihe anspruchsvoller Popmusik zu finden, als Violinistin bei Bands wie den Dambuilders oder Antony & the Johnsons. Dazwischen musste sie mit dem frühen Tod ihres Freundes, des Singer/Songwriters Jeff Buckley, klarkommen. Erst Mitte der Nullerjahre wechselte sie ans Mikrofon und fand ihre eigene Stimme. Nun erscheint "Joanthology" (PIAS), ein Dreifachalbum mit einer gut sortierten Auswahl von Songs ihrer mittlerweile sechs Solo-Alben, plus Livemitschnitte eines BBC-Auftritts. Wasser selbst bezeichnete ihren Stil einmal als "Indie-Soul", was es ganz gut trifft, denn sie verbindet Songwriting mit musikalischen Anleihen an Memphis Soul, R&B und Blues. Dabei kehrt sie das Indie-Ethos, demzufolge Aufnahmen nur roh und unpoliert zu sein haben, ganz einfach um. Joan As Police Woman schwelgen in eleganten Sounds und geschmackvollen Beats, die Hammondorgel vibriert, jedes Schräubchen sitzt. Aus diesem Kontrast zwischen delikater Fassade und emotionalen Untiefen beziehen Wassers Songs ihre Spannung. Ihre Stimme mag nicht den smarten Gin-Tonic-Charme einer Amy Winehouse verströmen, nicht die flirrende Lieblichkeit einer Leslie Feist. Dafür verlässt sie öfter den abgesteckten Rahmen, experimentiert virtuos mit neuen Phrasierungen und Songstrukturen und schafft es so, nostalgisch und neu zugleich zu klingen.

Dies lässt sich auch über das Genre des japanischen City Pop sagen, dessen Wiederentdeckung weiter voranschreitet, je mehr Alben das Label "Light In The Attic" hierzulande zugänglich macht. Nun erscheint mit "Pacific Breeze: Japanese City Pop, AOR & Boogie 1976-1986" ein Sampler, der einen guten Überblick verschafft über die Gemütslage eines Landes, das sein damaliges Wirtschaftswunder mit einem Soundtrack aus superraffiniertem Yuppie-Pop feierte. Befeuert wurde das vom eskapistischen Soft- und Jazzrock amerikanischer Prägung, gelandet ist man bei etwas Neuem, das Genres wie Synthiepop, Exotica und Elektronik nicht nur miteinbezog, sondern virtuos vorantrieb. Warum einen das heute noch interessieren sollte? Weil es ein Paradebeispiel für die völkerverständigende Kraft kultureller Aneignung ist und zeigt, dass auch Geld, Perfektionismus und vorauseilende Gefälligkeit große Kunst hervorbringen kann, Billy Childish möge mir verzeihen.