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Retrokolumne:Dancefloor-Adrenalin

Boxen von dem Produzenten Patrick Cowley und dem New Yorker Label Strictly Rhythm sowie die Antwort auf die Frage, zu was Zebras und Giraffen steil gehen.

(Foto: Label)

Ein Graffiti-Schriftzug auf einer Klinkermauer, wie sie typisch ist für New Yorker Brownstone-Gebäude: Das Label-Logo von Strictly Rhythm ging in den Neunzigerjahren um die Welt, beziehungsweise drehte es sich in fast allen Clubs auf den Plattentellern - als Slipmat, wie die runden Filzmatten genannt werden, die DJs unter Vinyl legen, damit es beim Scratchen und Mixen nicht kaputt geht. Das New Yorker Label war stark im Merchandise-Geschäft, auch Shirts und Platten-Umhängetaschen mit dem Logo gab es, als die neue Clubkultur rund um Techno und House-Music zur Industrie wurde. Wobei die neue, über sechs Vinyl-Scheiben verteilte Best-of-Compilation "The Definitive 30" zum 30. Geburtstag des Labels zeigt, dass Strictly Rhythm auch musikalisch sehr stark war, ja: geradezu eine gesamte Ära prägte. Das lag vor allem an der genialen A&R-Managerin Gladys Pizarro, die das Programm steuerte. Sie hatte sich in der amerikanischen Musikindustrie über Jobs als Empfangsdame und Radio-Promoterin hochgearbeitet und hielt ihr Ohr stets auf der Straße und in den Clubs. Wer bei ihr veröffentlichen wollte, durfte ruhig die verträumtesten Deep-House-Elegien produzieren, wie "Waterfalls (3 A.M. Mix)" von After Hours. Oder der durfte sich, wie Danny Tenaglia unter seinem Alias Code 718, ohne Angst vor juristischem Ärger quer durch die Archive sampeln: In "Equinox (Heavenly Club Mix)" sind sowohl Fragmente aus Manuel Göttschings "E2-E4" und dem Balearen-Hit "Sueno Latino" zu hören wie aus Grace Jones' "Slave To The Rhythm". Wobei die BMG Rights Management GmbH den historischen Katalog des Labels wohl vor einigen Jahren nicht erworben hätte, wenn nicht auch Hits, Hits, Hits dabei wären. Pizarro hatte zur Blütezeit des Labels, etwa zwischen 1993 und 1997, ein untrügliches Gespür dafür, welcher instrumentale Track, der in den Clubs schon gut ankam, nur noch ein bisschen Refrain-Einmaleins mit Ohrwurm-Gesang bräuchte, um in die Charts zu kommen. "Free" von Ultra Naté wurde zum Riesenhit, auch "King Of My Castle" von Wamdue Project. Und natürlich "I Like To Move It" von Reel 2 Real. Der Produzent Erick Morillo sorgte hier mit dem Vokalisten The Mad Stuntman aus Trinidad dafür, dass sogar in Kaugummi- und Telekommunikations-Werbespots Raggamuffin-House gespielt wurden. In Deutschland kam der Song auf Platz 3, und bis heute ist er bei Kindern beliebt. Was daran liegt, dass der Produzent Will.i.am ihn vor einigen Jahren gecovert hat, für den Soundtrack des wahnsinnig erfolgreichen Animationsfilms "Madagascar 2". Die aus dem Zoo ausgebrochenen Zebras und Giraffen gehen gut dazu ab.

(Foto: Label)

Die "Mechanical Fantasy Box" (Dark Entries) enthält bislang unveröffentlichtes Material, das der 1950 in Buffalo, New York geborene Produzent Patrick Cowley zwischen 1973 und 1980 in San Franciso aufnahm. Dorthin war er mit Anfang 20 gezogen, um am City College elektronische Musik zu studieren. Dass San Francisco damals die liberalste Stadt Amerikas war und Schwule hier ganz offen leben konnten, war sicher auch wichtig. Cowley wurde dann berühmt als Produzent der androgynen Disco-Gospel-Diva Sylvester ("You Make Me Feel Mighty Real", "Do You Wanna Funk"). Er konnte seinen Ruhm nur kurz genießen, er gehörte 1982 zu den frühen Opfern des HI-Virus. Ähnlich wie Giorgio Moroder verstand Cowley es, Synthesizern das hochkonzentrierte Dancefloor-Adrenalin abzuzapfen. Weswegen man die titelgebende "mechanische Fantasiebox" für einen Synthesizer halten könnte. Allerdings steht "mechanische Fantasie" für Sex, und zur "Box" heißt es in den Informationen zum Album, Cowley habe die gesamte Stadt San Francisco in den hedonistischen Siebzigerjahren so genannt. An anderer Stelle wird erklärt, die Box sei das Tagebuch, in dem Cowley seine erotischen Fantasien und deren Verwirklichungen festhielt. Einige Einträge sind im Artwork des Vinyl-Pakets, dessen Erlöse an die San Francisco AIDS Foundation gespendet werden, reproduziert, zum Beispiel: "Neanderthaler auf dem Fahrrad hat mich mit in sein Slum genommen und aufgehängt." Das heißt, Sound und Sex gingen bei Cowley Hand in Hand, weswegen man sich hier auch gar nicht voyeuristisch vorkommen braucht. Man höre nur "Lumberjacks In Heat": Ob Cowley da an Holzfäller dachte, denen zu heiß ist, oder die läufig sind - beide Übersetzungen sind möglich. Die Männer tanzen dann elfeinhalb Minuten lang zur Marschtrommel und zum Fiepen, Zwirbeln und Pumpen des synthetischen Disco-Rocks. "Before Original Sin" ist eine elektrische Poesie darüber, wie das Paradies vor dem Sündenfall geklungen haben mag: Ambient-Glückseligkeit mit lieblicher Synthie-Melodie, und doch lässt Cowley mit einem "Boléro"-Zitat die mechanische Fantasie schon ins Idyll drängen. Wirklich: Nach dem Hören dieses Archivmaterials muss man Cowley als großen sonischen Lyriker seiner Zeit betrachten.

© SZ vom 31.12.2019

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