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Retrokolumne:"Ciao Ciao Disco Bum Bum"

Der an den Folgen einer Krebserkrankung viel zu früh verstorbene Bassist, DJ und Pop-Polyhistor Bernd Hartwich war jahrzehntelang das Herz der Münchner Indiepop-Szene. Eine kleine Werkschau zum Abschied.

Von Ann-Kathrin Mittelstrass

Wie selbstverständlich man den Begriff "Sound of Munich" lange verwendet hat, erscheint einem in diesen Tagen fast pietätlos. Oder zumindest nicht sonderlich informiert. Aber gut, beim Studentenradio war "Sound of Munich" einfach der Name einer Rubrik, in der Münchner Bands vorgestellt wurden. Auf wen oder was sich dieser Begriff bezog, wurde erst später klar, als einem immer wieder ein Name begegnete: Bernd Hartwich. Der Musiker und DJ war - da sind sich die, die ihn kannten, einig - das Herz der Münchner Musikszene. Jetzt ist er mit 53 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. The Sound of Munich - eine Anspielung an das amerikanische Musical "The Sound of Music" aus den Fünfzigern - war 1997 der Titel der erfolgreichsten Platte seiner Band Merricks, eine von diversen Bands, in denen der Musiknerd und Plattensammler seit den Achtzigern Bass gespielt hatte. Seine ersten musikalischen Einflüsse waren Punk und Soul. Er war der Mod aus dem Münchner Glockenbachviertel, wie ihn seine langjährige Weggefährtin, die Künstlerin und F.S.K.-Bassistin Michaela Melian, jüngst im Zündfunk nannte. Irgendwann stieß der Mod dann auf Munich Disco: auf Bands wie Silver Convention und den Produzenten Giorgio Moroder, der den Disco-Sound in den Siebzigern und Achtzigern in München revolutioniert und die Stadt damit auf die Pop-Landkarte bugsiert hatte. "It's super, it's sexy, it's super sexy Munich" heißt es in "Schwabing Girls", dem ersten Song der Merricks-Platte. Lustige Angebereien über treibenden Beats. "Ciao Ciao Disco Bum Bum" tobt sich Hartwich am Vocoder weiter aus, während der Moog-Synthesizer hyperventilierende Streicher mimt. "Ciao Ciao Disco" klingt für heutige Ohren so als hätte man LCD Soundsystem, Daft Punk und Moroder zusammen ins Studio gesperrt. Das ganze Album wirkt wie ein futuristischer Trip in die Vergangenheit. Passend dazu auf dem Albumcover: das Schwabylon, ein Freizeit- und Einkaufszentrum in Schwabing, eröffnet 1973, mit Eishalle, Schwimmbad und einem Club, der von einem riesigen Aquarium mit Haien umgeben war. Leider war das Schwabylon seiner Zeit voraus: Schon ein Jahr nach der Eröffnung schloss es und wurde bald darauf abgerissen.

Dass Bernd Hartwich mit den Merricks mal knietief in Disco versinken würde, darauf deutete beim Vorgängeralbum "In Schwierigkeiten" 1994 noch nichts hin. "Mein Gott, waren wir damals auf A&M" liest man auf der wunderbar altmodischen Merricks-Homepage. Bei A&M, dem Label von Trompeter Herb Alpert, waren unter anderem Bossa Nova-Meister Sergio Mendez und "King of Easy Listening" Burt Bacharach unter Vertrag. Einen dementsprechend entspannt spielerischen Ton schlagen Songs wie "Ein Tag an der Mühle" und "Ein Warmer Sommerregen" dann auch an. Ein anderer großer Einfluss auf der Platte: Filmmusik. "Merricks präsentiert" ist eine wilde Collage aus Sounds aus Westernfilmen, Kirchenglocken und irgendwann schrillt auch noch ein Telefon! Alles schön zusammengehalten von einer majestätischen Melodie. Beim Instrumentaltrack "Der Dritte Polizist" hat man den Abspann eines eigenwilligen französischen Films vor Augen, in dem es keine Handlung gab, außer dass alle um ihr Leben zu rauchen schienen. "Zwo Zwo Drei" ist dann ein astreiner Zwiefacher, der so gemütlich in den Frühling tanzt, dass einem beim ständigen Wechsel zwischen Walzer und Drehung auch ganz sicher nicht schlecht wird.

Nach dem Ende der Merricks 2003 war es die Band Der Englische Garten, in der Bernd Hartwich bis zuletzt gespielt hat. Sänger und Gitarrist Axel Koch hatte er im Plattenladen kennengelernt. Die Musik ihrer Band, darin waren sie sich schnell einig, sollte fröhlich sein. Und unbedingt Bläser haben! So wie Dexy's Midnight Runners in den Achtzigern. Die Musik von Der Englische Garten klingt dann auch so, als würde in München immerzu die Sonne scheinen. Auf ihrem zweiten Album "Die Aufgeräumte Stadt" (2013) prallt im Titelsong das amüsiert belächelte Image der Stadt mit ihren Schönen und Reichen auf die Realität derer, die am Existenzminimum leben. An anderer Stelle, auf "Kakerlaken", wird Verweigerung zelebriert. Die Hammondorgel im Hintergrund scheint sich darüber lustig zu machen, wie manche Leute jedem Euro hinterherrennen. Diese Lässigkeit, die an Helmut Fischers Monaco Franze erinnert, wurde auch Bernd Hartwich selbst immer wieder bescheinigt. Ebenso wie die unglaubliche Lust daran, andere für Musik zu begeistern. Er wird fehlen. Was bleiben wird? Immerhin ein neues Album von Der Englische Garten, dessen Veröffentlichung er nicht mehr erlebt hat. Aber auf der Platte ist er noch zu hören. Am Bass.

© SZ vom 24.03.2020

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