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Retro-Trend im Städtebau:Die Häuser und der Tod

Wohnen

Das amerikanische Pruitt-Igoe ist überall - zum Beispiel auch in Köln-Chorweiler (im Bild).

(Foto: Henning Kaiser/dpa)
  • Immer mehr Wohnsiedlungen der Siebzigerjahre - einst Errungenschaften der Moderne - werden abgerissen.
  • An ihre Stelle treten pseudogründerzeitliche innerstädtische Objekte.
  • Damit geht auch die Utopie einer gerechteren Gesellschaft unter - denn die neuen Domizile sind einer Luxusklientel vorbehalten.

Als die Moderne starb, schien die Sonne. Dem amerikanischen Architekturtheoretiker Charles Jencks zufolge kann man den Hirntod der Moderne exakt datieren: 15. Juli 1972, 15 Uhr 32. Damals wurde in St. Louis die seit 1955 bestehende Wohnbausiedlung Pruitt-Igoe gesprengt. Das war eine schmucklos vielgeschossige Gruppe von Häusern mit 2800 Wohnungen. Gelegen am Rande der Innenstadt - und erbaut zugleich am Rande des sinnlichen Entzugskomas. Das heißt: in der Nachkriegsmoderne-Anmutung vom Typ "depressive Schuhschachtel".

Man muss nicht traurig sein über den Tod dieser Siedlung, in der Menschen nicht nur am Rande der Stadt, sondern auch der Gesellschaft lebten. Pruitt-Igoe war ein Nährboden für Vandalismus und Kriminalität. Es folgten: Verslumung, Verrohung - Abriss. Die Moderne, die auch die Blaupausen für ein besseres Leben liefern wollte, hatte insofern versagt. Womöglich darf man in diesen Tagen auch darauf gespannt sein, Näheres über die Lebenswelten der Pariser Terroristen zu erfahren. Was nichts, gar nichts entschuldigen kann; und doch gibt es einen unaufkündbaren Zusammenhang von Raum und Gesellschaft. Städtebau geht über Fragen der Ästhetik hinaus.

Deutsche Plätze und Architektur

In der Vorhölle der Erbärmlichkeit

Bekannt ist Pruitt-Igoe auch abseits von Missouri und der Banlieue von Paris. Nur dass die Großsiedlungen in Köln unter dem Namen Chorweiler bekannt sind, in Hamburg als Steilshoop, in Regensburg als Königswiesen und in München als Neuperlach. Pruitt-Igoe ist überall. Die Moderne bietet hier ein Feindbild. Egal, ob es um Wohn- oder Arbeitsraum geht. In Hamburg könnten demnächst die City-Höfe gesprengt werden. Man spricht vom "Schandfleck". In Berlin wird über das Hansa-Viertel nachgedacht. Der frühere Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann bezeichnete es als "Irrweg".

Schandfleck, Irrweg, Abriss: Ist das die Antwort auf die Herausforderungen des urbanen Millenniums und seiner Verstädterungsprobleme zwischen Wohnungsnot und Gated Communities?

Hat die Retro-Fraktion nun die Modernisten bezwungen?

Die aktuelle Frage, ob die Moderne "tot" und der grassierende Retrokult den Städtebau übernommen hat, ist nicht nur akademischer Natur. Dem Anschein nach hat die Retro-Fraktion die Modernisten bezwungen. Die deutschen Innenstädte distanzieren sich derzeit überdeutlich von den Heilsversprechungen der Moderne. Wo man auch hinblickt: Überall entstehen im Zuge der "Renaissance der Stadt" innerstädtische Objekte und sogar ganze Viertel, die ein pseudogründerzeitliches, meist aber historizistisch erfundenes, irgendwie geschichtsträchtig anmutendes, modernefeindliches Vokabular pflegen.

In Hamburg sind bis Ende des Jahres die "Sophienterrassen" vollendet. In Münster werden gerade die letzten sechs Wohnungen der "Klostergärten" verkauft. In Düsseldorf nennt sich das Ganze "Andreas Quartier". Dahinter stecken meist: Luxus-Immobilien für das "gehobene urbane Publikum" zum einen - und zum anderen ein formaler Rückgriff auf die Rhetorik der angeblich guten alten Zeit: Stuck, Ornament, raumbildende Elemente, Säulen . . . wer die Baustellen dieser triumphal gestischen Postmoderne besucht, der weiß: Die Moderne ist tatsächlich tot.

Mit ihr aber geht gerade auch die Utopie einer gerechteren Gesellschaft unter, die sich stadträumlich und architektonisch im Auftrag dieser Moderne verwirklichen wollte.

Das Vorhaben mag gescheitert sein; aber die nicht nur schmuckvollen, sondern überteuerten Retrobauten, die anstelle der Utopie-Ruinen entstehen, dienen der Exklusionsgesellschaft. Die Welt wird nicht nur wieder "schön" - sondern auch unbezahlbar. Der Sieg der Retrokultur über die Moderne ist ein bitterer Sieg über die Stadt und ihre Menschen.