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Restitution von Raubkunst:Der Raum ist geöffnet. Ab Freitag gibt es kein Zurück mehr.

Ob und wie weit der innenpolitisch geschwächte Macron den Empfehlungen folgt, lässt sich nicht abschätzen. Ebenso wenig, wie groß der Widerstand der Museen sein wird. Immerhin stimmte Macron der Veröffentlichung zu - der Bericht liegt ab Montag in den französischen Buchhandlungen und ist unter www.restitutionreport2018.com ab Freitagabend auch auf Englisch zu lesen. Sein Inhalt wird sich in keiner Schublade mehr verbergen lassen.

Und selbst wenn sich die Bremser durchsetzen: Die Fesseln und Vorbehalte, die die Debatte jahrzehntelang hemmten, sind gesprengt, der Raum ist geöffnet. Es gibt ab Freitag kein Zurück mehr.

Das betrifft nicht nur Frankreich, sondern auch viele andere Länder Europas. Belgien etwa, wo in zwei Wochen das Afrika-Museum in Tervuren bei Brüssel neu eröffnet wird. Vor allem aber Deutschland. Seit Savoy mit ihrem Austritt aus dem Expertenbeirat des Humboldt-Forums und ihrem Interview in der SZ im Juli 2017 die Debatte um die koloniale Raubkunst in Gang gebracht hat, vergeht keine Woche ohne Symposium, Hearing, Vortrag zu dem lange kaum beachteten Thema.

Felwine Sarr und Bénédicte Savoy in Paris

(Foto: AFP)

Doch so bemerkenswert die Debatte ist, so wenig produktiv war sie bisher, denn sie folgte einer stillschweigenden Rollenverteilung. Danach kommt der Politik die Aufgabe zu, moralische Appelle auszusprechen, während man die praktischen Schritte den Museen überlässt, die wenig Interesse daran haben, eigenen "Besitz" abzugeben und ansonsten - vergeblich - auf Vorgaben höherer Instanzen warten. Diese Kombination aus milder Zerknirschtheit und business as usual lässt sich nun kaum noch fortführen.

Der Kunstraub gehört seit der Antike fest zum militärischen Repertoire

Savoy und Sarr passen ihre Empfehlungen nach allen Regeln der Kunst in eine Argumentationslinie ein, die von der Antike bis in die Zukunft reicht. "Doppelt ausgelöschte Erinnerung" ist die Diagnose, die sie bei Afrikanern wie Europäern stellen. Während die einen oft nicht ahnen, was ihnen genommen wurde, haben die andere vergessen, wie all die exotischen Dinge eigentlich in ihre Museen gelangten. Und um diese Amnesie zu kurieren, öffnen sie nun den "Bauch der kolonialen Maschine".

Der Kunstraub gehört seit der Antike fest zum militärischen Repertoire. Einerseits profitierten die Sieger intellektuell und ökonomisch von den Schätzen des unterlegenen Gegners, andererseits erniedrigten sie ihn, entfremdeten ihn seiner kulturellen Herkunft, brachten ihn psychologisch aus dem Gleichgewicht. Kunstraub, so Savoy und Sarr, sei ein Akt der Dehumanisierung, wie Vergewaltigung oder Geiselnahme. In Europa verzichtete man nach Napoleons Raubzügen vorübergehend darauf. Um so unbekümmerter und in nie zuvor gekanntem Ausmaß beraubte man die Schwarzen in den Kolonien.

Die Kolonialländer beschränkten sich nicht darauf, symbolische Trophäen zu erbeuten. Oft gehörte der Kunstraub zu den Hauptzwecken militärischer Aktionen. Nicht selten zogen die Armeen mit Listen zu raubender Stücke durch afrikanische Paläste, die ihnen von den Museen zu Hause mitgegeben worden waren. Und was in den Museen nicht benötigt wurde, ließ sich auf dem florierenden europäischen Markt für afrikanische Kunst verkaufen, um weitere Raubzüge zu finanzieren. "Die Ausbeutung der natürlichen und der kulturellen Ressourcen der kolonisierten Länder" seien "nicht voneinander zu trennen", stellen Savoy und Sarr fest. Und auch deren wissenschaftliche Erforschung nicht: "Das Ziel der Ethnologen ist es, alles zu sehen, alles zusammenzuraffen und schließlich alles mitzunehmen . . . einschließlich der Objekte, des Glaubens und der größten Geheimnisse", zitieren sie den Historiker Eric Jolly.

Die Europäer daran zu erinnern, wie viel "Blut an den Objekten klebt", wie Savoy es formuliert hat, ist das eine. Das andere ist, ihnen klar zu machen, dass die Empörung über den Raub wie auch die Forderung nach großzügigen Restitutionen keineswegs neu und unerhört sind. Ihre Geschichte ist fast so alt wie der Kunstraub selbst. So unterschiedliche Figuren wie die Schriftsteller Victor Hugo und Michel Leiris, den Dichter Niyi Osundare und der Regisseur Chris Marker machten das immer wieder zum Thema. Mehrfach stand man auch schon ganz kurz vor umfangreichen Rückgaben. Und gerade in den vergangenen Jahren hat das Thema eine erstaunliche Karriere in der Popkultur erlebt, mit dem Marvel-Blockbuster "Black Panther" als vorläufigem Höhepunkt.

Kultur soll nicht buchhalterisch die "Summe des Wissens" sein, sondern Kontakt, Kreuzung, Kreolisierung.

Doch ihre Argumente für weitreichende Restitutionen entnehmen sie nicht nur der Vergangenheit, sondern auch der Zukunft. Vor allem der Zukunft Afrikas, wo die Objekte "re-semantisiert, resozialisiert" werden sollen. Die Objekte zurückzugeben, heiße nicht, sie "von einem physisch und semantisch geschlossenen Ort an einen anderen zu verschieben, nur diesmal beim rechtmäßigen Besitzer". Man übertrage den Afrikanern mit den Objekten auch die Aufgabe, sie für die Menschheit aufzubewahren und für die menschliche Kreativität nutzbar zu machen. Sie kehrten nicht einfach zurück, sondern stellten künftig eine Beziehung her zwischen beiden Kontinenten.

Damit grenzen sie sich vor allem von dem vom Philosophen Achille Mbembe geäußerten Verdacht ab, die Forderung nach Restitutionen afrikanischer Kunst entstamme demselben Denken wie die Forderung nach der Abschiebung afrikanischer Flüchtlinge. Die Restitutionen der Objekte dienten nicht ihrer "identitären Versklavung, sondern tragen in sich das Versprechen einer neuen Ökonomie des Austauschs".

Der Westen übertreibe es nicht nur maßlos mit seiner Sorge um den physischen Erhalt der Objekte, er fetischisiere auch das kulturelle Erbe, das nach westlicher Einschätzung nur dann angemessen aufbewahrt wird, wenn es arretiert und eingesperrt ist. Statt Kultur buchhalterisch als "Summe des Wissens" zu verstehen, schlagen Savoy und Sarr ein dynamisches Verständnis vor von einer Kultur des Kontakts, der Kreuzung und Kreolisierung. Die afrikanische Kunst, die schon Gauguin und Picasso und alle anderen verändert hat, die sie gesehen haben, kehrt mit ihrer europäischen Geschichte nach Afrika zurück. Sie sind überzeugt: Niemand verliert dabei, sondern alle gewinnen.

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