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Restitution:Schatz der Logenbrüder

Die Bayerische Staatsbibliothek übergibt NS-Raubgut an das Deutsche Freimaurermuseum in Bayreuth. Die 203 Bände haben, wie so viele Bücher aus deren Beständen, eine wechselvolle Geschichte

Heutzutage blühen sie wieder, die Verschwörungstheorien, in denen gelegentlich auch die Freimaurer eine Rolle spielen. Nach dem Ersten Weltkrieg schwadronierte man in rechtsnationalen Kreisen schon einmal besonders laut und aggressiv über die Logenbrüder. Hitlers Chefideologe Alfred Rosenberg (1893 bis 1946) schrieb 1921 in "Die Verbrechen der Freimaurer" von der "jüdisch-freimaurischen Weltverschwörung". General Erich Ludendorff (1865 bis 1937), einer der Väter der Dolchstoßlegende, strebte 1927 in einem Pamphlet die "Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse" an. Adolf Hitler drechselte 1924 für "Mein Kampf" Sätze über die Verbindung von Judentum und Freimaurerei wie diesen: "Die Kreise der Regierenden sowie die höheren Schichten des politischen und wirtschaftlichen Bürgertums gelangen durch maurerische Fäden in seine Schlingen, ohne dass sie es auch nur zu ahnen brauchen."

In der Schlosskirche Ellingen schreitet ein GI Raubgut ab, darunter Bücher.

(Foto: Bayerische Staatsbibliothek)

Als Hitlers Innenminister Wilhelm Frick im August 1935 das Verbot der Freimaurerei aussprach, hatten sich viele Logen längst selbst aufgelöst. Auch Heinrich Himmler fürchtete die Freimaurer angeblich in beinah pathologischem Ausmaß. Und doch - oder vielleicht gerade deswegen - wollte er von ihnen lernen. Nicht etwa deren Grundprinzipien, die von Toleranz und einem freien Geist geprägt sind. Himmler interessierte ihre ordenshaften, oft streng hierarchischen Strukturen und die Art, wie sie etwa mit Symbolen umgingen. Das war wohl auch der Grund, warum der "Reichsführer-SS" im großen Stile Bücher aus dem Besitz der Logen konfiszieren und in die Wewelsburg bringen ließ. Dort, in Deutschlands einziger Dreiecksburg, die 20 Kilometer nahe Paderborn liegt, ließ sich Himmler ein Refugium für das Totenkopf-geschmückte Spitzenpersonal seines "schwarzen Ordens" einrichten. Bibliothek inklusive. Und akademische Schulungsleiter obendrein, die darin ihre pseudowissenschaftlichen Zweckstudien in Bereichen wie Germanische Vor- und Frühgeschichte, Volkskunde und Sippenforschung betreiben sollten.

In der Staatsbibliothek befinden sich bis heute Werke, die ihren Besitzern widerrechtlich entzogen wurden.

(Foto: Bayerische Staatsbibliothek)

Auch die 203 Werke, die an diesem Mittwoch von der Bayerischen Staatsbibliothek ans Deutsche Freimaurermuseum in Bayreuth restituiert worden sind, waren eine Zeit lang im Besitz der Bibliothek der sogenannten SS-Schule Wewelsburg. Nach München gelangten sie erst 1937/38, offenbar im Zuge eines Austauschs von Doppelstücken. Dass die Freimaurerbücher später die Bombardierung Münchens überstanden haben, sei ein Zufall, sagt Stephan Kellner, der mit der Provenienzforschung an den Werken über Jahre befasst war. "Manchmal verbrannte ein Regal und das daneben blieb unbeschadet." Nur von zweien der 203 Bücher kann er gewiss sagen, dass sie ursprünglich der "Großloge zur Sonne" Bayreuth gehörten. Deren gesamter Besitz, Zehntausende Ritualgegenstände, Bücher und Geschirr wurde in der NS-Zeit beschlagnahmt.

Die Geschichte der Loge "Harpokrates".

(Foto: Bayerische Staatsbibliothek)

Rechtsnachfolger der heute nicht mehr existierenden Loge ist das Deutsche Freimaurermuseum Bayreuth. Auch die 201 weiteren Bände, deren rechtmäßige Besitzer nicht mehr ermittelt werden konnten, wurden an das Museum restituiert; es ist der offizielle Sammelpunkt für in Deutschland enteignete Logen. Roland Martin Hanke, der das Museum leitet, sagt: "Unser Besitz aus der Zeit vor 1933 blieb fast ausnahmslos verschwunden." Nutznießer der Beschlagnahmungen und Zwangsverkäufe waren neben den Bibliotheken auch Archive und Museen. Wie dieses und anderes NS-Raubgut - etwa aus jüdischem Besitz - in Bibliotheken gelangte, beruhte nicht nur auf besagten Tauschgeschäften, die über die eigens eingerichtete "Reichstauschstelle Berlin" abgewickelt worden sind. Die Gestapo überließ Bibliotheken geraubte Sammlungen auch direkt als "Geschenk" oder die "Bücherverwertungsstelle Wien" wiesen ihnen Bücher zu. Zudem kauften sie Sammlern entzogene Druckwerke und Handschriften, die den Markt notgedrungen überschwemmten, weit unter Wert in Antiquariaten auf. Selbst nach Ende des Dritten Reichs gelangte noch Toxisches in die Bestände: Die US-Militärregierung übergab der Bayerischen Staatsbibliothek beispielsweise Sammlungen von Nazi-Organisationen, die ebenfalls geraubtes Schrifttum enthielten.

Das Museum

Das Deutsche Freimaurermuseum ist das einzige Spezialmuseum, das sich hierzulande mit dem kulturellen Erbe der Freimaurerei in Deutschland auseinandersetzt. Es befindet sich im prächtigen Haus der Loge "Eleusis der Verschwiegenheit" im Bayreuther Hofgarten und steht in direkter Nachbarschaft zur Villa Wahnfried, Wagners Wohnhaus. "Hinter dieser Tür liegt eine andere Welt", heißt es auf dem Schild vor der weißen Flügeltür, die in den Ausstellungsraum der Freimaurer führt.

Logenabzeichen, Ritualgegenstände, Dokumente und allerhand Freimaurer-Nippes haben die Macher dahinter zusammengetragen. Sie präsentieren es in einer sehenswerten Schau, bewahren, erforschen, dokumentieren und publizieren. Das Herzstück des Museums ist die einzigartige Bibliothek, die seit ihrer Gründung vor mehr als 100 Jahren einen zentralen Ort zur Recherche freimaurerischer Literatur darstellt. Sie ist mit den Universitätsbibliotheken in Bayreuth und im polnischen Posen wissenschaftlich vernetzt.

Das Museum existiert bereits seit 1902. Dass es gerade in Bayreuth entstanden ist, hat mit der ausgeprägten Freimaurer-Tradition der Stadt zu tun. Die Bayreuther Loge ist die älteste in Deutschland, gegründet wurde sie 1741. Ihr prominentestes Mitglied war Markgraf Friedrich, den sein Schwager Friedrich der Große, in den Bund einführte. Auch Markgräfin Wilhelmine, die Bayreuth stark prägte, soll einer Loge angehört haben. Mit 88 000 Objekten galt es als das bedeutendste Freimaurer-Museum Europas, bevor es die Nationalsozialisten 1934 gewaltsam auflösten. Nach dem Krieg wurde die Sammlung neu ausgebaut. 1986 fand die erste Umgestaltung in ein "selbsterklärendes öffentliches Schaumuseum" statt.HER

Bei dem Großteil der nun restituierten 203 Freimaurer-Schriften handelt es sich nicht etwa um dicke Wälzer und schon gar nicht um mystische Geheimliteratur. "Die meisten haben eher den Charakter von Broschüren", sagt Kellner. Sie befassen sich mit der jeweiligen Logengeschichte, enthalten Reformvorschläge und erteilen - überwiegend von christlichem Gedankengut geprägt - Ratschläge, wie die Logenbrüder und wenigen -schwestern charakterlich an sich arbeiten können.

Seit 2003 arbeitet die Bayerische Staatsbibliothek an der Durchforstung ihrer Bestände nach NS-Raubkunst. Von 2006 an gab es immer wieder Restitutionen. "Angefangen haben wir mit einer Truppe von Freiwilligen, zum Teil emeritierten Kollegen", erzählt Kellner. "Es geht nicht anders bei diesen Recherchen, als Buch für Buch in die Hand zu nehmen." Mittlerweile gibt es immerhin zwei projektgebundene Stellen für Provenienzforschung im Haus. "Doch oft genug haben wir den Eindruck, wir schlagen nur Schneisen durch unsere Bestände", sagt Kellner, "da bleibt immer etwas, das man tiefer im Wald erahnt." Von den 33 Millionen Medien im Besitz der Staatsbibliothek sind 10 Millionen Bücher. Doch die nächste herkulinische Aufgabe, der sich Kellner und seine Kollegen widmen wollen, gilt den Handschriften. Knapp 140 000 Stück sind das. Und ihr Wert ist unschätzbar im Vergleich zu den allermeisten Freimaurer-Büchlein.