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Residenztheater:Wetterhäuschen

Der starke Stamm
Bayerisches Staatsschauspiel

Robert Dölle, Niklas Mitteregger und Katja Jung in "Der starke Stamm".

(Foto: Sandra Then)

Da passt nichts zusammen: Julia Hölscher inszeniert Marieluise Fleißers "Der starke Stamm" in München.

Es ist ja nicht so, dass sie ganz verschwunden gewesen wäre von den deutschsprachigen Bühnen. Aber irgendwie ist jede Aufführung eines Stückes von Marieluise Fleißer umgeben von dem Gedanken, man müsste ihr Werk wieder stärker ins Bewusstsein rücken. Verstiegen ist es nicht zu sagen, dass es ohne die Fleißer Rainer Werner Fassbinder, Franz Xaver Kroetz, Martin Sperr - ihre Kinder im Geiste - so nicht gegeben hätte. Ihre Stücke sind das Bindeglied zwischen Ödön von Horváth und eben jenen, dazu kommt beim "Fegefeuer in Ingolstadt" oder bei den "Pionieren in Ingolstadt" noch eine Prise Bertolt Brecht. Der Wesenskern ist dabei immer die Sprache. Auch in der Komödie "Der starke Stamm", die nun Julia Hölscher am Residenztheater in München inszenierte.

Alfred Kerr schrieb einmal über sie, Marieluise Fleißer sei "eine kostbare Abschreiberin kleinmenschlicher Raubtierschaft". Für den "Starken Stamm" malte sie einfach die eigene Familie ab, natürlich bearbeitet, verdichtet, überhöht. Ihre Sprache ist nicht einfach Bairisch - auch wenn es von dem Stück eine echte Dialektfassung gibt. Fleißers Sprache ist die Interpretation von Erfahrung und deren Überführung ins Exemplarische.

Das muss man auf der Bühne können. Man muss das Stück nicht in die Gegenwart zerren, es darf ruhig in der Nachkriegszeit spielen - Fleißer schrieb es 1945. Es braucht dafür auch nicht unbedingt bairisch sprechende Schauspieler. Aber es braucht eine Idee. Die hat Julia Hölscher nicht. Bei ihr spricht jeder, wie es halt grade so geht. Robert Dölle, geboren in Frankfurt, spielt den Bitterwolf, den Witwer, den seine gierige Schwägerin Balbina mit halbseidenen Geschäfterln über den Tisch zieht und der aus Trotz und Sehnsucht die Magd Annerl heiratet. Dölle spielt und spricht den Bitterwolf mit einem neugierigen Tastsinn, die Worte erforschend. Er ist der Einzige, der es so macht. Alle anderen suchen sich ein Zuhause im Österreichischen und in unterschiedlichen bairischen Nuancen.

Da passt nichts zusammen. Katja Jung wertet ihre Balbina mit zahlreichen Texthängern auf, Johannes Nussbaum spielt Bitterwolfs Sohn hochinteressant als flackernden, gefährlichen Schwärmer, Arnulf Schumacher ist - sprachlich brillant - der reiche Priesteronkel auf schwerem Motorrad, die anderen sind Stichwortgeber, Luana Velis als Annerl ist nicht einmal das. Die Personen treten beziehungslos aus einer Bretterwand wie Figuren eines Wetterhäuschens, ohne dass daraus eine durchgehende formale Kraft entstünde. Zwischen den Akten gibt es Regen und Blasmusik, sonst ist es karg. Wenn Andreas Becks charmante Idee, München mit einem bairischen Stück zu begrüßen, aufgehen soll, muss sich hier noch viel einspielen.

© SZ vom 25.01.2020
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