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Residenztheater München:Rechtsstreit um Brecht

  • Der Suhrkamp-Verlag versucht als Vertreter der Rechteinhaber, eine Absetzung von Bertolt Brechts Stück "Baal" in der Regie von Frank Castorf am Münchner Residenztheater zu erwirken.
  • Es handle sich um eine "nicht-autorisierte Bearbeitung" des Stücks, so die Begründung.
  • Das Theater wehrt sich: Der Verlag, dem die Arbeitsweise und Ästhetik Castorfs vertraut sei, habe sich bewusst für eine Vergabe der Aufführungsrechte an das Residenztheater entschieden.
  • "Die kennen mich doch und wissen, was da rauskommt", sagt Regisseur Castorf.

Wieder einmal gibt es Ärger mit den Brecht-Erben. Wie bereits in der SZ vom Wochenende gemeldet, versucht der Suhrkamp- Verlag als Vertreter der Rechteinhaber, eine Absetzung von Bertolt Brechts Stück "Baal" in der Regie von Frank Castorf am Münchner Residenztheater zu erwirken. Er hat zu diesem Zweck eine einstweilige Verfügung vor Gericht beantragt. In einer Stellungnahme des Verlags heißt es, bei der am Residenztheater unter dem Titel "Baal" gezeigten Inszenierung handle es sich um eine "nicht-autorisierte Bearbeitung" des Stücks: "Innerhalb der Produktion werden umfänglich Fremdtexte verwendet, die Werkeinheit wird aufgelöst."

Das stimmt natürlich. In Castorfs Inszenierung wimmelt es, wie immer in seinen wildwuchernden Textaneignungen, von Querverweisen, Assoziationen und Zitaten. Hier etwa aus den Schriften Arthur Rimbauds oder aus dem Film "Apocalypse now". Im Gegensatz zum Theater behauptet der Verlag, es habe diesbezüglich im Vorfeld keine Absprachen gegeben. Dies verletze das Urheberrecht.

Intendant Martin Kušej zeigt sich über den Vorgang "außerordentlich irritiert". In einer Stellungnahme seines Hauses heißt es: "Da der Suhrkamp Verlag, dem die Arbeitsweise und Ästhetik des Regisseurs Frank Castorf vertraut ist, sich bewusst für eine Vergabe der Aufführungsrechte an das Residenztheater und den Regisseur Castorf entschieden hat und das Residenztheater bereits weit vor Probenbeginn damit begonnen hat, den Rechteinhabern des Brecht-Textes die literarische und szenische Erarbeitung der Inszenierung kenntlich zu machen, ist dieser Schritt für uns völlig unverständlich." Die Inszenierung nicht mehr zeigen zu dürfen, würde "die Preisgabe einer künstlerisch furiosen Arbeit" bedeuten, die man als "hochspannende, respektvolle und fruchtbare Auseinandersetzung" mit Brechts "Baal" ansehe und auf die das ganze Haus "stolz" sei. Castorf habe, gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Aleksandar Denić, Baal "als Alter-Ego-Figur unseres gefräßigen Europas" installiert: "So wie Castorf interpretatorisch Baals Hunger zu unserem 'weißen' Hunger nach Land, Einflussgebieten, Reichtum erweitert, hat er Baals Sprache aufgeladen und angereichert." Das Ergebnis sei ein "intellektueller und sinnlicher Overkill, für den dieser Regisseur seit Jahrzehnten berühmt und berüchtigt ist".

"Das Originalgenie ist Rimbaud, von dem hat Brecht ja das meiste geklaut."

Tatsächlich fragt man sich, wie der Suhrkamp-Verlag und die Rechteinhaberin Barbara Brecht-Schall (die 1930 geborene Tochter von Bertolt Brecht und Helene Weigel), bei einem Regisseur wie Castorf von einer auch nur annähernd werktreuen "Baal"-Inszenierung ausgehen konnten. Dieser findet das Vorgehen "gestrig und albern". "Die kennen mich doch und wissen, was da rauskommt", sagt Castorf der SZ und lässt anklingen, dass "die vom Verlag" eigentlich ein großes Interesse daran zeigten, "dass jemand wie ich einen Brecht inszeniert".

Klar doch, sagt er, liege ja "kilometerbreit Staub drauf", das werde "wie unter einer Glasglocke ausgestellt". Das Stück im Original, "so wie's dasteht", dieses "juvenile Erstlingswerk", hätte ihn nie und nimmer interessiert: "Da inszeniere ich doch lieber einen Roman." Joseph Conrads "Herz der Finsternis" hätte sich angeboten. "Baal" habe eine "ganz schwache Dramaturgie", unkt Castorf. "Man muss da einen Zugriff machen, sonst kann man das nicht spielen. Sonst kommt doch immer nur Peymann heraus." Brecht selbst konstatierte, diesem Stück fehle die Weisheit. Immer wieder hat er an dem Text gearbeitet, fünf Fassungen erstellt. Aber, so Castorf, "die Poesie ist gut", auf das Lyrische, Musikalische des Textes habe er sich gestürzt - natürlich unter Rückgriff auf das "Originalgenie Rimbaud", denn: "Von dem hat Brecht ja das meiste geklaut."

In der Tat musste sich Brecht allerlei Plagiatsvorwürfen erwehren. Dass ausgerechnet bei einem Autor wie ihm Fremdtexteinlagen inkriminiert werden, mutet kurios an. Zumal Castorfs Verlagerung nach Indochina den "Baal" ganz neu zum Schillern bringt. Das Residenztheater wird bis auf Weiteres alle angesetzten Vorstellungen spielen. Chefdramaturg Sebastian Huber sagt: "Wir kämpfen für dieses Inszenierung. Das ist ein Kunstwerk wie der ,Baal'." Die Einladung, sich mal eine Vorstellung anzusehen, hat die Rechte-Erbin Barbara Brecht-Schall im Übrigen abgelehnt. Sie habe nicht das Bedürfnis.

© SZ vom 02.02.2015

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