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Reportage:Rio, die Wundervolle

The Wider Image: Postcards from Rio

Rios neues Postkartenmotiv - das Museu do Amanhã an der Guanabara-Bucht, Santiago Calatravas "Museum von morgen".

(Foto: Ricardo Moraes/Reuters)

Die Stadt der Zukunft: Der Bürgermeister hat die Gelegenheit der Olympischen Spiele genutzt, um seine Stadt radikal zu erneuern.

Von boris herrmann

Die Stadt der Zukunft beginnt am Museum von morgen. Museu do Amanhã heißt der Bau des katalanischen Architekten Santiago Calatrava. Der hat sich bei seinem Entwurf angeblich von Bromelien im Botanischen Garten inspirieren lassen. Es könnte aber auch eine überdimensionale Klimaanlage sein oder ein stählernes Rieseninsekt, das gerade zum Sprung in die verseuchte Guanabara-Bucht ansetzt.

In Rio ist das Museum ein phänomenaler Erfolg. Seit der Eröffnung Ende 2015 wurden mehr als 600 000 Eintrittskarten verkauft. Die Warteschlange zieht sich täglich Hunderte Meter auf die ebenfalls neu gestaltete Praça Mauá hinaus. Da stehen nicht nur Touristen, sondern auch viele Einheimische. Mit dem Museu do Amanhã ist die selbsternannte Cidade Maravilhosa (die "wundervolle Stadt") ihrem Traum von der Metropole des 21. Jahrhunderts jedenfalls so nahe wie sonst nirgendwo.

Das Museum und sein Vorplatz gehören zum Projekt Porto Maravilha. Nach dem Vorbild von Barcelona und London will auch Rio de Janeiro anlässlich der Olympischen Spiele seine Hafengegend zum Prachtviertel sanieren. Nachdem das fünf Millionen Quadratmeter große Areal über Jahrzehnte hinweg dem Zerfall überlassen worden war, werden nun Milliarden investiert. Längst nicht alles wird pünktlich zur Eröffnungsfeier am 5. August fertig sein. Aber vieles von dem, was einmal werden soll, ist schon zu erahnen.

Die Essenz aus den Vorträgen des Bürgermeisters: Rio ist die beste Stadt der Welt

Vom Museu do Amanhã führt neuerdings eine Uferpromenade an der Bucht entlang, die Orla Conde. Im Schatten frisch gepflanzter Bäumchen sitzen dort tagsüber Bauarbeiter und abends Jugendliche. Es mag hier immer noch nach süßlichem Brackwasser riechen. Zu den großen olympischen Versprechen Rios gehörte die Säuberung der Guanabara-Bucht, in die sich die Abwässer von rund acht Millionen Menschen ergießen, größtenteils ungefiltert. Der Putzplan ist spektakulär gescheitert. Aber Gestank ist Gewöhnungssache. Der Uferweg wird trotzdem genutzt.

Er führt unter der Brücke zur Kobra-Insel hindurch, die früher wegen der Giftschlangen unbegehbar war und heute wegen der Marinebasis gesperrt ist. Kurz vor der Candelária-Kirche, einem Schmuckstück aus der Kolonialzeit, endet er an einem Bauzaun. Es erfordert viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass hier von übernächsten Sonntag an die olympische Fackel brennen soll. Noch sind Bagger, Kräne und Planierraupen am Werk. Der Vorabeiter Marcos Silva versichert: "Wir beeilen uns."

Nicht alles funktioniert in der Olympiastadt, aber es läuft auch nicht alles schief. Und vielleicht ist es gar nicht so wichtig, was man an der Orla Conde derzeit sehen und riechen kann. Entscheidend ist, dass es diese Promenade überhaupt gibt. Bis vor zwei Jahren war diese Gegend noch eine Ödnis. Sie wurde von der sogenannten Perimetral beherrscht, einer absurd scheußlichen Stadtautobahn auf Stelzen. Bürgermeister Eduardo Paes ließ sie 2014 sprengen. Er selbst hält das für eine seiner größten Errungenschaften.

Dort, wo heute der Hafen ist, siedelten sich vor 450 Jahren die ersten Portugiesen an. Hier wurde der Samba geboren und der größte Sklavenmarkt des amerikanischen Kontinents betrieben. Ein halbes Jahrhundert lang wurde dieser historische Ort von der Hochbahn verunstaltet und vom Rest der Stadt abgeschnitten. Oben tobte der Straßenlärm, unten regierte das Verbrechen. Die meisten Cariocas, wie sich die Bewohner Rios nennen, reagierten trotzdem empört auf die Sprengung.

Die Perimetral war eine der zentralen Verkehrsachsen dieser Autofahrerstadt. Zwei Jahre lang stand Rio praktisch im Dauerstau. Der Entlastungstunnel unter dem Zentrum hindurch wurde erst vor wenigen Tagen eröffnet. Dass der Ablauf vielleicht nicht ganz ideal war, räumt Paes ein. Aber große Ideen bringen aus seiner Sicht nun einmal kleine Nebenwirkungen mit sich. "Mir hat es immer gefallen, wenn die Leute sagten: Der kann doch nicht die Perimetral abreißen!" Paes ist der festen Überzeugung, dass er noch viel mehr kann.

Zu den Stärken des 46-Jährigen gehört zweifellos seine Vortragskunst. Er spricht druckreif, ist charmant, manchmal sogar komisch. Seiner Stadt gehe es deshalb so gut, weil ihr Bürgermeister so brillant und so bescheiden sei, witzelt er oft. Man hört ihm auch wirklich gerne zu, wenn er von Rio schwärmt. An Gelegenheiten mangelt es nicht. Nahezu täglich wird ein Bau eingeweiht, der gerade noch rechtzeitig vor der olympischen Eröffnungsfeier fertig wurde. Egal, ob es sich um eine Schnellbus-Trasse, ein Radstadion oder einen Tunnel handelt, stets ist Paes mit einem Mikrofon zur Stelle und erklärt dem Publikum, weshalb Rio de Janeiro damit wieder ein Stückchen lebenswerter wird.

Die Essenz seiner Vorträge: Rio ist die beste Stadt der Welt und nach diesen Spielen wird sie besser denn je sein. Manchmal fragt man sich, ob er von demselben Ort spricht, der gerade von 32 000 schwer bewaffneten Soldaten besetzt wird, um die Sicherheit der Olympiabesucher zu gewährleisten. Von dem Ort, wo jährlich fünf Mal so viele Menschen ermordet werden wie in ganz Deutschland. Wo die öffentlichen Krankenhäuser überfüllt sind, die Lehrer streiken, die Polizisten nicht mehr bezahlt werden und wo die Zika-Epidemie wohl nur deshalb etwas abgeklungen ist, weil die Stechmücken gerade Winterpause machen.

Die große Schwäche von Paes ist sein gespanntes Verhältnis zur Realität. Kritiker sind für ihn Leute, die keine Ahnung von den Fakten haben. "Von welcher Krise in Rio redet ihr eigentlich?", rief er neulich in einen überfüllten Raum voller Journalisten aus aller Welt hinein. Das war am Tag, nachdem der Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro den Finanznotstand erklärt hatte.

Zum Plan gehört allerdings auch Umsiedelung - 77 000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen

Aber Paes liebt Rio. Vor allem liebt er das Rio, das er geschaffen hat. Nicht für, sondern dank Olympia. "Die Spiele haben mir die Möglichkeit gegeben, alles mit dieser Stadt zu machen, was ich schon immer machen wollte", hat er einmal gesagt. Als Rio 2009 den Zuschlag für die Ausrichtung bekam, war Paes gerade ein paar Monate im Amt. Wenige Wochen nach der Schlussfeier wird er abtreten. Es sind seine Spiele.

Sein wesentliches Erbe aber soll die Neugestaltung des Zentrums inklusive der Hafengegend werden und nicht etwa die Sportstätten rund um den Olympiapark im Vorort Barra da Tijuca. Paes will nicht nur als erfolgreicher Sportfest-Manager in die Geschichte eingehen, sondern vor allem als visionärer Stadtplaner. Er sieht sich hier in einer Linie mit Francisco Pereira Passos, der von 1902 bis 1906 Bürgermeister von Rio war und das damals seuchengeplagte Tropenloch in eine moderne Weltstadt nach Pariser Vorbild verwandelte.

Unter Pereira Passos entstand jenes Rio, das zum Schaufenster der Brasilianer und zum Sehnsuchtsort der Europäer wurde. Er ließ in seiner kurzen Amtszeit die Strände von Flamengo und Botafogo in Richtung Meer verschieben, die erste Zahnradbahn auf den Corcovado bauen und den Tunnel nach Copacabana schlagen. Im Centro mussten mehrere Hügel sowie knapp 650 Gebäude und 21 Straßen für die Avenida Central weichen, die Flaniermeile der brasilianischen Belle Époque. "Zivilisierung", lautete das Schlagwort damals.

Bei Paes heißt das "Revitalisierung." Wenn man heute die Avenida Central entlanggeht, die inzwischen Rio Branco heißt, dann sucht man vergeblich nach dem Glanz der Vergangenheit. Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg war nicht mehr Frankreich die Referenz, sondern die USA waren Bezugspunkt. Funktionale Hochhäuser verdrängten die neoklassizistischen Paläste, Banken die Wohnhäuser und Fast-Food-Ketten die alten Cafés. Das, was sich in Rio heute Centro nennt, ist längst nicht mehr das Zentrum dieser Stadt. Tagsüber herrscht wilder Geschäftsbetrieb, abends wird es leer, nachts ist es tot. Kein anderes Viertel ist so dünn besiedelt. Paes will das ändern. Vom Hafen aus soll das gesamte Zentrum wiederbelebt werden.

Seit ein paar Wochen verbindet eine Straßenbahn die wichtigsten Orte der Gegend. In der Avenida Rio Branco wird die Trasse von einer Fußgängerzone gesäumt. Aufhalten kann man sich dort allmählich wieder, wohnen ist immer noch schwierig. Zum Porto Maravilha gehört auch der Plan, in den kommenden zehn Jahren 100 000 Menschen am Hafen anzusiedeln, drei Mal so viele, wie gegenwärtig dort leben. Paes spricht vom weltweit größten urbanen Entwicklungsprojekt seit den Spielen 1992 in Barcelona.

Carol Rodrigues spricht dagegen von einem "Blendwerk". Die Urbanistin hat für eine der ältesten NGOs Brasiliens drei Jahren lang die sozialen Auswirkungen von Porto Maravilha erforscht. Sie hält schon den Begriff der Revitalisierung für höchst bedenklich. "Das suggeriert, dass hier vorher niemand gelebt hat, aber das stimmt ja nicht", sagt sie. "Es sind bloß nicht die Leute, die Paes da haben will." Am nördlichen Ende der Hafengegend befindet sich die Talstation einer Seilbahn. Von hier kann man seit drei Jahren hinaufschaukeln zum Providência-Hügel, dort befindet sich die älteste der knapp 1000 Favelas von Rio.

Der Bürgermeister verweist gerne auf die Gondeln aus österreichischer Herstellung, wenn ihm mal wieder vorgehalten wird, er kapitalisiere die Stadt auf Kosten der Armen. Rodrigues sagt, die Seilbahn sei nett für Abenteuertouristen, aber die Favelados hätten viel dringender Stromleitungen und Kanalisationen gebraucht. Und vor allem die Rechtssicherheit, dass sie in ihren Häusern bleiben dürfen. Nach ihrer Zählung sind, seit das Porto-Maravilha-Projekt 2011 startete, 6757 Familien aus der Hafengegend vertrieben worden. Viele davon lebten in der Providência. Die 1897 gegründete Armensiedlung passt eben nicht ins Katalogbild vom schönen, neuen Zentrum.

Eduardo Paes sagt, Rio sei auch immer die Stadt gewesen, die sich vor Problemen drückt

Aber es gibt eben noch eine Gemeinsamkeit zwischen Pereira Passos und Eduardo Paes, auf die der amtierende Bürgermeister allerdings nicht ganz so stolz ist. Beide gehören zu den größten Umsiedlern der Stadtgeschichte. Pereira Passos ließ Anfang des 20. Jahrhunderts ganze Arbeitersiedlungen planieren, um sein Paris der Tropen zu errichten. Unter Eduardo Paes mussten für die olympischen Traumwelten im ganzen Stadtgebiet mehr als 77 000 Menschen ihre Häuser und Hütten verlassen. Einige zogen mehr oder weniger freiwillig in Sozialbauten um, viele wurden zwangsevakuiert. Das spart der Bürgermeister regelmäßig aus, wenn er von seiner Stadtplanung schwärmt.

Rio sei immer eine Stadt gewesen, die sich vor der Lösung ihrer Probleme gedrückt habe, sagt er. Paes löst sie auf seine Weise. Immer unnachgiebig, manchmal unmenschlich. Er glaubt, dass der Zweck die Mittel rechtfertigt. Er hat in der schwersten brasilianischen Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten seine Stadt für diese Spiele fit gemacht. Alles, was nicht fertig wurde, haben die zerstrittenen Bundespolitiker in Brasília zu verantworten und die Pleitegeier von der Landesregierung. Alles, was funktioniert, ist seinem Rathaus zu verdanken.

So sieht er das. Ganz falsch ist es nicht. Die Stadtverwaltung hat einen Großteil dieser Spiele und der damit verbundenen Bauten über sogenannte Public-Private-Partnerships (PPP) finanziert. Porto Maravilha ist das größte PPP-Projekt, das Brasilien je gesehen hat. Dem Land ginge es deutlich besser, wenn sich alle ein Beispiel an Rio nähmen, findet Paes.

Seine Kritiker verweisen auf die Schattenseiten solcher Deals. "Paes hat die Spiele im Grunde dadurch finanziert, dass er Rio an Privatinvestoren verkaufte und ihnen freie Hand für zukünftige Immobilienspekulationen zusicherte", sagt Carol Rodrigues.

Im schicken Museu do Amanhã werden die Besucher über die Visionen eines sozialen Städtebaus unterrichtet, über Ökologie und Nachhaltigkeit. Draußen vor der Tür stinkt die Bucht allerdings wie eh und je, und ein paar Schritte weiter soll bald ein Stadtviertel mit luxuriösen Hochhaus-Apartments entstehen. Eines der größten Bauprojekte im Porto Maravilha trägt den Namen "Trump Towers Rio". Bislang sind die fünf geplanten Wolkenkratzer aber nicht einmal zu erahnen. Es heißt, der Bauherr Donald Trump wolle warten, bis die brasilianische Krise vorbei ist.

© SZ vom 29.07.2016
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