Reportage Kosovo, 32° Celsius

Was ist eigentlich aus dem Schwimmbad in Velika Hoča geworden, für das der Schriftsteller Peter Handke 2014 einen Teil des Ibsen-Preisgeldes gespendet hat? Eine Sommerreportage.

Von Ralph Hammerthaler

Als ich Jeton vorschlage, nach Velika Hoča zu fahren, um nach Handkes Schwimmbad zu schauen, sagt er: Ja, warum nicht? Selbst wenn ich der erste Albaner bin, der im Pool von Peter Handke badet.

Velika Hoča, albanisch Hoça e Madhe, liegt nahe der Stadt Rahovec, serbisch Orahovac. Etwa siebenhundert Menschen leben in diesem Dorf, Serben unter Serben, eine jener Enklaven, wie sie Belgrad gefallen, denn so läuft niemand Gefahr, in der albanischen Nachbarschaft aufzugehen und damit in einer unabhängigen Republik namens Kosovo. Aus Kalkül also werden die Serben eingehegt und um ein erfülltes Leben gebracht. Vor anderthalb Jahren meldeten Zeitungen, dass Peter Handke fünfzigtausend Euro, ein Sechstel des Ibsen-Preisgeldes, für Velika Hoča gespendet habe, und zwar für den Bau eines Schwimmbads. Diesmal nehmen wir keine Bücher mit, nur Badehose und Handtuch.

Selbstverständlich für Serbien: Ein Schriftsteller muss Gedanken wieder in Bewegung bringen

In Rohavec treffen wir Fadil Bajraj in einer Cafébar, in der, anders als in Prishtina, nur Männer sitzen. Fadil hat die Beatniks ins Albanische übersetzt, Ginsberg, Kerouac, Burroughs, noch dazu Charles Bukowski. Langer, weißer Bart, langes, weißes Haar, schmale Brille, ein farbiges Jäckchen über dem T-Shirt, sieht er aus wie ein Balkan-Beatnik. Auch unzählige Songs hat er übersetzt, Beatles, Stones und Joy Division. Er sagt, dass er keinen großen Unterschied macht zwischen Lyrik und Lyrics. Was wäre, wäre Handke jetzt hier? Er und Fadil hätten einander viel zu erzählen.

Aber Fadil schüttelt nur den Kopf, als ich Handkes Namen erwähne, ganz so, als hätte ich ihn vor ein unlösbares Rätsel gestellt. Frag mal die jüngeren serbischen Schriftsteller nach ihm, sagt Fadil, da kriegst du was zu hören. Klar, denke ich, denn erst vor Kurzem habe ich Saša Ilić aus Belgrad getroffen. Auf der Leipziger Buchmesse äußerte er einmal Kritisches über Handke, worauf einer aufstand im Publikum und ihn zu einem Theaterabend einlud, stundenlang nichts als Handke.

Weißt du, Fadil, sage ich, am Anfang habe ich ihn verstanden. Als alle Welt gegen Serbien war, ergriff er für Serbien Partei. Von einem Schriftsteller erwarte ich nichts anderes, er muss die Gedanken wieder in Bewegung bringen. Der Balkan-Beatnik nickt. Aber leider hat sich Handke dann selbst nicht mehr bewegt, als wäre er im Schatten des Kriegsherrn eingedöst. Als hätte er die Augen geschlossen. Jeton fallen die Verse eines albanischen Dichters ein, Bedri Hysa, der vor ein paar Jahren gestorben ist. "Handke, hast du denn Augen?" fragt das Gedicht ein ums andere Mal, in einem Rhythmus, der etwas Einhämmerndes hat oder die niederschmetternde Monotonie der Verzweiflung.

Kurz darauf stoßen Xhevdet Bajraj, Fadils Bruder, und Fehmi Sylka dazu. Dauernd legt Fehmi reihum Zigaretten aus, eine Tradition, sagt Xhevdet, jedenfalls in Rahovec. Auch Raki wird ständig nachbestellt, ich weiß nicht, von wem; nie sind die Gläser leer. Wäre Handke jetzt hier, denke ich wieder, bestimmt hat er mit Serben dieselben Erfahrungen gemacht wie ich mit Albanern. Da verliert man leicht sein Herz.

1991 ist Fehmi in einem Lokal von serbischen Soldaten grundlos beleidigt worden, ich ficke deine Mutter, das übliche Zeug. Doch anstatt dass er demütig zu Boden geblickt hätte, erwiderte er die Beleidigung, ich ficke deine Mutter und so weiter. Darauf musste er fliehen, nicht nur aus dem Lokal, sondern auch nach Mazedonien. In Skopje nahm er ein Flugzeug nach Sarajevo, dann ein anderes nach Frankfurt am Main. Heute lebt er in Antwerpen.

Der Feind ist nicht zum Fürchten, weil auch wir nicht zum Fürchten sind

Der Balkan-Beatnik Fadil will Handkes Schwimmbad nicht sehen. Er hat auch noch nie davon gehört. Jeton sagt, wir hätten einen Fehler gemacht, wir hätten erst schwimmen und dann Raki trinken sollen. Dafür ist es nun zu spät. Xhevdet, Fadils jüngerer Bruder, sitzt auf dem Beifahrersitz und weist uns den Weg. Die sanft hügelige Landschaft, am Horizont die Berge, ist auf unerhörte Weise weiblich. In dieser Gegend gibt es selbstgebrannten Raki sowie Rotwein und Weißwein. Kurz nach dem Krieg wurden serbische Weinbauern bei der Arbeit erschossen. Es war die Zeit der Rache. Der Journalist Veton Surroi schrieb in der von ihm gegründeten Zeitung Koha Ditore von albanischem Faschismus. Er warf den Rächern vor, sie würden alles verspielen. Angeblich hörte daraufhin das Töten auf, größtenteils wenigstens. Aber auch die um Befriedung bemühten Nato-Soldaten trugen dazu bei.

Während des Krieges ist Xhevdet, mit Unterstützung des Internationalen Schriftstellerparlaments, nach Mexiko geflohen. Heute schreibt er seine Gedichte auf Spanisch; eine dauerhafte Rückkehr in die Heimat schließt er mittlerweile aus. Als wir Velika Hoča erreichen, sagt Jeton, der Ironiker, Achtung, wir befinden uns in Feindesland, Handkeland. Der Feind aber ist nicht zum Fürchten, weil auch wir nicht zum Fürchten sind und Jeton und Xhevdet noch dazu Serbisch sprechen. Die beiden Cafés, die uns der Feind nennt, sind leider geschlossen. In einem Laden kaufe ich zwei Liter Raki in einer Plastikflasche. Der junge Verkäufer sagt, dass Handke erst vor drei oder vier Wochen hier gewesen sei.

Als ich die Frage aller Fragen aufwerfe, nämlich die nach Handkes Schwimmbad, müssen wir uns der bitteren Wahrheit stellen: Es gibt kein Schwimmbad. Eine Gruppe von Dörflern sei dagegen gewesen. Typisch Balkan, sagt Xhevdet, wenn die einen erkennen, dass die anderen etwas davon haben könnten, sorgen sie dafür, dass nichts daraus wird. Wieder auf der Straße, sagt Jeton: Sie fragen sich alle, wer wir sind.

Drei Männer in Badehosen, sage ich.

Auf Rollerblades rast ein Mädchen die Straße herunter; hinten auf seinem T-Shirt prangt ein roter Stern, dazu die Parole: Kommunismus restaurieren! Beim Weinhändler kosten wir hiervon und davon. Und weil ich, wie schon vorher im Laden, als Gesandter von Peter Handke angesehen werde, betont der Händler, dass er nicht zu der Gruppe gehöre, die das Schwimmbad verhindert habe. Diesen Rosé übrigens schätze der Handke. Worauf Jeton sofort zugreift. Xhevdet dagegen hält sich zurück, weil er Rosé und Literatur nicht zusammenbringt. Aber das ist kein Argument.

Ein Einverständnis mit der Morgenluft, dem Rundenziehen und dem Dasitzen

Jeton Neziraj ist Kosovos bekanntester Theaterautor; seine Stücke werden auf etlichen europäischen Bühnen gespielt. Außerdem ist er mein Verleger. In den letzten Monaten waren wir oft gemeinsam unterwegs, auch ins mazedonische Kumanovo zu einem albanischen Theaterfestival. Hier, wo ein Viertel der Bevölkerung Albaner sind, war sein Stück "Krieg in Zeiten der Liebe" zu sehen. Kurz vor der Aufführung griffen betrunkene Mazedonier das albanische Publikum vor dem Theater an. Beschimpfungen, Handgemenge, die Polizei wurde gerufen. Zynismus hilft nur für den Moment: Es hört niemals auf.

Unten am Bach, wo wir Fisch essen, setzt sich ein Polizist zu uns an den Tisch. In seinem weißen Freizeithemd sieht er aus wie Handkes Bademeister. Früher gab es eine Wache in Velika Hoča, zwei serbische und zwei albanische Polizisten. Heute ist sie nicht mehr nötig. Alles ruhig. Das Dorf wird von Rahovec aus betreut. Zweimal die Woche sieht der Polizist nach dem Rechten.

In seiner literarischen Reportage "Die Kuckucke von Velika Hoča" von 2009 äußert Handke den Wunsch, "endlich einem der albanischen Dörfler zu begegnen", im Nachbarort nämlich, einem "von der Gegenseite", letzteres von ihm selbst in Anführungszeichen gesetzt. Aber es klappt nicht, und man fragt sich, warum nicht. Warum jemand, der mit Serben so leicht ins Gespräch kommt, vor Albanern zurückscheut und darum nichts von ihnen zu berichten weiß.

Als Peter Handke sich eines Morgens auf dem Dorfplatz in Velika Hoča auf Stufen niederlässt, befällt ihn "ein illusionäres Einverständnis", "nicht mit der Geschichte, bewahre, aber mit der Morgenluft, der Ratlosigkeit, dem Rundenziehen, dem Dasitzen".

Während die Sonne untergeht, fahren wir zurück nach Prishtina. Als Jeton einen Sender sucht, erwischt er Radio Andernach für deutsche Soldaten. Prizren, wo sie ihr Feldlager haben, immer noch siebenhundert Mann, liegt keine vierzig Kilometer entfernt. Zu hören ist eine Techno-Nummer mit deutschem Text, eine Frau singt. Lyrik und Lyrics, hat der Balkan-Beatnik gesagt, sind eigentlich ein und dasselbe. Abendluft, Ratlosigkeit, dasitzen, Musik hören.

Der Autor erhielt für eine dreimonatige Recherche in Kosovo das Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch Stiftung.