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Reportage:Die Kellerratten-Generation

Junge Chinesen zwischen Träumen, Ambitionen - und Heiratsdruck.

Von Tim Neshitov

Die chinesische Jugend verpasst sich gerne ironische Etiketten. Hochschulabsolventen, die zu Zehntausenden in Mietskasernen an den Rändern von Metropolen hausen, tragen stolz den Spitznamen "die Ameisen-Sippe". Da China seit Ende der Neunzigerjahre die Zahl der Studienplätze konsequent erhöht hat, gibt es mehr Absolventen als Arbeitsplätze. Jeden Morgen strömen die Arbeitssuchenden wie Ameisen in die Städte, und wer einen Job hat, kann sich oft trotzdem keine Wohnung in der Stadt leisten.

Dann gibt es "die Ratten-Sippe". Das sind Menschen - vor allem junge Uniabsolventen und Wanderarbeiter - die in den Kellern der Pekinger Hochhäuser leben. Die Untergeschosse sind zwischen einem und drei Stockwerken tief und waren mal als Luftschutzbunker von der Bauordnung vorgeschrieben. Als die Nachfrage nach Wohnraum explodierte, wurden die Keller in Labyrinthe aus winzigen Wohnzellen geteilt, manche nur einen Meter breit. In Sachen Luftqualität und Brandschutz lässt sich da nachträglich wenig machen. Unter der Erde wohnen allein in Peking schätzungsweise eine Million Menschen.

Mittellose junge Chinesen nennen sich außerdem daosi, Penishaar. Das entspricht in etwa dem Loser.

Der britische Autor Alec Ash beschreibt in "Die Einzelkinder. Wovon Chinas neue Generation träumt" den Alltag von sechs jungen Chinesen, von denen vier sich als daosi durchschlagen. Die fünfte ist Tochter eines hohen Beamten, sie hat keine materiellen Sorgen und macht ein Auslandssemester in den USA. Der sechste Protagonist ist Rockmusiker, der zwar von seiner Kunst nicht leben kann, aber sich nie auf einen Bürojob einlassen würde, egal welche tolle Wohnung damit einherginge. Sein Künstlername ist Lucifer.

Alec Ash: Die Einzelkinder. Wovon Chinas neue Generation träumt. Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt. Hanser Berlin, Berlin 2016. 320 Seiten, 24 Euro. E-Book 17,99 Euro.

Alec Ash lebt seit 2008 in Peking, zurzeit als Korrespondent für die Los Angeles Review of Books. Er ist selbst noch nicht alt, Jahrgang 1986, und vielleicht hat ihm nicht zuletzt dieser Umstand geholfen, seine Protagonisten derart plastisch zu schildern. Man lernt viel über China aus diesem Buch, und man liest es schnell, weil es gut geschrieben ist. Über Lucifer schreibt Ash: "Aber letztlich strampelte er sich genauso ab wie alle anderen - vom Wind mit den Weidenkätzchenpollen durch Beijing getragen."

Die junge Kong Xiorui hat sich wie die meisten Chinesen einen westlichen Namen gegeben, ihrer ist Mia. Sie ist 1990 in der Provinz Xinjiang geboren, im Westen Chinas, in der historischen Heimat der Uiguren. Sie ist Han-Chinesin, Modefreak und geläuterter Skin-Head. Ein Song ihrer Lieblingsband Yinsan'r heißt "Pekinger Gangster": "Welches Kind wurde nicht dazu gezwungen, das Bildungssystem zu durchleiden, nur um mit einem Diplom herauszukommen und zu einem bescheuerten Mitläufer-Arsch zu werden?"

Der Bauernjunge aus der Provinz versinkt in der Welt der Computerspiele

Solche Lieder schaffen es überraschenderweise durch die Zensur und sie fassen das Grundgefühl einer ganzen Generation zusammen. Mia unterscheidet sich stark von der Tochter des hohen Beamten (die blieb in dem Buch anonym, man erfährt nur ihren westlichen Namen: Fred). Die beiden unterscheiden sich wiederum von der Kleinunternehmerin Xiaoxiao und vom internetspielsüchtigen Jungen Snail und von Dahai, dem Angestellten eines Bauunternehmens. Aber sie alle haben ein Problem mit dem System.

Aus einem Song der Band "Pekinger Gangster"

"Welches Kind wurde nicht dazu gezwungen, das Bildungssystem zu durchleiden, nur um . . . zu einem bescheuerten Mitläufer-Arsch zu werden?"

Es gehört zu den Verdiensten von Alec Ash, dass er seine Protagonisten nicht in Schubladen steckt. Etwa: Kadertöchter - verzogene Partygirls, Bauernsöhne - Opfer des Systems. Er hört den Menschen genau zu, er hat sie mehrere Jahre in Peking begleitet und ist in ihre Heimatstädte gereist. Die Funktionärstochter Fred von der Insel Hainan etwa hat ihm ausführlich ihre politischen Positionen erklärt. Sie glaubt, China brauche den Einparteienstaat, um stark zu sein, aber die Gesellschaft müsse die Macht dieser einen Partei kontrollieren können. Sie lehnt Internetzensur und Demonstrationsverbote ab. Solche ideologischen Spagate erfordern beim Nachwuchs der Kader im Reich des dauerlächelnden Xi Jinping einiges an Mut, zumal im Gespräch mit ausländischen Journalisten.

Der Rockmusiker Lucifer ist zu fast allem bereit, er will berühmt werden

Snail, der Bauernjunge aus der Provinz Anhui, Jahrgang 1987, ist der erste in seiner Familie, der es nach Peking zum Studium schafft. Und dann taucht er am Campus im Computerspiel World of Warcraft ab, er wird süchtig, wie Zigmillionen andere Chinesen. Vor neun Jahren erklärte das chinesische Gesundheitsministerium die Internetsucht zu einer klinischen Störung. Im realen Leben wird Snail nach seinem Hochschulabschluss wahrscheinlich eine weitere Arbeiterameise sein, in World of Warcraft ist er jemand, er hat Geld und genießt Respekt. Seine mittellosen, ungebildeten Eltern kommen aus dem Dorf und zerren ihn aus dem Computerclub ans Tageslicht. Er wird in eine Klinik gesteckt.

Snail muss zurück ins Dorf und schafft es dann doch wieder nach Peking - unglaublich für chinesische Verhältnisse - und studiert sogar weiter. Er wohnt im feuchten, verschimmelten Untergeschoss eines Hochhauses, erst allein, dann mit seiner Frau. Sie freuen sich auf ihr Baby. Aber es kommt kein Baby. Fehlgeburt. Der Arzt fragt Snails Frau, ob es in ihrer Wohnung kalt oder feucht sei.

Lucifer, der Möchtegern-Rockstar, schreibt recht gute Lieder auf Englisch, genießt einigen Bühnenerfolg - und ist am Ende zu allem bereit, um berühmt zu werden. Zu fast allem. Seine Geschichte ist eine der spannendsten in diesem Buch, man sollte gar nichts daraus verraten.

Leseprobe

Einen Auszug aus Die Einzelkinder stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Ein durchgehendes Motiv dieses Buchs ist der kolossale Heiratsdruck, der auf jungen Chinesinnen und Chinesen lastet. Nicht nur Eltern und Großeltern sind ausgesprochen unglücklich, wenn man mit Ende 20 noch Single ist. Den Ausdruck shengnü - übrig gebliebene Frau - hat der Frauenbund geprägt, die offizielle Frauenrechtsorganisation mit engen Verbindungen zur Kommunistischen Partei. "Hübsche junge Frauen benötigen kein hohes Bildungsniveau, um in eine reiche und mächtige Familie einzuheiraten", verkündete der Frauenbund kurz nach dem Internationalen Frauentag im März 2011. "Jungen Frauen von durchschnittlichem oder hässlichem Aussehen wird es dagegen schwerfallen."

Zwei Protagonisten dieses Buchs heiraten einander unerwartet, und man fiebert plötzlich mit, als sie sich mühsam ihr Nest bauen im Moloch Peking.

Alec Ash ist bewusst, dass man anhand von sechs Schicksalen kein Land erklären kann, darüber schreibt er in seinem klugen Nachwort. Aber es sind ihm sechs Geschichten gelungen, die dann doch für mehr stehen als bloß für einzelne Lebensläufe.

© SZ vom 01.10.2016
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