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Reportage:Das Piratenschiff

Die traditionsreiche Berliner Volksbühne wehrt sich erbittert gegen den neuen Intendanten Chris Dercon. Eine Reise ins Herz des Aufruhrs.

Von Rudolf Neumaier

Unterm Dach liegen die Schneiderwerkstätten, im Keller liegt die Kantine. Und dazwischen lebt der Geist, den hier alle auf Teufel komm raus beschwören und lieben und dessen Zeit bald gekommen ist. Manche geben ihm noch zwei, drei Spielzeiten, andere sagen, in gut einem Jahr ist er tot. Jetzt bäumt er sich aber noch einmal auf wie ein Drache, der Geist der Berliner Volksbühne, und spuckt Feuer auf die, die er für seine Widersacher hält. Notwehr ist legitim, auch wenn sie wenig bringt - und vielleicht mehr zerstört. Aber der Geist der Volksbühne ist nun mal sehr, sehr aufmüpfig, er wurde so kultiviert.

Schon in DDR beanspruchte dieser Laden Freiheiten für sich, die andere Häuser nie hatten. Heiner Müller wirkte hier. Eigentlich müsste die komplette Volksbühne unter Denkmalschutz gestellt werden. Nicht nur die Garderobenmöbel aus den Fünfzigern und die Mauern, die mit ihrem Putz so heruntergekommen aussehen wie nur DDR-Wände aussehen, auch die Menschen, die hier arbeiten und den Geist des Hauses nähren. Mit Arbeit, mit Bier, mit Kunst. Doch wer stellt Menschen oder Geister unter Denkmalschutz? Und kann Chris Dercon, der designierte Intendant, etwas mit Denkmälern anfangen? Ihn sprechen wir später - er steckt in China.

Gottesanbeterinnen, Leninbild - und Sorgen, Sorgen, Sorgen. Jedenfalls kein Lifestyle

Geht es nach Sebastian Kaiser, ist dieser Geist ein Produkt aus mehr als 200 eigenwilligen Künstlern, Technikern, Handwerkern, die bei ihrer Arbeit alle ziemlich unbeirrt und jedenfalls ungehindert in ihre eigenen Richtung gingen, bisweilen heftig zusammenkrachten und es dann wieder gemeinsam krachen ließen - auf der Bühne oder in der Kantine. Kaiser, 39, ist Dramaturg. Sein Vertrag endet in einem Jahr. Das kümmert ihn aber noch nicht, er sorgt sich um die Volksbühne und um die Kunst.

"Wissen Sie", sagt er, "das Ganze ist so verfehlt, wie wenn beispielsweise Hegel Chef der Humboldt-Uni wäre und ein Politiker würde ihn durch einen Consulter ersetzen mit der Maßgabe, dass er weiterhin Dialektik lehrt. Das funktioniert nicht." Dann holt Kaiser eine Kopie aus dem Büro: ein Interview mit Chris Dercon in der Juni-Ausgabe der Frauenzeitschrift Madame, die für luxuriöse Modetipps bekannt ist. Kaiser zeigt auf einen Dercon-Satz und sein Blick oszilliert zwischen Alarm und Beklemmung. Die Dercon-Äußerung lautet: "Erstaunlich ist schon, dass ein großer Teil der Kunst heute so durchökonomisiert ist, so viel mit Lifestyle zu tun hat und immer weniger mit Wissen. Aber dann bitte sollen auch Tanz, Theater, Oper, Design und Poesie Teil des Lifestyles werden!"

Lifestyle - dieses Wort sollte Dercon aus seinem Vokabular streichen, wenn er an der Volksbühne nicht mit faulen Eiern beworfen werden will. Die Volksbühne verkörpert den Konter-Lifestyle. Heterotopie war das Prinzip, sagt Kaiser. Foucault hat Heterotopien als Orte definiert, die in die "Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können".

Die realisierte Utopie Volksbühne steht nun vor dem Ende eines fulminanten Kapitels deutscher Theatergeschichte: Nach 25 Jahren wird der Vertrag von Frank Castorf nicht mehr verlängert, und als Nachfolger hat die Stadt den Kunst-Impresario Chris Dercon, 57, engagiert. Der Wechsel steht seit mehr als einem Jahr fest. Doch in dieser Woche eskalierte es: Am Montag schickten Mitarbeiter der Volksbühne einen Brief ans Berliner Abgeordnetenhaus und an die Presse, in dem sie Dercon kompromittieren. Tags darauf - purer Zufall, versichern alle Beteiligten - landeten bei einigen von ihnen Post von der Stadt Berlin im Briefkasten: Wir teilen Ihnen mit, dass Ihr Vertrag nicht verlängert wird. Im August wird im Berliner Alexander-Verlag ein Buch über die Castorf-Ära erscheinen, Titel: "Republik Castorf". Darin sagt die Schauspielerin Sophie Rois über Dercons Verpflichtung: "Diese Entscheidung und wie sie getroffen wurde, die Argumente, mit denen sie verteidigt wurde, lassen nur einen Schluss zu: Sie wissen nicht, was sie tun." Es wirke, als habe man sich über einen Wikipedia-Eintrag über die Volksbühne informiert.

DDR, Vereinigung, Nachwende-Berlin: Die Volksbühne war immer schon das komplett andere Haus.

(Foto: action press)

"Shakespeare hätte das nicht fieser schreiben können", sagt ein Schauspieler

Sophie Rois will unter Dercon nicht mehr an der Volksbühne arbeiten. Keiner der Schauspieler will hier noch spielen, keiner! Nicht nach dieser Geschichte. Alexander Scheer, der auf dieser Bühne zum Star wurde, erinnert sich ans 100. Jubiläum des Hauses vor anderthalb Jahren: Kulturstaatssekretär Tim Renner habe einen Toast auf die "nächsten hundert Jahre mit Frank Castorf" ausgebracht. Neben Renner sei ein Mann mit weißem Bart erschienen, den Scheer nicht kannte, aber drei Monate später in den Zeitungen sah, als Renner Castorfs Nachfolger verkündete: Chris Dercon. "Shakespeare hätte das nicht fieser schreiben können", sagt Scheer. Weiterspielen an der Volksbühne? Niemals. "Das ist eine Frage der Ganovenehre." Und die Regisseure, die dieses Haus zu einem der progressivsten und spannendsten Stadttheater der Welt gemacht haben, wollen an der Volksbühne nicht mehr inszenieren. Pollesch, Marthaler, Fritsch, Castorf selbst - all ihre verrückten, irrwitzigen, genialen Regiearbeiten werden mit Ende der kommenden Spielzeit abgesetzt.

Was von der Volksbühne erst mal bleiben wird, ist das Gebäude und es sind die Menschen, die hinter den Kulissen arbeiten. Menschen wie die Kostümdirektorin Ulrike Köhler, Ausstattungsleiterin Caroline Rössle-Harper und Chefrequisiteur Moritz Marquardt. Zumindest glauben sie, weiterarbeiten zu dürfen - obwohl sie den Brief unterschrieben. Vielleicht sind sie naiv, vielleicht kann Chris Dercon verzeihen.

Gemeinsame Runde bei Marquardt in der Requisite. Neben dem Tisch hängt ein Lenin-Porträt, davor steht ein Terrarium. Marquardt hält Insekten, zeigefingerlange Gottesanbeterinnen. Ist auch sein Job als Requisiteur, die Viecher kommen in dem Stück "Dancing About" groß raus - ist eine Produktion mit Kamera auf der Bühne.

Was die Menschen hinter den Kulissen umtreibt, ist Sorge, Sorge, Sorge. Vor allem darum, dass Dercon etwas völlig anderes unter Theatermachen verstehen könnte als sie selbst. Sie bangen, ihre Volksbühne könnte sich so stark verändern, dass sie sich nicht mehr mit ihr identifizieren könnten. Die Abteilungen von der Werkstatt bis zur Schneiderei fürchten vor allem, zu Dienstleistern degradiert zu werden.

Das waren sie nie, das wollen sie nie sein: Wer an der Volksbühne arbeitet, reklamiert für sich, einer von gut 200 Menschen zu sein, der seinen eigenen Kopf einbringen muss. Ganz und gar heterotopisch. Deswegen scheiterten an diesem Haus vergleichsweise häufig Inszenierungen lange vor der Premiere - weil die Idee dahinter nicht kompatibel war mit dem Geist des Hauses. Die Dreierrunde in der Requisite bringt es auf diesen Nenner: "Jeder will ernsthaft teilnehmen am Werden eines Stückes. Das sind keine Servicekräfte, sondern mitwirkende Teile einer Institution." Auch unter einem neuen Intendanten. Fast alle Berliner Opernhäuser und Theater müssen ihre Ausstattungen in einer gemeinsamen ausgelagerten Werkstatt produzieren lassen. Gegen Outsourcing hat sich Frank Castorf immer erfolgreich gewehrt. Die Volksbühne ist ein Piratenschiff, niemals hätte der Piratenkapitän die eigene Mannschaft drangegeben.

Beim Gang durchs Haus, oben in der Herrenschneiderei, erhebt sich eine Schneiderin, weil ihr etwas schwer auf dem Herzen liegt. Sie räuspert sich und sagt dann fast schon feierlich, was Herr Dercon unbedingt in der Zeitung lesen muss: "Jeder von uns ist ein Künstler im Handwerk und ein Handwerker in der Kunst. Wir sind versierte Leute, die gemeinsam schöpfen. Man möchte hören, dass Herr Dercon genau das toll findet." Wenn er mediale Produktionen mache, brauche er sie vielleicht nicht mehr. Hoffentlich sehe er die Belegschaft nicht als etwas Museales.

Es scheint extrem viel schiefgelaufen zu sein seit Dercons Berufung. Der große Kommunikator, als der er in München gefeiert wurde, er kommt einfach nicht an. Jedes noch so herzlich gemeinte Buhlen um Zuwendung wird kalt belächelt. Er will die Volksbühne umarmen, und sie spuckt ihm vor die Füße. Die Aversionen sind bitterer geworden, sie dringen in die Stadt, denn die Stadt tummelt sich in der Volksbühne.

Mittwochabend Premierenfeier. Das neue Herbert-Fritsch-Stück heißt "Apokalypse". Diese Produktion hat mit der Dercon-Verpflichtung nichts zu tun, aber auf der Feier stoßen sie dann doch auf den Untergang an. Mit Schaumwein in Plastikbechern, wie es sich auf einem Piratenschiff gehört. Dercon-Witze kursieren seit Wochen. Anfangs mag der smarte Belgier eine Hassfigur gewesen sein, ein neoliberaler Anzugträger, der sich anmaßt, ihr Haus zu kapern. Jetzt würdigen sie ihn schon zur Witzfigur herab. Chris, das Missverständnis. Dass er dem Regisseur René Pollesch "Rene, ich mache dich weltberühmt!" zugerufen habe, was für eine Pointe.

Es sind vor allem Leute aus den künstlerischen Bereichen, die sich an Dercons Pannen laben, und nicht die Marquardts, Rössle-Harpers und Köhlers. Sie bleiben immer noch loyal, auch wenn sie den Brief unterzeichneten, der ihre Ungeduld ausdrückt.

Am 28. April saßen Dercon und seine Programmchefin Marietta Piekenbrock in der Volksbühne und präsentierten sich und erste Ideen. Es war ein Debakel. Die Dercon-Leute schildern es als Tribunal, bei dem drei, vier feindselige Wortführer - eben aus dem künstlerischen Bereich - im Zuschauerraum eine rhetorische Granate nach der anderen abfeuerten. Allerdings sei am Ende eine Frau aufgestanden, habe sich schützend vor Dercon gestellt - und donnernden Beifall erhalten. Bei weitem nicht alle lehnen Dercon ab.

Der umstrittene Chris Dercon ist derzeit in Shanghai.

(Foto: Getty Images)

Einer dieser Wortführer ist Carl Hegemann, der 67 Jahre alte Chefdramaturg. Er lässt kaum eine Gelegenheit aus, die neuen Leute bloßzustellen. Vor einigen Wochen kam er in ein Seminar, das Marietta Piekenbrock mit ihren Studenten von der Uni Witten in Berlin hielt und übergoss die künftige Volksbühnen-Intendanz mit Hohn und Spott. Die Studenten schüttelten bei dieser Tirade nur noch den Kopf.

Chris Dercon selbst ist schwer zu erreichen in diesen Tagen. Sein Vertrag an der Tate Modern läuft bis Ende August. Irgendwann geht er doch ans Handy, "willkommen in Shanghai", sagt er. Ein extrem freundlicher Mann, wie kann man einen wie ihn permanent anpinkeln? Der offene Brief des Volksbühnen-Volkes mache ihn nicht traurig, aber er wundere sich darüber. Über den Ton vor allem. "Es hat mich an die ,Murmel Murmel'-Inszenierung von Herbert Fritsch erinnert." Da wird 80 Minuten nur gequatscht und geschrien mit nur einem Wort: Murmel. Und dann sei von den 180 Unterzeichnern ja auch nur etwa die Hälfte fest am Haus beschäftigt, als klares Misstrauensvotum geht das bei 216 Beschäftigten noch nicht durch.

Dercon, endlich am Telefon, vertraut auf seinen Charme. Und auf sein Programm

"Aber die Botschaft zwischen den Zeilen muss man natürlich ernst nehmen", sagt er. 30 Einzelgespräche habe er geführt, er müsse nochmal mit jedem sprechen. "Wir haben immer wieder gesagt, wir brauchen euch, auch in den Werkstätten. Das werden wir weiterhin tun, natürlich auch mit denen, die den Brief unterschrieben haben." Er wisse allerdings, dass die Panik im Haus geschürt werde - von den Männern, die ihm auch beim Vollversammlungstribunal Ende April zusetzten. "Vom 1. September an bin ich voll in Berlin."

Wie kann man bei dieser Wucht an Vorverdammung von Sophie Rois über den Chef des Berliner Ensembles Claus Peymann bis hin zu fast sämtlichen Theaterkritikern so optimistisch bleiben? Der Mann vertraut auf seinen Charme - und auf das Programm, das er im nächsten Frühjahr vorstellen wird und nicht früher.

"Es ist nicht leicht für uns, konkret mit dem Raum zu planen", sagt Marietta Piekenbrock, 51. Wenn sie mit Künstlern die Bühne besichtigen wolle, müssen sie wochenlang auf einen Termin warten. "Aber dieses Haus ist eine großartige Herausforderung." Sie arbeite bereits an den Programmen für die Spielzeit 2018/19.

Zwischen Tate Modern, Shanghai und der Kantine der Volksbühne liegen nicht nur Welten, dazwischen liegen Galaxien. Es ist deprimierendstes DDR-Design, mit Bedacht über die Zeit gerettet von Bert Neumann, dem genialen Bühnenbildner Castorfs. Neumann starb vor einem Jahr. Dass das Haus immer wieder auf Vordermann gebracht wurde, lässt sich kaum erkennen. Noch bis in die Neunziger arbeiteten Heizer im Keller am Kohleofen. Da Neumann aber bei allen Erneuerungen bis ins Detail die Patina der DDR konservierte, ist das Haus jetzt ein lebendiges Museum. Im Kühlschrank der Kantine gibt es neben Limonaden fünf Biersorten zur Auswahl und zwei Wassersorten, mit wenig Kohlensäure und ohne Kohlensäure. Ab 20 Uhr darf geraucht werden. Diese düstere Kantine ist das Sonnendeck des Piratenschiffs, das bald seine Schauspieler verliert. Carl Hegemann sagt: "Dem Dercon hätte man das nicht zumuten dürfen, seine Leute ekeln sich hier doch." Auch wenn er und manch anderer Pirat nicht mehr da sind?

Wenn Dercon und Piekenbrock anfangen, den Bierkonsum einzudämmen und die Wände zu streichen, war's das aber tatsächlich mit der Volksbühne. Dann ist der Geist ausgelöscht, und das Theater eines von vielen anderen.

Die Mentalität der Volksbühne hat tiefe Wurzeln. Sie war immer schon das komplett andere Haus. In den Zwanzigern revolutionierte Erwin Piscator hier das Theater, indem er es politisch machte. In der DDR leitete es lange ein Schweizer, Benno Besson. Ein Schweizer in der DDR, freiwillig! Das gab es. Moritz Marquardt, 51, fing in den Achtzigern als Requisiteur an, als alle guten Schauspieler in den Westen gingen. Die Volksbühne war ein Sammelsurium, sagt er, "ein Fluchtpunkt für Leute, die in der Gesellschaft nicht zurechtkamen". Trinker, Schwule, Punks, alles was damals als Sonderling galt. So fing das an. Und dann kam Frank Castorf.

© SZ vom 25.06.2016

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