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Replik auf die Kritik an Buchverlagen:Der Lektor schreibt das Ende und holt das Bier

Arbeiten Sie stets mit grösster Aufmerksamkeit

Finden sich heute mehr Rechtschreibfehler in Büchern? Verleger Tom Kraushaar widerspricht.

(Foto: Katharina Fischer/photocase.com)

Arbeiten Lektorate und Buchverlage heute schlechter als früher? Im Gegenteil: Sie leisten mehr denn je! Ein Einwurf.

Das Geraune über den Sitten- und Qualitätsverfall gehört seit jeher zum guten Ton in der Verlagsbranche. Schon Johann Friedrich Cotta, der Verleger Goethes und Schillers, musste sich rechtfertigen, als Jean Paul ihm schrieb: "Nur wirft der Teufel - nicht der Setzer - mir in meine Freude wieder verdammte Druckfehler wie Fliegen in eine Brautsuppe." Und warum auch nicht? Ein bisschen Kulturpessimismus schmückt jeden Literaturliebhaber.

Am vergangenen Samstag berichtete der Leiter des Hamburger Literaturhauses und ehemalige Verlegerkollege Rainer Moritz in der Neuen Zürcher Zeitung vom Qualitätsverlust der Lektoratsarbeit in deutschen Buchverlagen. Man könnte meinen, aus den guten alten Lektoren, die einst in holzvertäfelten Kämmerchen ohne Telefonanschluss konzentriert ihr Handwerk verrichteten, seien "Projektmanager" geworden, gestresste Ausgeburten der "Sparnot" ihrer Arbeitgeber. Das schockierende Ergebnis seien Bücher mit Rechtschreibfehlern.

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Moritz führt einige Beispiele an, unter anderem einen bei Klett-Cotta erschienenen Erzählungsband, in dem er drei vermeintliche Rechtschreibfehler gefunden hat, von denen allerdings zwei bewusst vom Autor gewählte lautmalerische Abweichungen von der Rechtschreibung sind. Übrig bleibt also ein Fehler. Über den (und gegebenenfalls auch über weitere) sollte man sich gewiss ärgern und Besserung versprechen. Doch die mahnenden Worte von Moritz sind der (Gegen-)Rede wert - gerade heute.

Denn der Klageton über den schleichenden und unaufhaltsamen Niedergang der Verlagskultur hallte zwar immer schon dumpf durch die Welt, aber er schien bisher zumindest keinen Schaden angerichtet zu haben. Tatsächlich nicht?

Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs in diesem Jahr sollen Verlage nicht mehr an den Ausschüttungen der VG Wort beteiligt werden. Einige wissenschaftliche und kleinere Verlage sind dadurch in ihrer Existenz bedroht. Eine Novelle des Urheberrechts hatte vorgesehen, Verlage gegenüber den Autoren deutlich schlechter zu stellen. Und bereits im Jahr 2013 wurden ebenfalls vom BGH die Vergütungsregeln für Übersetzer wesentlich zuungunsten der Verlage verändert. Auf die Spezifika dieser Fälle muss hier nicht eingegangen werden, denn ihnen liegt ein gemeinsames Problem zugrunde.

Die Autoren wissen genau, was die Verlage für sie tun

Es sind nun ausgerechnet die Autoren, also die scheinbar Begünstigten der Urheberechtsänderungen, die sich seitdem verstärkt für die Belange der Buchverlage einsetzen. Das liegt nicht etwa daran, dass sie Angst vor dem Zorn ihrer übermächtigen Verlage hätten, vielmehr wissen gerade sie, welche Arbeit dort geleistet wird. Die anderen Menschen, ob Juristen des Bundesgerichtshofs oder eben auch ganz normale Leute, sehen diese Leistung nicht, die Buchverlage heute erbringen.

Las man so manchen Kommentar zu den Debatten um die oben genannten Fälle, musste man glauben, Buchverlage seien einst biedere Handels- und Druckdienstleister gewesen, die im Kapitalismus zu gierigen Verwertern der Autorenrechte mutiert sind. Wer dann auch noch meint, man könne die Qualität von Lektoratsarbeit allein an der Quote der Rechtschreibfehler ablesen, der muss sich in der Tat fragen, warum diese Verlage eigentlich bisher überhaupt bei Buchveröffentlichungen mitverdienen durften. Dann sollen die Autoren doch einfach ihre Bücher schreiben, sich die "Dienstleistungen" hier und da einkaufen und dann mit Word, Print-On-Demand und Twitter selber publizieren.