Renovierungen Teure alte Schachteln

In Frankfurt sollen Oper und Schauspielhaus für knapp 900 Millionen Euro saniert werden. Ein Beispiel von vielen. Deutschlands Kulturlandschaft wird luxussaniert.

Von Jörg Häntzschel

Ganze 868 Millionen. So viel wird es kosten, die sogenannte "Doppelanlage" von Frankfurts Oper und Schauspiel zu sanieren. Das ist das Ergebnis einer Machbarkeitsstudie des Hamburger Planungsbüros PFP, die in dieser Woche vorgestellt wurde. An 5000 Stellen haben die Gutachter in Wände und Böden des 1963 gebauten Komplexes gebohrt, vier Jahre lang dauerte es, und nun ist die Diagnose da: Undichte Fassade, unzureichender Brandschutz, veraltete Technik, kurz: Das Haus muss praktisch ein zweites Mal gebaut werden. Sonst bliebe nur, es abzureißen und völlig neu zu bauen, was aber noch teurer würde. Oder das Grundstück zu verkaufen und damit einen Neubau an anderem Ort zu finanzieren.

Die astronomischen Kosten haben in Frankfurt Verzweiflung und überall sonst Erstaunen ausgelöst. Immerhin sind es 50 Millionen mehr als die 790 Millionen, die Hamburg für die Elbphilharmonie gezahlt hat, über deren außer Kontrolle geratenes Budget man sich jahrelang empörte. Das Berliner Humboldtforum und der Wiederaufbau des Stadtschlosses nimmt sich mit 600 Millionen dagegen ebenfalls günstig aus: Zwei extravagante Prestigeobjekte, beide billiger als die Sanierung eines vergleichsweise bescheidenen Sechzigerjahre-Baus? Wie ist das möglich?

Die Sanierung von Museen und Schulen wurde lange vernachlässigt. Das rächt sich

Tatsächlich wird der Frankfurter Sanierungsfall wohl alle Rekorde brechen, doch auch sonst werden Museen, Theater und Opern saniert - zu oft schwindelerregenden Kosten. In Berlin arbeitet man seit 2010 an der Sanierung der Staatsoper Unter den Linden. Statt 239 wird das 400 Millionen verschlingen. Die Sanierung der Staatsbibliothek auf der anderen Straßenseite wird statt 326 wohl 470 Millionen kosten und sechs Jahre länger dauern als geplant. Für das Pergamonmuseum waren 261 Millionen veranschlagt, jetzt rechnet man mit 477, und die für 2019 erwartete Fertigstellung ist auf 2023 verschoben.

In München wird das Kulturzentrum Gasteig, nur 30 Jahre alt, für 450 Millionen renoviert, beim Deutschen Museum sind es 445 Millionen, beim Haus der Kunst 100 Millionen und beim Gärtnerplatztheater 96 Millionen. Die Sanierung des Kölner Opernquartiers soll 565 Millionen kosten, die der Stuttgarter Oper 400 Millionen. Die Liste ließe sich noch sehr viel länger fortsetzen.

Wie sind diese Beträge zu erklären? Woher stammt das Sanierungsfieber für Kulturinstitutionen? Es gibt eine ganze Reihe von Gründen. Die Bundesrepublik hat die laufende Erhaltung öffentlicher Bauten - Museen, Schulen, Kindergärten - jahrzehntelang vernachlässigt. Jetzt hat der schleichende Verfall einen Punkt erreicht, an dem einzelne Maßnahmen nicht mehr ausreichen. Viele Nachkriegsgebäude waren nicht nach den höchsten Standards gebaut, aber auch die solideren kommen jetzt ins Greisenalter. Und schließlich sind da die immer strengeren Vorschriften für Brandschutz, Lüftung, Wärmedämmung. Sobald größere Sanierungsmaßnahmen an einem Gebäude durchgeführt werden, fällt es aus dem Bestandsschutz - und muss den strengen neuen Gesetzen genügen. Die Kosten schießen in die Höhe.

Beim Wohnungsbau wird seit Jahren darüber diskutiert, ob man es mit den Baustandards nicht übertrieben habe - so weit nämlich, dass sie Neubauten verhindern. Christian Holl, Geschäftsführer der hessischen Sektion des Bundes deutscher Architekten (BDA), hält dieselbe Diskussion auch bei öffentlichen Bauten für sinnvoll: "Natürlich ist jeder Tote durch Brände einer zu viel." Dennoch müsse man nach der Verhältnismäßigkeit fragen. Warum müssen gerade Gebäude absolut sicher sein?

Das größere Problem jedoch seien die übertriebenen Ansprüche der Institutionen, sagt Wolfgang Dunkelau, ebenfalls Architekt vom BDA: "Es muss bei öffentlichen Bauten in Deutschland immer der Mercedes sein, wo noch der Rücksitz klimatisiert ist, keiner will einen Golf. Wir müssen uns als Gesellschaft fragen: Wollen wir das weiterhin so betreiben? Oder wäre eine vernünftige Sanierung möglich, die bei der Technik kleine Abstriche macht?" Oft lägen die Kosten für die Gebäudetechnik fast so hoch wie die reinen Baukosten.

Ein beeindruckender Bau hilft beim Kampf ums Publikum und auch bei der Suche nach Künstlern

Auch bei der Ausstattung darf nicht gespart werden. Selbst Nichtarchitekten fallen in neuen Museen oder Bibliotheken die Designermöbel und Luxusarmaturen auf. Zwar ist es zu begrüßen, dass der Staat bei seinen Kulturbauten auf Qualität besteht, aus praktischen wie aus symbolischen Erwägungen. Man kann an jedem Theater, jedem Museum ablesen, welche Bedeutung der Staat der Kultur beimisst, wie er sich selbst darstellt und welchen Grad von Schönheit und technischer Ausstattung er für seine Bürger für angemessen hält.

Dennoch: Es ist ja nicht "der Staat" oder die Institutionen, die dafür zahlen, sondern die Bürger selbst. Amerikanische Museumsdirektoren, die jeden Dollar bei ihren Mäzenen erbetteln müssen, dürften strenger auf die Kosten sehen als ihre deutschen Kollegen, die von ihren prachtvollen Häusern nur profitieren. Ein beeindruckender Bau hilft sehr beim Kampf um Publikum und macht es leichter, gute Leute zu finden. Oliver Reese, der scheidende Intendant des Schauspiels Frankfurt, ließ kürzlich in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau kein gutes Haar am Frankfurter Theater und forderte entschieden dessen Abriss und Neubau. Die Botschaft: In so einem maroden Haus kann ich nicht arbeiten.

Jörg Friedrich von PFP hält nichts von der Ansicht der Kollegen, deutsche Kulturbauten würden zu aufwendig geplant: "Das ist ein Märchen. Das kann sich heutzutage kein öffentlicher Bauherr mehr erlauben. Es gibt genaue Vorgaben, was Technik und Ausstattung kosten dürfen." Immerhin lägen die hohen Kosten, die er ermittelt hat, sehr viel näher an der Realität als bei ähnlichen Projekten, die später teurer werden. Deshalb habe das Gutachten auch 6,5 Millionen Euro gekostet. Dunkelau sieht das ähnlich: "In den letzten Jahren hat man bei größeren Bauten die Kosten nach unten gelogen, damit sie genehmigt wurden." Hier habe man es einmal anders gemacht.

Mitarbeit: Anna Lea Berg