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Religionswissenschaft:Kritik des unwahren Lebens

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Klaus Heinreich.

(Foto: Imago Stock&People)

Die Kunst, Nein zu sagen und dabei zu lachen: Der Religionswissenschaftler Klaus Heinrich, einer der Gründer der FU Berlin, wird neunzig.

"Wenden Sie sich nach links, dann nach rechts, und Sie werden an das Unerreichbare rühren, an jene stets zurückweichenden Fernen, von denen man auf Erden immer nur die Richtung kennt." Das Zitat aus Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" könnte das Motto für das Lebenswerk des Berliners Religionswissenschaftler Klaus Heinrich abgeben. Zeitlebens hat er die Wege abgeschritten, die angeblich zum Kontakt mit dem Unerreichbaren führen.

Als Heinrich 1927 in Berlin geboren wird, atmet die Weimarer Republik tief durch und blickt nach vorn. Die Hauptstadt des Reiches wird in einem Atemzug mit Paris und London "Metropole" genannt. Keine sechs Jahre später kommt es zur sogenannten "Machtergreifung" der Nationalsozialisten. Mit 16 muss sich Heinrich entscheiden, ob er die kurzen Wege mitgeht, an deren Ende der deutschen Sieg steht. Sein mutiges "Nein!" muss er nach Kriegsende 1945 wiederholen, als im Osten seiner Heimatstadt kommunistische Kader den bereits stadtbekannten freien Geist und seine Mitstreiter inhaftieren wollen. Und so gehört Heinrich 1948 zu den Gründungsstudenten der "Freien Universität" in Dahlem. Die von Ernst von Ihne erbaute Villa in der Boltzmannstraße 3 wird das erste Hauptgebäude der FU. Darin ist auch das Institut für Religionswissenschaft untergebracht. Die räumliche Enge macht erfinderisch. Kaffee und Zigaretten bilden die Grundnahrungsmittel, gemeinsam mit den Schriften Sigmund Freuds und der antiken Literatur.

Schnell werden die nächtlichen Versammlungen skeptisch beäugt. Die Rede vom "Haschischclub" macht die Runde. 1952 wird Heinrich noch ohne Probleme in den Religionswissenschaften promoviert, zwölf Jahre später beginnen die Probleme. Die Habilitationsschrift "Die Schwierigkeit nein zu sagen" wird von insgesamt zwanzig Gutachtern gelesen. Stil und Thema verstoßen gegen die wissenschaftlichen Standards, sagen manche. Zudem hat Heinrich in der Zeitschrift "Das Argument" publiziert, der besten Adresse für einen undogmatischen Marxismus.

Die anderen sind davon überzeugt, dass die Abhandlung ein Wurf ist, nichts weniger als eine grundsätzliche "Kritik der Gestalten unwahren Lebens". Niemand hat das besser begriffen als der erste Rezensent des Buches, der zwei Jahre jüngere Jürgen Habermas: dass die Fantasie, mit dem Unerreichbaren in Berührung kommen zu können, stets und immer auf der Seite der Mächtigen stand.

Dass sich Heinrich schließlich durchsetzt, 1966 die Abhandlung "Parmenides und Jona" veröffentlicht und fünf Jahre später Professor für "Religionswissenschaft auf religionsphilosophischer Grundlage" an "seiner" FU wird, ist vielerlei glücklichen Zufällen geschuldet. Nun kann Heinrich arbeiten. In Berlin entsteht in seinem Seminar über Jahrzehnte eine Art Experimentalbühne. Während Peter Stein an der "Schaubühne" mit seiner "Orestie"-Inszenierung die Gegenwart der Antike entdeckt, liest Heinrich die Antike und ihr Nachleben als komplexe Folge unabgegoltener Verschiebungen.

Wie alle heiteren Menschen ist er frei von allen uneinlösbaren Ewigkeitssehnsüchten

Die Vorlesungen werden rasch zum gesellschaftlichen Ereignis, Heinrich der getreue Korrepetitor der Zeitläufte, ohne ihnen zu verfallen. Dazu geht er viele Umwege: Freud tritt immer häufiger Paul Tillich an die Seite, die Renaissance bekommt ihr Eigengewicht, die Versteifung der Philologien im 19. Jahrhundert soll aufgebrochen werden, die Versprechen der Ontologie sollen entlarvt werden. Israels Propheten bilden die Gegenstimmen zum Chor der Ich- und Systemversessenen Philosophie, die sich in die Logik flüchtet, um ihre Herrschaftsansprüche aufrechtzuerhalten.

Im Jahr 1981 erscheint dann der erste Band der geistigen Abenteuer unter dem Titel "Dahlemer Vorlesungen". 40 Bände soll die Edition umfassen. Die wenigen Texte, die es bereits gibt, sind Beweise einer bewundernswerten geistigen Unabhängigkeit. Und eine Herausforderung. Der Bilder- und Ideenstrom verlässt zwar nie das Flussbett, doch will die gebotene Ästhetik des Widerstands durch höchste Aufmerksamkeit des Lesers erobert werden. Wer Heinrichs Denkwelt betreten will, der greife zunächst zu seiner "Theorie des 'Lachens'". Überhaupt ist der Berliner Bürger ein heiterer und gelöster Denker. Und wie alle heiteren Menschen, so ist auch Heinrich geschichtsbewusst und frei von allen uneinlösbaren Ewigkeitssehnsüchten.

"Da wir die Teilnehmenden durch einen labyrinthischen Garten zu führen haben, so müssen wir ihnen und uns das Vergnügen mancher überraschender Aussicht vorbehalten." Niemand sonst hat wie Klaus Heinrich Goethes großes Versprechen eingelöst. An diesem Samstag wird er 90 Jahre alt.

© SZ vom 23.09.2017
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