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Religion und Kleidung:"Religiös korrekte Kleidung hat noch keine Frau am Tanzen gehindert"

Islamische Mode ist im Westen ein Reizthema. Anders im senegalesischen Dakar. Hier entwerfen zwei Modemacherinnen Kleidung, die islamischen Vorschriften genügt und trotzdem feminin ist.

Von Jonathan Fischer

Die Glasfront der Boutique im Universitätsviertel der senegalesischen Hauptstadt Dakar wirkt wie ein Raumschiff, das am falschen Ort gelandet ist. Mangobäume werfen ihre Schatten auf spielende Kinder, hupende Taxis scheuchen Ziegen von der Straße. Im Schaufenster des Modegeschäfts aber lockt eine andere Welt: Hochhackige Damenschuhe, elegante Handtaschen, bunte Schleier. "Modesty Group" steht an der Tür.

Fatymatou Dia, 25, die Geschäftsführerin, bittet zu einem Glas Minztee ins gekühlte Ladeninnere. "Wir nennen unsere Kollektion nicht islamisch, sondern 'mode modeste', dezente Mode", erklärt sie. Dass diese feminin attraktive Züge tragen kann, macht bereits ihr Äußeres deutlich: Gezupfte Augenbrauen, Lippenstift, Make-up und ein türkis und rot leuchtender Turban über einem eleganten Hosenkostüm.

Dia streift durch die taillierten und farbenprächtigen Kleider, die an großen Stangen von der Wand hängen. "Es ist nicht unsere Absicht, uns von religiösen Vorschriften modisch einengen zu lassen", sagt sie: "Vielmehr wollen wir auch strenggläubigen Frauen die Möglichkeit bieten, sich selbst zu definieren. Sie waren zu lange von der Modewelt ausgeschlossen."

Islamische Mode schließt eine Marktlücke

Islamische Mode ist ein Reizthema. Zumindest im Westen. Immer läuft es auf dieselbe Frage hinaus: Ist das Kopftuch Symbol oder Instrument für die Unterdrückung von Frauenrechten? Oder sind Kopftuch und Schleier im Gegenteil eine Erleichterung für Musliminnen, die sich einem konservativ-religiösen Lebensstil verpflichtet fühlen?

Unumstritten ist immerhin, dass gerade ein neuer Markt für islamische Mode aufblüht - bis hinein in große westliche Kaufhäuser. So zeigte eine H & M-Kampagne letztes Jahr erstmals eine Frau mit Kopftuch. Und Dolce & Gabbana legte - eine Premiere für ein High-Fashion-Label - eine Kollektion von Kopftüchern und weitgeschnittenen Abaja-Kleidern für kaufkräftige Kundinnen aus der arabischen Welt vor. Dabei geht es wohl weniger um Religion: Nach dem Global Islamic Economy Report der Marktforschungsagentur Thomson Reuters wird der weltweite islamische Modemarkt bis zum Jahr 2020 gut 327 Milliarden Dollar Umsatz erwirtschaften.

Doch neue Modephänomene wie der vom britischen Kaufhaus Marks & Spencer angebotene Burkini-Badeanzug für Strengreligiöse begeistern nicht alle. So schimpfte etwa Pierre Bergé, der frühere Lebensgefährte des Modeschöpfers Yves St. Laurent, hier werde versucht, "Frauen einzusperren", während Mode doch die Aufgabe habe, "Frauen zu mehr Freiheit zu verhelfen". Ähnlich empört reagierte die französische Ministerin für Frauen und Sport, Laurence Rossignol: Ein Boykott islamischer Mode sei moralisch notwendig. Denn Frauen, die das Kopftuch aus religiösen Gründen trügen, wollten es "auch allen anderen aufzwingen".

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