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Religion:Jesus starb nicht am Kreuz

Blick ins Buch

Sibylle Lewitscharoff und Najem Wali streifen durch Bibel und Koran. Interessanter als die Gemeinsamkeiten sind die Unterschiede, die sie im Blick auf Abraham, Hiob oder Jesus entdecken.

Von Johann Hinrich Claussen

In erregten Zeiten freut man sich über jeden Versuch einer gebildeten Verständigung über Kulturgrenzen hinweg. Besonders zwischen den Religionen braucht es vernünftige Vermittler. Doch so willkommen jeder Dialog auch ist, fragt man sich, wer da eigentlich wie über was miteinander reden soll. Die Amtsträger über die jeweiligen metaphysischen Lehren etwa? Welche Wirkung hätte dies, und wie könnte solch ein Gespräch gelingen, wenn schon das Verständnis dessen, was Theologie überhaupt bedeuten soll, so unterschiedlich ist? Da ist es vielversprechender und interessanter, wenn zwei Schriftsteller sich der Sache annehmen. Als unbefangene "Laien" und freie Künstler können sie das Gespräch über die heiligen Schriften auf eine andere, nämlich literarische Ebene heben. So versuchen es Sibylle Lewitscharoff und der in Berlin lebende irakische Autor Najem Wali. In korrespondierenden Essays nehmen sie sich neun Hauptfiguren aus Bibel und Koran vor: Eva - Hawwa, Abraham - Ibrahim, Moses - Musa, Lot - Lut, Hiob - Ayyub, Jona - Yunus, Salomo - Sulaiman, Maria - Maryam, Teufel - Schaitan. Schön wäre es gewesen, wenn sie Jesus - Isa ein eigenes Kapitel gegönnt hätten.

Die Zugänge der beiden sind verschieden. Als Kind hatte Wali bei seinem Großvater einen schönen, noch nicht politisierten Volksislam kennengelernt, heute steht er als Atheist allen Religionen distanziert gegenüber, bemüht sich aber um Verständigung. Lewitscharoff dagegen ist eine bewusste, also eigenwillige Protestantin. Wali schreibt für Leser, denen der Koran kaum bekannt ist, er zitiert ausführlich und bietet viele Sachinformationen. Da Lewitscharoff davon ausgeht, dass den Lesern die biblischen Geschichten noch vertraut sind (wenn sie sich da mal nicht täuscht!), nimmt sie die biblischen Texte oft nur als Ausgangspunkt für weite kunst- und literaturgeschichtliche Ausflüge. Auffällig jedoch ist, dass literarische Gestaltungsfragen bei beiden eine eher geringe Rolle spielen. Von wem wird hier erzählt und wie, welche Mittel und Formen werden gewählt, welche Leseerlebnisse ausgelöst? Man hätte mehr Interesse an der eigentlich ästhetischen Frage erwartet.

Die schöne These zum Beispiel, mit der Navid Kermani bekannt wurde, dass nämlich der Koran kein theologisches Lehrbuch, sondern ein poetisches Kunstwerk sei, wird bei Wali nicht diskutiert. Zwar zitiert er viele Suren nach der vorbildlichen Übersetzung von Harmut Bobzin, aber ein ästhetischer Zauber will sich beim Lesen nicht recht einstellen. Und Lewitscharoff geht zu schnell von den biblischen Texten fort, als dass deren ästhetischen Qualitäten sichtbar werden könnten. Dafür wird einem die notwendige Belehrung zuteil, dass Bibel und Koran viele Gemeinsamkeiten besitzen. Allerdings wäre diese noch überzeugender ausgefallen, wenn man einen jüdischen Ko-Autor zu einem Trialog hinzugenommen hätte.

Die Hauptfiguren der Bibel sind allesamt Träger von oft unerträglichen Spannungen

Interessanter jedoch liest sich der Dialog, wenn er auf Unterschiede zu sprechen kommt. Lewitscharoff hat einen feinen Sinn für das Zwiespältige und Abgründige, die Spannungen und ungelösten Konflikte der biblischen Geschichten. Und Wali zeigt, wie all dies im Koran getilgt wird: Abrahams-Ibrahims grausiges Vorhaben, seinen Sohn Isaak zu opfern, war von Gott gar nicht so gemeint. Hiob-Ayyub ist kein an Gott Verzweifelnder und mit Gott Kämpfender, sondern ein im Leiden vorbildlich Geduldiger. Maria-Maryam hatte keinen Ehemann, sondern empfing ihren Sohn auf rein wundersame und ganz unanstößige Weise. Jesus-Isa ist gar nicht wirklich am Kreuz gestorben. Dafür scheint es einen tieferen Grund zu geben: Angesichts der ins Unendliche gesteigerten Allmacht Gottes verblassen alle menschlichen Widersprüche.

So bietet der Koran eine durchgängige, fromme Rationalisierung der biblischen Ursprungsgeschichten. Dadurch wirkt er theologisch konsequenter, aber auch religiös eindimensionaler und literarisch - bei allem Respekt - etwas langweiliger. Die Bibel erzählt zwar nicht von Individuen im heutigen Sinne, aber ihre Hauptfiguren sind allesamt Träger von oft unerträglichen Spannungen. Genau darin liegt ihre religiöse wie literarische Bedeutung. Noch eindrücklicher als Lewitscharoff hat darauf vor 35 Jahren ein anderer Autor hingewiesen, in einem der schönsten Texte, die je über die Bibel geschrieben wurden. Verfasst hat ihn der heute fast vergessene Franz Fühmann. Für ihn war die Bibel kein heiliges, sondern ein ungeheuerliches Buch: "Ich begann die Geschichten der Bibel zu lesen: Ein Riss; und der Abgrund Mensch klaffte auf."

Indem er in ihre Erzählungen eintauchte und ihren Gestalten ganz nahe kam, erkannte er in der Bibel ein radikal ehrliches Buch über den Menschen in all seinen Widersprüchen: "Ihre Sätze waren Prankenhiebe, ihre Schläge rissen mein Frommsein auf, und in die Wunden das Salz der Fragen." Dabei ging Fühmann auch das Revolutionäre der Bibel auf: "Es ist ein Buch der Subversion, des Unerhörten, des Unerlaubten, des Umkehrens von Oben und Unten und des Zerschlagens der alten Tafeln, ein zersetzendes Buch, der Parteinahme für alle Mindren, das den Herrenmenschen ins Gesicht spie, ein Buch des Aufwiegelns und Unruhestiftens, das alles das infrage stellte, das sich in fraglos sicherer Gegründetheit wähnte - vor allem die eigene Existenz."

Sibylle Lewitscharoff / Najem Wali: Abraham trifft Ibrahim. Streifzüge durch Bibel und Koran. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 311 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 27.06.2018
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