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Reiten:Möhren und Gefühl

Illustration aus Juli Zeh und Flix: Socke und Sophie

Pferdesprache leicht gemacht: Juli Zeh erzählt von einer Liebe zwischen Reiterin und Pony. Ein Abenteuer, bei dem der Ponyhof zur Bildungsanstalt wird.

Von Sonja Zekri

Pferdegeschichten sind Heldenreisen, nur erzählen sie im Unterschied zu, sagen wir, der Odyssee nicht die Reise eines einzelnen Helden, also meist einer Heldin, sondern ein doppeltes Abenteuer. Schließlich durchläuft ja auch das Pferd einen wichtigen Reife- und Erkenntnisprozess. In Juli Zehs Roman "Socke und Sophie" ist dies ein anfangs herzzerreißend vernachlässigtes Pony, das dank der Begegnung mit der zwölfjährigen Sophie zum tiefenentspannten Vorzeige-Schulpferd heranwächst. Es ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die in Büchern und Filmen von "Black Beauty" bis "Ostwind" oft erzählt wurde, allerdings immer ein gewisses Risiko birgt. Reicht es wirklich, ein Pferd sehr zu lieben, um wie in "Ostwind" ohne Sattel und Zügel über ein stehendes Auto zu springen? Ist Seelenverwandtschaft - es geht immer um Seelenverwandtschaft - ein guter Ersatz für Biologiekenntnisse?

Juli Zeh lebt mit Familie und vier Pferden bei Berlin und hat vor Kurzem bereits eine "Gebrauchsanweisung für Pferde" geschrieben, die sich an Erwachsene richtete. "Socke und Sophie" ist eine literarische Fortsetzung für Mädchen. Es enthält alle klassischen Motive: Socke kommt auf den Michaelis-Hof, er wurde schlecht behandelt und lässt sich kaum anfassen, geschweige denn reiten. Damit er nicht entsorgt wird, soll Sophie ihn betreuen, was sie mit Hilfe einer Pferdeflüsterin namens Frau Vanderbilt allerdings so erfolgreich tut, dass Sockes Verkauf droht. Es gibt einen blendend aussehenden Springreiter namens Benno, der neben der großen Liebe von Socke und Sophie natürlich nur die zweite Geige spielt, ein Sportpferd namens Satellit, das klingt wie ein Gangster-Rapper ("Neu hier, was? Tighter Shit."), und Sophies Bruder, der Fußball spielt und nervt. Man verrät an dieser Stelle nicht zu viel, wenn man andeutet, dass sich am Ende alles zum Besten wendet.

Aber Sophie, das ist das Gute an Juli Zehs Buch, gewinnt das Vertrauen und damit das Herz ihres Ponys nicht nur durch Möhren und Gefühl, sie eignet sich außerdem in Blitzgeschwindigkeit wichtiges Pferdewissen an: Wie begrüßt man ein Pony? Warum fürchten sich Pferde vor so vielem? Was sollten sie fressen? Warum ist Kraulen besser als Klopfen? Das ist besonders überzeugend, wenn Juli Zeh auch die Pferde zu Wort kommen lässt, beispielsweise wenn Socke überzeugend den Fluchtreflex erklärt: "Jeder von uns besteht aus mehreren Hundert Kilo Fleisch, wir sind quasi wandelnde Frikadellen in einer Welt voller Fleischfresser!"

Manchmal entkommt Juli Zeh nicht der Versuchung, die Pferde zu vermenschlichen. Aber der Ponyhof als Bildungsanstalt - das sollte als literarisches Genre unbedingt ausgebaut werden. (ab 10 Jahre)

Juli Zeh: Socke und Sophie - Pferdesprache leicht gemacht. Mit vierfarbigen Illustrationen von Flix. dtv Junior, München 2021. 240 Seiten, 14,95 Euro.

© SZ vom 26.03.2021
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