Reisetagebuch "Auszeit am Baikalsee" Sinnsuche bei minus 40 Grad

Deutschland schließt gerade Bekanntschaft mit russischen Hochausläufern, doch vor Ort fühlt sich die sibirische Kälte noch mal ganz anders an. Wie, das spürte Werner Beck am eigenen Leib, als er ein Jahr am Baikalsee verbrachte. Seine Erfahrungen hielt der Abenteurer in einem Reisetagebuch fest. Darin geht es um Bären, Hunger und Durst sowie Grenzerfahrungen für Leib und Seele.

Von Christopher Pramstaller

25 Millionen Jahre alt, 1642 Meter tief, mitten in Sibirien: Am Baikalsee herrscht Dauerfrost. Von Anfang November bis Ende März hat die Kälte den ältesten Süßwassersee der Erdgeschichte fest im Griff. Niemand ist hier nur eine Sekunde länger an der frischen Luft als irgend möglich. Während in Deutschland schon bei zweistelligen Minusgraden das Wehklagen beginnt, fällt das Thermometer in der dünn besiedelten russischen Einöde nicht selten bis auf minus 40 Grad Celsius.

Werner Beck beim Eisfischen am Baiklasee, der 1966 zum Unesco-Weltkulturbe erklärt wurde. Heute findet sich dort ein wahres Naturparadies mit zahlreichen Schutzgebiete und Nationalparks.

(Foto: Werner Beck)

Der Horizont zieht sich hier wie mit Lineal gezogen endlos in der klirrenden Kälte. Bitterkalter Frost hat leuchtend weiße Risse und filigrane Geometrie in die schier endlose und ebenso bizarre Eisoberfläche gezeichnet. Und ausgerechnet hier verbrachte Werner Beck seinen Winter. Tief eingeschneit in einer einfachen Jurte, die nächste Siedlung kilometerweit entfernt. Während es drinnen wohlig warm ist, türmt sich der Schnee draußen meterhoch. Nun hat er das Buch Auszeit am Baikalsee über seine Erlebnisse geschrieben.

Der Abenteurer sucht das Leben im Extremen: In der Mongolei schloss er Bekanntschaft mit den Wüstennomaden, im Iran fuhr ihm ein Taxifahrer vollgepumpt mit Rauschgift ins Auto und auf dem 3700-m-hohen Shandurpass in Nordpakistan verfolgte er ein Polomatch. Nun brachen Beck und seine Frau Heti 9000 Kilometer mit dem vollbepackten Geländewagen gen Osten auf, um ein Jahr am Baikalsee zu verbringen.

Werner und Heti Beck sind nicht allein: Jedes Jahr verlassen etwa 150.000 Deutsche das Land, um ihr Glück im Ausland zu suchen, um dort zu arbeiten und ein neues Leben zu beginnen. Doch während die meisten Auswanderer die Zivilisation nicht hinter sich lassen wollen, gehen die Becks einen Schritt weiter: Sie wollen austeigen und zu sich selbst kommen. Nur das Allernötigste soll ihnen zur Verfügung stehen. Es geht ihnen um die Frage, ob weniger nicht mehr sein kann.

Vor mehr als zwanzig Jahren hatten die beiden Eheleute nächtelang am Küchentisch gesessen und sich gefragt: "Was ist unser wichtigstes Lebensziel?" Nun, mit knapp 50, soll alles auf den Prüfstand: Status, Karriere, Beruf, Geld. Denn igendwann hatte der alte, fast schon vergessene Lebensplan wieder auf dem Tisch gelegen und die beiden hatten ungläubig den letzten Satz gelesen, den sie 20 Jahre zuvor niedergeschrieben hatten: "Mit 50 finanziell frei, unabhängig, Träume leben!"

Job und die Kinder hatten das bisher verhindert. Nun waren die persönlichen Ziele erreicht, Job und Karriere nicht mehr wichtig. Höchste Zeit, Abschied zu nehmen.

Mückenplage im Sommer, Permafrost im Winter

Für Freunde und Bekannte seien sie schlichtweg Spinner gewesen, die im Unverstand in ein unkalkulierbares Abenteuer rennen würden, schreibt Beck in seinem Buch. Denn die große Freiheit hat ihren Preis. Für die Finanzierung musste das Ersparte herhalten, die Alterssichherheit in Deutschland ist erst mal dahin. Doch die Suche nach Einsamkeit und selbstbestimmtem Leben trieb sie in die sibirische Wildnis zu Wölfen und Bären. Wärme, eine selbstverständliche Annehmlichkeit, wird hier zum unvorstellbaren Luxus.

Es ist die ideale Umgebung für Werner und Heti Beck, die die Neugier und der Reiz des Ungewissen immer wieder hinaus in die Welt getrieben hat - ob auf dem Tempelelefanten in Südindien, in einem Seekajak im Nordpazifik auf der Suche nach Killerwalen, mit Hundeschlitten in Lappland oder mit dem Landcruiser durch die Sahara. Doch dies waren alles vergleichsweise kurze Stippvisiten, die alle nur ein paar Wochen dauerten. Nun wollen sie am Baikalsee ein ganzes Jahr verbringen - 1966 zum Unesco-Weltkulturbe erklärt, findet sich dort ein wahres Naturparadies mit zahlreichen Schutzgebiete und Nationalparks.

Lebensgefahr auf der Baikaltour

In "Auszeit am Baikalsee - Ein Jahr am Limit" schildert Beck die Erfahrungen, die er und seine Frau auf der langen Reise zum Baikalsee und dem Leben in der Jurte in der Omulbucht gemacht haben: Wie sie russische Beamten an der Einreise hindern wollen, wie die Suche nach einer festen Behausung im Sande verläuft, die Mückenplage den See im Sommer heimsucht oder Bären auf der Suche nach Essbarem um die Jurte streichen.

Den Sommer verbringt er noch zusammen mit seiner Frau am Ufer des Sees, lernt zu fischen und im selbstgebauten Ofen Brot zu backen. Den Winter schließlich verbringt er dort ganz allein. Lediglich Füchse und Bären werden zu seinen Nachbarn in der Einsamkeit.

Nur äußerst selten, wenn er die Umgebung in Mehrtagestouren zu erkunden versucht, trifft er auf Menschen und kommt der russische Seele nahe. Beim Versuch, im eisigen Winter in zwölf Tagen den den Baikalsee auf Skiern zu überqueren gerät jedoch auch Beck an seine Belastungsgrenzen und muss das Abenteuer fast mit dem Leben bezahlen. Orientierungslos und halb erfroren schafft er es gerade noch rechtzeitig zur rettenden Wetterstation auf den Ushkani-Inseln.

Die größte Schwäche des Reiseberichts ist gleichzeitig seine große Stärke: Werner Beck ist kein Schriftsteller, der mit geschliffener Sprache seine Erfahrungen schildert. Nichts jedoch wäre besser um die Authentizität der Erfahrungen einzufangen, als die Rohheit seiner Sprache, die den Leser mitnimmt auf eine Reise in die sibirische Wildnis.

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