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Roman "Enteignung":Vom Nicht-Verhältnis zwischen Metropolen und Peripherie

Reinhard Kaiser-Mühlecker ist ein Vertreter eines Autorentypus, den es eigentlich nur in Europa gibt: Unter Kritikern finden seine feinsinnigen Romane jede denkbare Anerkennung. Schon früh hat er renommierte Auszeichnungen erhalten. Vor Kurzem gab es in dem japanischen Bergdorf Nozawa Onsen ein viertägiges Seminar, in dem japanische Literaturwissenschaftler Vorträge über die Prosa Reinhard Kaiser-Mühleckers hielten. Der Autor war selbst eingeladen, es stand ihm frei, den Vorträgen beizuwohnen oder aber die Zeit einfach unten in den Bädern bei den heißen Quellen zu verbringen. Kaiser-Mühlecker entschied sich für die heißen Quellen.

Vielleicht ist es diese Angewohnheit, an sorgsam vorbereiteten Plattformen seitlich vorbeizugehen, die dafür sorgt, dass er in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist, obwohl sich seine Romane allesamt um die europäische Schicksalsfrage drehen: das Nicht-Verhältnis zwischen den Metropolen und der Peripherie. Reinhard Kaiser-Mühlecker ist selbst auf einem österreichischen Schweinehof aufgewachsen, zwanzig Kilometer entfernt von Thomas Bernhards Haus, was er allerdings erst erfahren hat, als er dort schon nicht mehr lebte.

Die Existenz dieses Mannes sortiert sich entlang klassischer Entweder-oder-Konflikte

In "Enteignung" stellt er nun die beiden Lebenswelten, die sich in seiner Person vereinen, so intelligent, bedachtsam und souverän nebeneinander, dass man sich bisweilen in Coetzees Südafrika versetzt fühlt. Flor und der Ich-Erzähler sind einander nicht so fremd, dass sie nicht miteinander kommunizieren könnten, sie sind begehrende Wesen, die sich auf dieselbe Frau eingelassen haben. Was sie trennt, sind ihre ökonomischen Verhältnisse.

Der Ich-Erzähler besitzt nichts, das nicht jederzeit austauschbar wäre: sein Job, seine Affären, seine Loyalitäten sind stets vorläufig. Er hat sich den Erfordernissen des Kapitalismus so weit angepasst, dass er ihn nicht mehr spürt. Flor hingegen hat von seinem Vater einen Stall geerbt, der 365 Tage im Jahr 18 Stunden am Tag bewirtschaftet werden muss, wenn er sich gegen die Konkurrenz aus Deutschland und China behaupten möchte, und den er nicht aufgeben kann, weil Landwirte seines Schlags eher die Waffe gegen sich selbst richten, als ihren Hof aufzugeben. Er steckt außerdem in einer Ehe fest, die er nicht auflösen kann, ohne den Hof zu verlieren. Und er ist einer Frau verfallen, die nicht seine Ehefrau ist, und die er nur zwei Stunden pro Woche sehen kann, am Sonntagvormittag, wenn seine Frau in der Kirche ist. Die Existenz dieses Mannes sortiert sich entlang klassischer Entweder-Oder-Konflikte, bei denen alles auf dem Spiel steht, und für die es in der zeitgenössischen Literatur im Grunde keine Sprache mehr gibt, die nicht sofort als melodramatisch verworfen würde. In diesem Sinne ließe sich der Titel des Romans nicht nur auf die wirtschaftliche Enteignung beziehen, die im Begriff ist, den Bauern zum Äußersten zu treiben, sondern auch auf eine symbolische: Das Georg-Büchner-hafte Pathos einer Geschichte, in der ein Mann, der von keiner Instanz Hilfe zu erwarten hat, alles, was ihm teuer ist, gegen den Staat verteidigt, ist heute in die Sportberichterstattung ausgelagert.

Weil der Roman aber aus der Perspektive des hedonistischen Ich-Erzählers erzählt wird, der dafür weder ein Sensorium noch eine Sprache hat, kommt dieses Drama nur in Andeutungen vor. Der Erzähler ist wegen der Frauen hier, und weil es eine interessante Erfahrung ist. Je häufiger allerdings am Rande seiner Erzählung, die vor allem von ihm selbst handelt, sprachlos-verzweifelte Gestalten auftauchen, desto dringender wird der Verdacht, dass er einiges übersieht und die eigentliche Geschichte ohne ihn stattfindet. Weil es in der Romangegenwart aber Leuten wie ihm zufällt, die Geschichten zu erzählen, wird der österreichische Bauer auch noch seines eigenen Bildes beraubt. In dieser Bewegung vollzieht der Roman genau jene sprachliche Verdrängung nach, die Bücher dieses Genres überhaupt erst hervorbringt.

Sprachlich gibt sich der Roman seltsam unbedarft: Sexszenen werden eingeleitet, indem der Mann erst das Gesicht der Frau zwischen seine Hände nimmt - und dann wird abgeblendet. Es kommt vor, dass Bemerkungen eine Figur treffen "wie ein Schlag in die Magengrube". Weil diese Sprache aber auf eine wirklich besondere Beobachtungsgenauigkeit trifft, entsteht eine besondere Spannung: Der Protagonist ist so pathologisch durchschnittlich, dass man ständig erwartet, er werde sich als Psychopath herausstellen oder zumindest als pervers. Um dann festzustellen, dass er auf eine bitterkalte Hans-Landa-Art all das gleichzeitig ist. Und in seiner Selbsterzählung natürlich trotzdem der good guy. Ganz ähnlich übrigens wie Flor, der innerliche verhärtete Bauer. Es geht hier nicht darum, die Landbevölkerung zu idealisieren. Die Haltung des Romans ist eher die einer romantischen Vergeblichkeitsumarmung, nicht eben lösungsorientiert, aber seine eigene, helle Wahrheit.

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Enteignung. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019. 224 Seiten, 21 Euro

© SZ vom 09.03.2019/cag
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