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Reichspogromnacht:Täter, Zeugen

Ein hervorragend recherchierter Band dokumentiert die in der Nacht von 9. auf 10. November 1938 zerstörten Synagogen.

In der Pogrom-Nacht vom 9. November auf den 10. November 1938 blieb die Synagoge in Siegen unberührt. Verschont wurde sie nicht. Der Kreisleiter der NSDAP hatte von ihrer Existenz nichts gewusst. Mit Verspätung wurde sie am 10. November von SA-Leuten in Brand gesetzt. So berichtet es Walter Berg, dessen Lebenserinnerungen im Stadtarchiv Siegen liegen. "Frau Schlemper, eine Nachbarin, weinte und sagte: 'Das kann nicht gut gehen. Die Juden sind das Volk Gottes.'"

Die bildende Künstlerin Astrid Köppe hat für das Projekt "Pogrom 1938", das der Fotograf Michael Ruetz angestoßen und mit Unterstützung der Berliner Akademie der Künste realisiert hat, die Erinnerung aus dem Siegener Stadtarchiv gezogen. Bilder vom Brand und Einsturz der Kuppel hat der Siegerländer Heimat- und Geschichtsverein beigesteuert. Auf Basis der Liste der zerstörten deutschen Synagogen hat Astrid Köppe mit über tausend Archiven, Gemeinden, Vereinen und Privatpersonen Kontakt aufgenommen und nach Textzeugnissen und Fotografien recherchiert. Eine wissenschaftliche Dokumentation ist daraus nicht geworden, schon weil häufig exakte Datierungen fehlen und die beigefügte Deutschlandkarte sich auf die heutige Bundesrepublik beschränkt. So kommen zum Beispiel die niedergebrannten Synagogen von Breslau und Beuthen nicht vor. 115 Schauplätze, überwiegend kleine und mittlere Städte mit einem Übergewicht in West- und Südwestdeutschland, sind aufgenommen.

Der Brand der Synagoge am Obergraben in Siegen am 10. November 1938. Zu den Augenzeugen gehörte Walter Berg, dessen von 2003 an aufgezeichnete Kindheitserinnerungen im Stadtarchiv Siegen liegen.

(Foto: Siegerländer Heimat- und Geschichtsverein)

Es ist eine Text-Bild-Collage entstanden, in der Akteure und Zuschauer auf das Geschehen, seine Resultate und nicht selten in die Kameras blicken, von denen unklar bleibt, wer hinter ihnen stand. Männer mit Spitzhacken haben das Demolieren der Synagoge von Ludwigsburg unterbrochen, um mit ihren Spitzhacken und Hämmern zu posieren, Passanten versammeln sich vor den eingeschlagenen Schaufenstern, Kultgegenstände und Inventar aus den Synagogen werden auf Marktplätzen oder Wiesen verbrannt. Der mit stolzgeschwellter Brust verfasste Bericht eines SA-Mannes in Brühl über sein Zerstörungswerk in einem jüdischen Privathaus, der aus Prozessakten des Jahres 1945 stammt, gibt Einblick in die Innenwelt eines Täters. Der in roter Farbe den Texten und Fotografien hinzugefügten Abscheubekundungen des Herausgebers hätte es nicht bedurft. Die Recherche ist beklemmend genug.

Michael Ruetz: Pogrom 1938. Das Gesicht in der Menge. Nimbus Verlag, Wädenswil am Zürichsee 2018. 156 Seiten, 29,90 Euro.