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Reiche in Deutschland:Das Oberschichten-Problem

Sie erhalten nicht nur viel Geld, sondern nehmen Einfluss auf gesellschaftliche Debatten, Politik und Gesetzgebung. Wer sind die Reichen in Deutschland? Und wer hat sie zur Elite gemacht?

"Die" Reichen in Deutschland sind weitgehend unbekannte Wesen. Denn die wenigen reichen Leute, die in den Medien zu finden sind, haben nur wenig mit den "normalen" Reichen zu tun - mit dem obersten Prozent der Einkommensbezieher, das sind immerhin 650 000 Menschen. Also etwa so viele, wie in einer Großstadt wie Frankfurt am Main leben.

Die allermeisten dieser "normalen Reichen" zeichnen sich durch eine gute Ausbildung und lange Arbeitszeiten aus. Rentiers sind da nur wenige zu finden. Um so mehr dürften sich alle über Steuerhinterziehung in der absoluten Spitze der Einkommensverteilung ärgern.

Die "Superreichen" sind innerhalb der Gruppe der Reichen wiederum eine verzerrte Auswahl: Die yellow press berichtet naturgemäß eher über Verfehlungen von Sportlern, Musikern und Adeligen als über das vergleichsweise langweilige Leben von Wirtschaftsführern. Aber diese Gruppe ist gesellschaftlich wichtig: Sie erhält nicht nur viel Geld, sie nimmt auch Einfluss auf gesellschaftliche Debatten, Politik und Gesetzgebung. Diese Leute stellen in der Tat eine Elite dar, während die Reichen des Showbiz allenfalls ein wenig in Talkshows auftreten dürfen, bis der Nächste drankommt.

Die jüngsten Daten der Einkommensteuerstatistik, mit denen man sich die Einkommenssituation im Detail anschauen kann, stammen aus dem Jahr 2001. Um zum obersten Zehntel der Bruttoeinkommen zu zählen - das sind 6,5 Millionen Personen -, reichen (in Preisen von 1992 gerechnet) 50 000 Euro im Jahr aus. Dieses Zehntel wird von vielen wahrscheinlich gar nicht zu den wirklich Reichen gezählt. Und viele, die dazu gehören, rechnen sich dem gut bürgerlichen Mittelstand zu.

Die permanente Blockade

Um zum obersten Prozent der Einkommensbezieher, also zu den reichsten 650000 Personen, zu gehören, waren 112000 Euro notwendig; das werden die meisten auch durchaus als reich ansehen. Aber die Einkommen von Spitzenmanagern in doppelstelliger Millionenhöhe, die die Schlagzeilen bestimmen, werden nur von ganz wenigen vereinnahmt. Nur 10 Einkommensbezieher aus einer Million (also 0,001 Prozent oder 650 Personen) hatten 2001 ein reales Bruttoeinkommen von mehr als 6,5 Millionen Euro; das Durchschnittseinkommen dieser Gruppe betrug 15 Millionen Euro.

Die Lebenslage dieser Reichen hat also mit der Lebenslage fast der gesamten Bevölkerung nichts zu tun. Das gilt erst recht für die absoluten Spitzen: Die 65 Reichsten beziehen ein Durchschnittseinkommen von 50 Millionen Euro pro Jahr. Dagegen ist das Einkommen eines Vorstandsvorsitzenden noch mickrig. Aber von diesen Menschen, es sind überwiegend Unternehmer, findet man nur einen auf eine Million Einkommensbezieher.

Der Weg zum "normalen Reichtum" war in der Bundesrepublik bislang recht offen. Die obersten 10 Prozent zu erklimmen, war nicht utopisch. Und selbst das oberste Prozent der Einkommen ist für einen gut Ausgebildeten oder einen pfiffigen Unternehmer in Sichtweite. Im Vergleich zu den skandinavischen Ländern war es in Deutschland zwar weniger leicht aufzusteigen. Aber Deutschland war deutlich offener als die nach wie vor bestehende Klassengesellschaft in den USA, die entgegen den Klischeevorstellungen ("vom Tellerwäscher zum Millionär") seit Jahrzehnten eine ziemlich geschlossene Gesellschaft darstellt, wo der Besuch einer guten Schule (und später einer guten Universität) die Kinder frühzeitig in unten und oben trennt.

Deutschland war auch offener als die europäischen Klassengesellschaften in Spanien, Großbritannien und Frankreich, wo "Eliteschulen" nie aufgehört haben, eine kanalisierende und für die Oberschicht schützende Rolle zu spielen.

Die richtigen Leute

Aber das dürfte sich gegenwärtig ändern: Privatschulen und Auslandsaufenthalte gewinnen rasant an Bedeutung. Das gesellschaftlich Fatale ist: Wer "Elitehochschulen" besucht - oft sind es ja nur Business Schools und gar keine richtigen Universitäten -, der lernt oft gar nicht so viel mehr als die Studierenden an anderen Hochschulen: aber an den Eliteeinrichtungen lernt man die richtigen Leute kennen. Diese internationalen Netzwerke - früher hat man "Seilschaften" gesagt - führen zu einer wieder zunehmenden Polarisierung in der bundesdeutschen Gesellschaft, wie man sie über Jahrzehnte nur aus dem Ausland kannte.

Da nutzt es auch wenig, darauf hinzuweisen, dass in Deutschland Wohlhabenheit durchaus mit Anstrengung verbunden ist: Betrachtet man mit Hilfe einer großen wissenschaftlichen Erhebung (dem Sozioökonomischen Panel) die Lebenssituation der fünf Prozent der obersten Nettoeinkommen, dann stellt man fest, dass über die Hälfte dieser Personen viel Lebenszeit investiert haben, um einen Hochschulabschluss zu erreichen.

Von den restlichen 95 Prozent der Einkommensbezieher haben nur 16 Prozent einen Hochschulabschluss. Und "normaler Reichtum" ist in Deutschland mit langen Arbeitszeiten verbunden: 50 Prozent machen Überstunden oder arbeiten als Selbständige sehr lange, jeder sechste Reiche regelmäßig am Wochenende.

Die Wahrnehmung von zunehmender Ungleichheit wird von allen Einkommen im oberen Einkommensbereich verursacht. Die Einkommen der reichsten 650 000 Personen sind in den neunziger Jahren real um sieben Prozent gestiegen - bei stagnierenden Real-Einkommen für fast alle anderen. Aber das eigentliche Ungleichgewicht wurde ganz oben verursacht: Die reichsten 650 Personen - also 10 aus einer Million - haben ihre Einkommen um 35 Prozent gesteigert. Und die 65 Superreichsten gar um 50 Prozent.

Und diese Entwicklung ist nicht nur einer anonymen "Globalisierung" geschuldet, sondern auch der wundersamen Zunahme von exorbitanten Gehältern. Kein Einziger von ihnen wäre weniger fleißig, wenn er weniger verdienen würde. Und er würde weniger in Versuchung geführt, Steuern zu hinterziehen.

Die Angst

Die moderne Wirtschaftsforschung bestätigt, was der Volksmund schon lange weiß: Geld macht nicht glücklich. Zwar sind Reiche mit ihrem Leben deutlich zufriedener als der Durchschnitt. Aber das liegt nicht in nennenswerter Weise am Einkommen; vielmehr spielen eine gute Bildung sowie sichere und interessante Arbeitsplätze eine viel größere Rolle. Aber wir lassen uns unser Geld nicht gerne abnehmen: Der Mensch hat eine enorme Angst vor Verlusten. Wenn man Spitzeneinkommen hoch besteuert, dann provoziert das Ausweichreaktionen. Besser wäre es für alle Beteiligten, wenn das hohe Brutto-Einkommen gar nicht erst entstehen würde.

Und noch besser wäre es, wenn es nicht so viele Möglichkeiten gäbe, Kosten von der Steuer abzusetzen. Denn das führt dazu, dass Heerscharen von Steuer- und Finanzberatern darüber nachdenken, wie sie absetzbare Kosten - oder gar Stiftungen - erfinden können. Niedrigere Spitzensteuersätze und eine rigorosere Besteuerung von Bruttoeinkommen würden die Kreativität im Hinblick auf Steuervermeidung minimieren und das Steueraufkommen im obersten Einkommensbereich steigen lassen.

Das ist aber viel leichter gesagt als politisch getan. Denn vom Absetzen von Kosten profitieren ja nicht nur die Spitzen-, sondern auch Normalverdiener. Die nicht abschaffbare Pendlerpauschale ist ein gutes Beispiel. Das rechtfertigt zwar keine Steuerhinterziehung. Die permanente Blockade einer vernünftigen Steuerreform zeigt aber, dass die Reichen und der Rest der Bevölkerung in dieser Frage enger zusammenstehen, als man meinen könnte.

Der Autor ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der TU Berlin und Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

© SZ vom 21.2.2008/rus
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