Reich-Ranicki zum 90. Unser Störenfried

Angetreten, den nach 1933 aus Deutschland vertriebenen Geist der Kritik möglichst unmissverständlich wieder heimisch zu machen: Marcel Reich-Ranicki und seine großen Autoren.

Von Lothar Müller

Im Jahr des Historikerstreits, 1986, las Marcel Reich-Ranicki das soeben erschienene Buch Im Etablissement der Schmetterlinge des Gründers der Gruppe 47, Hans Werner Richter. Der Bericht über diese Lektüre ist eine Schlüsselpassage in Marcel Reich-Ranickis Autobiographie Mein Leben (1999). Er führt zurück in das Jahr 1958, in dem Richter den Kritiker zum Treffen im Allgäu eingeladen und überdies zur Publikation eines Artikels darüber ermuntert hatte.

Der Kritiker hat immer recht: Mit Verve und Wüten wurde Marcel Reich-Ranicki zum Literaturpapst Deutschlands.

(Foto: ddp)

Wer hat immer recht?

Scherzhaft, so erinnert sich Reich-Ranicki, habe er in dem Artikel von Richter als einem Diktator gesprochen und hinzugefügt: "Obwohl wir gegen jegliche Diktatur sind, lassen wir uns eine solche gern gefallen."

Noch 28 Jahre später habe Hans Werner Richter nicht etwa an dem Wort "Diktator" Anstoß genommen, sondern an der allzu selbstverständlichen Inanspruchnahme des Personalpronomens "wir" durch den aus Polen in die Bundesrepublik gekommenen Neuling, der das erste Mal dabei war, aber vorhatte zu bleiben.

Auf diese Beanstandung des "Wir" repliziert Reich-Ranicki: "Beschämt will ich die peinliche Wahrheit gestehen: Ich meinte wirklich, dass ich ,ganz selbstverständlich' dazugehörte." Und er lässt keinen Zweifel an seiner Vermutung für den Grund dafür, dass Richter ihn noch nach Jahrzehnten auf die Rolle des "Außenseiters" festlegte: "Sein Verhältnis zu Juden war auch vierzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs befangen und verkrampft."

Bei der Tagung im Allgäu 1958 hatte Günter Grass zwei Kapitel aus dem Manuskript der Blechtrommel gelesen. Noch in Warschau hatte Reich-Ranicki im Mai den Autor kennengelernt, der nach Polen gekommen war, um für seinen Roman zu recherchieren. Mit seiner furiosen Lesung gewann Grass den Preis der Gruppe 47, und Reich-Ranicki ratifizierte dieses Urteil in dem Tagungsbericht. Es hatten sich damit nicht nur ein Autor und ein Kritiker gefunden. Es war zugleich das "Wir" gerechtfertigt, an dem Hans Werner Richter Anstoß nahm.

Mann mit Zukunft

Denn es gehört zur Karriere des Kritikers Marcel Reich-Ranicki, dass er in Deutschland auf Autoren stieß, für die er seit seinen ersten Auftritten dazugehörte, als Mann mit Zukunft, als Stimme, auf die zu achten war. Vieles hat dieser Kritiker über Wolfgang Koeppen oder Heinrich Böll, Uwe Johnson oder Max Frisch geschrieben. Aber in zwei Autoren fand er in besonderer Weise ein Gegenüber, einen Gegenstand, an dem seine Fähigkeit zum enthusiastischen Lob wie zum kompromisslosen Verriss sich entfalten konnte wie nirgends sonst: Günter Grass und Martin Walser.

Vom Verfolgten zur Literatur-Instanz

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