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Reich-Ranicki zum 90.:"Arbeitslose Sozialfälle wären sie"

Beide Autoren waren einige Jahre jünger als er selbst, aber beide alt genug, um für ein kritisches Verhältnis auf Augenhöhe in Frage zu kommen.

An seiner Rezension der Blechtrommel (1959) hat Reich-Ranicki wenige Jahre später das Recht des Kritikers auf Irrtum erläutert und ihr die Selbstkritik des ,Blechtrommel'-Kritikers nachgeschickt, Martin Walser hat er, als 1976 Jenseits der Liebe erschien, den härtesten Verriss gewidmet, den er je geschrieben hat, und wenig später unter dem Titel Seine Rückkehr zu sich selbst die Novelle Das fliehende Pferd (1978) als Meisterwerk gefeiert. Seine Autobiographie hat Marcel Reich-Ranicki mit einer Günter-Grass-Anekdote eröffnet. In Martin Walsers Tagebüchern der Jahre 1974 bis 1978, die in diesem Frühjahr erschienen, zieht sich das Wüten gegen den Autor des Jenseits der Liebe-Verrisses über mehr als hundert Seiten hin. Aber es ist das Wüten gegen einen, der dazugehört.

Gemeinsames Terrain

Trotz aller aus der historisch-politischen Sphäre erwachsenden Spannungen zwischen Reich-Ranicki und Günter Grass von den sechziger Jahren bis zur Wiedervereinigung und dem Verriss des Romans Das weite Feld, trotz des Misstrauens, das Martin Walser mit seiner Friedenspreisrede des Jahres 1998 bei Reich-Ranicki auslöste, trotz des endgültigen Bruchs zwischen Kritiker und Autor nach Walsers Roman Tod eines Kritikers (2002), ist der Grundriss des alten Dreiecks noch sichtbar, in dem es hoch hergehen mochte, das aber die Protagonisten nicht zufällig zusammenschloss.

Denn zum einen agierten sie in gewisser Weise auf gemeinsamem Terrain. Wenn Marcel-Reich Ranicki nach dessen Auftritt bei der Gruppe 47 in Princeton 1966 ein Buch von Peter Handke verriss, galt das einem jungen - oder später: ehemals jungen - Mann, der sich verrannt hatte, und war gar nicht so weit weg von dem Ton, den Günter Grass öffentlich und Martin Walser in seinen Tagebüchern gegen Handke anschlug.

Zum anderen aber, und das war das Entscheidende, traf hier ein Kritiker, der nicht nur die deutsche Literatur zu seinem "portativen Vaterland" gemacht, sondern sich zugleich vorgenommen hatte, den nach 1933 aus Deutschland vertriebenen Geist der Kritik hier möglichst unmissverständlich wieder heimisch zu machen, auf Autoren, die zur Kritik ein höchst lebendiges, aber, was die Literatur betraf, zutiefst skeptisches Verhältnis pflegten.

Anwalt der Kritik

Günter Grass, in der Sphäre der politischen Öffentlichkeit vehementer Anwalt der Kritik und praktizierender Kritiker, hält seit je die literarische Kritik für ein im Grunde überflüssiges, im Kern parasitäres Genre und den Autor für einen unfreiwilligen Arbeitgeber der Kritiker:

"Ohne ihn gäbe es die Kritiker nicht, ohne sein vorliegendes Werk müssten sie sich selbst zerfleischen; arbeitslose Sozialfälle wären sie ohne den Schriftsteller, der sie in Lohn und Brot hält, indem er ihnen wiederholt Gelegenheit bietet, an den Früchten seiner Arbeit zu partizipieren, nährt er sie."

So wie hier in der Dankesrede zum Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste 1994 ist der Kritiker für Günter Grass vor allem eines: der unerwünschte Dritte, der Störenfried im Verhältnis zwischen Autor und Publikum. Es ist dies eine Gedankenfigur, die Grass mit Martin Walser teilt, zu dessen Lieblingssätzen das Goethe-Diktum gehört: "Wer mich nicht liebt, der darf mich auch nicht beurteilen."

Man muss nur einmal in einer Veranstaltung gewesen sein, in der Günter Grass oder Martin Walser - beide sind glänzende Vorleser - ihr Publikum in den Bann schlagen, um zu ahnen, wie wenig der kunstfromme, vom Geniekult genährte Satz "Der Dichter hat immer recht" in Deutschland an Geltung verloren hat.

Es bedurfte eines Kritikers vom Temperament Marcel Reich-Ranickis, um dem in öffentlicher Rede Paroli zu bieten - und sei es um den Preis, dass schließlich in seinen eigenen Publikumsveranstaltungen zu gelten schien: Der Kritiker hat immer recht.

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