Regisseur Sebastian Schipper über "Victoria" "Ich habe Lust auf Fehler"

Kränkung vergessen und weitermachen: Sonne (Frederick Lau, l.) und Victoria (Laia Costa) haben auch in dieser Szene nur einen Versuch.

(Foto: Senator Film Verleih)

Genau hier, genau jetzt: Sebastian Schipper erzählt, warum er seinen Film "Victoria" in einer einzigen Kameraeinstellung gedreht hat - und von der Faszination eines Banküberfalls.

Von Paul Katzenberger

Die Angst des Schauspielers vor der Kamera ist Sebastian Schipper nur allzu vertraut. Als er 2010 in der Hauptrolle von Tom Tykwers Beziehungsdrama "3" seinen ersten großen Erfolg als Schauspieler verbuchte, bekannte er, dass er zuvor 18 Jahre lang vor der Kamera meist gelitten habe. Hinter der Kamera quälte sich Schipper weit weniger - schon bei seinem Regie-Debüt "Absolute Giganten" erhielt er 1999 von der Kritik Lob für seine Leistung, die er in zwei weiteren Spielfilmen weitgehend bestätigen konnte.

Als schauspiel-gestählter Regisseur wusste Schipper also, was er von seinen Darstellern und von seinem Kameramann forderte, die in seinem neuen Thriller "Victoria" für jede Szene nur einen einzigen Versuch hatten. Denn der 139-Minüter wurde nonstop in einer Kameraeinstellung an 22 Orten in Berlin mit 150 Komparsen und sieben Schauspielern gedreht. Das Experiment ging auf: Bei der Berlinale gab es überschwängliches Lob für den Film und einen Silbernen Bären für Kameramann Sturla Brandth Grøvlen. Und auch jetzt beim Kinostart sind die Feuilletons der Zeitungen begeistert.

SZ.de: Warum haben Sie sich auf das Himmelfahrtskommando eingelassen, einen Film ohne Schnitt zu machen?

Sebastian Schipper: Mich hat der Gedanke fasziniert, einmal einen Banküberfall zu begehen. Nicht im Film, sondern im echten Leben. Auch wenn ich natürlich wusste, dass ich es dann doch niemals machen werde. Ich bin nun mal kein Bankräuber, sondern ein Filmemacher. Doch ich hatte das relativ weit durchgedacht, und war dann erschrocken darüber, wie wenig die Idee, einen Film über einen Banküberfall zu machen, mit einem echten Banküberfall zu tun hat.

Wie meinen Sie das? Weil der Filmemacher im Gegensatz zum Bankräuber kein schweres Verbrechen begeht und deswegen nie Gefahr läuft, im Knast zu landen?

Selbst wenn ich nur als Fahrer bei einem ganz unspektakulären Banküberfall mitmachen würde, wäre das mit das dramatischste, was ich bisher erlebt hätte. Doch für Filmemacher ist ein gewöhnlicher Banküberfall normalerweise uninteressant. Deshalb sagt das Kino oft: 'Das ist der raffinierteste Banküberfall aller Zeiten', oder: 'Es geht um die meisten Goldbarren.' Doch das ist nur ein ein Trick. Wirklich auf Tuchfühlung zu einem echten Bankraub geht man dadurch nicht. Um das zu erreichen, kam ich auf den Gedanken, den Film in einem Take zu drehen.

Das müssen Sie erklären.

Es ging darum, ins Risiko zu gehen. Um das "Genau-jetzt-genau-hier"-Gefühl. Alles kann ja furchtbar schief gehen.

Und was war Ihre Beute? Die ist für den Bankräuber ja entscheidend.

Das glaube ich nicht einmal. Das Geld ist die oberflächliche Motivation. Die Motivation darunter, ist die, auszubrechen. Sich nicht mehr ganz hinten anzustellen und brav zu warten, bis man dran ist, und dann doch wieder zu wenig zu bekommen, sondern zu sagen, ich will hier jetzt alles.

Sebastian Schipper (im Bild bei der Premiere von "Victoria" bei der Berlinale 2015): "Kein Mensch kommt aus dem Kino und sagt: Das ist mein Lieblingsfilm, in dem stecken so wenige Fehler."

(Foto: imago/Future Image)

Und Sie wollten auch alles? Zumindest in der Währung der Regisseure: einen ganz besonderen Film? Etwas ganz Neues, nie zuvor Gesehenes?

Ja! Aber es ist geheimnisvoller: Es gehört sicher die Erfahrung dazu, dass die ersten Ideen, einen Film zu machen, ganz wild sind, ungezügelt und frei. Doch der Prozess des Filmemachens kostet viel Geld und dauert vor allem lange, dabei wird dieses wilde Tier häufig immer mehr gezähmt und ihm werden immer mehr Tricks beigebracht. Am Ende hat man es mit einem halbdepressiven Geschöpf zu tun, dem jeder für 50 Cent auf der Streichelwiese Erdnüsse füttern kann. Mir kommt das Kino deswegen inzwischen wie ein Zoo vor, in dem lauter halb trübselige Tiere herumlungern. Das erklärt vielleicht auch den begeisternden Aufschwung dieser tollen neuen Fernsehserien. Weil die wieder so wild und unberechenbar sein durften, wie wir es einst vom Kino her kannten.

Wenn man Ihrem Thriller etwas zusprechen kann, dann wohl, dass er intensiv, unabsehbar und improvisiert ist. Aber daraus muss ja noch kein guter Film werden? Glauben Sie, dass Sie dadurch etwas erreichen konnten, was sonst nicht möglich gewesen wäre?

Auf jeden Fall. Ich denke, der Zuschauer bekommt in "Victoria" mehr das Gefühl, tief in die Handlung einzutauchen, als in anderen Filmen. Er wird mit der ganzen Bandbreite der Emotionen konfrontiert, zu denen der Mensch fähig ist - von panischer Angst bis zur Euphorie.

Finden Sie es schade, dass Sie nicht der erste waren, der einen Film ohne Schnitt zustande gebracht hat? Das ist Alexander Sokurow schon 2002 mit "Russian Ark" gelungen.

Nein. Das ist ja ein ganz anderer Film. "Russian Ark" spielt nur in geschlossenen Räumen und versucht von der Inszenierung her so präzise zu sein wie ein geschnittener Film. Wir hatten erklärtermaßen das genaue Gegenteil vor. Das Zulassen von Fehlern war gerade das Ziel.

Als solider Handwerker, der Sie als Absolvent der Otto-Falckenberg-Schule sicher sind, kann Ihnen das nicht leicht gefallen sein. Ihnen müssen die Schnitzer, die während Dreharbeiten nun mal laufend passieren, ständig aufgefallen sein. Wie steckten Sie das weg?

Da fragen Sie mit mir den Falschen. Ich habe ja Lust auf Fehler. Das löst in mir schon länger etwas Konstruktives aus, und das hat in der digitalen Welt sogar noch zugenommen. Deren Perfektion erleidet glücklicherweise langsam einen Ermüdungsbruch. Denn wir begegnen Musik, Literatur und dem Film nicht, indem wir nach Fehlern suchen. Kein Mensch kommt aus dem Kino und sagt: 'Das ist mein Lieblingsfilm, in dem stecken so wenige Fehler.'